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Staatssekretär will gegen Kassen vorgehen

13.05.2002
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Staatssekretär will gegen Kassen vorgehen

von Thomas Bellartz, Oberhausen

Die aktuelle Gesundheitspolitik stand beim Apotheken-Strategie-Wirtschaftsforum der Heitfeld-Unternehmensgruppe in Oberhausen ganz oben auf der Agenda. In die Höhle des Löwen wagte sich auch der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Dr. Klaus-Theo Schröder.

Der Staatssekretär ließ im Oberhausener Technologiezentrum keinen Zweifel am Reformwillen der SPD im Gesundheitswesen. Mit Blick auf den Versandhandel verwies Schröder darauf, dass man die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Europa nicht aufhalten könne. Er forderte die Apothekerschaft auf, gemeinsam mit der Politik Konzepte für die Einführung des Versandhandels zu entwickeln.

Der Staatssekretär von Ministerin Ulla Schmidt verwies noch einmal auf die Empfehlung des Runden Tischs zur Einführung des Versandhandels in Deutschland. Allerdings seien die Hürden für potenzielle Versender hoch. Schröder will überdies nicht zulassen, dass Krankenkassen sich über noch geltendes Recht hinwegsetzen und ihre Patienten zum Bezug bei ausländischen Versendern auffordern und Rezepte erstatten. "Wenn das so läuft, werden wir das unterbinden", gestand Schröder bei bereits aufgeladener Stimmung im Saal zu.

Zuvor hatte Karl-Rudolf Mattenklotz, Präsident der Apothekerkammer Nordrhein, den Besuchern die verschiedenen Positionen der im Bundestag vertretenen Parteien nahe gebracht. Man stehe vor gewaltigen Umbrüchen signalisierte Mattenklotz die Bedrohlichkeit der Lage. Es sei ein richtiger und guter Schritt gewesen, jetzt die Patientinnen und Patienten im Rahmen der "Initiative Pro Apotheke" zu mobilisieren. Der Politik müsse nun klar gemacht werden, dass der Versandhandel von den Menschen nicht gewollt werde.

Der Kammerpräsident erinnerte die Anwesenden auch daran, dass es nur wenige Verbündete auf Seiten der Apothekerschaft gebe. Das habe das Abstimmungsverhalten am Runden Tisch gezeigt. Mattenklotz kritisierte insbesondere das Abstimmungsverhalten der Industrievertreter. Es stelle sich derzeit so dar, dass in der Arzneimittelversorgung die Apothekerschaft alleine ins Visier der Politik geraten ist. Die Industrie habe sich aus ihrer Verantwortung heraus gekauft, am Mehrwertsteueranteil des Staates werde ohnehin nicht gerüttelt. Apothekerinnen und Apotheker müssten jetzt deutlicher denn je den Schulterschluss üben und gemeinsam Position beziehen.

Auch Karin Wahl, Präsidentin der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, schlug in dieselbe Kerbe. "Das Gesundheitswesen ist präzise wie ein Uhrwerk", bemerkte Wahl und dokumentierte, dass der Rohertrag der Apotheken nur rund 4,5 Prozent an den Gesamtausgaben des deutschen Gesundheitswesens ausmache. Sie skizzierte, was passiere, wenn der Versorgungsauftrag auf die Krankenkassen übergehe. Die unabdingbare Folge seien Einzelverträge und Einkaufsmodelle. Es komme dann zu erheblichen Verwerfungen im Apothekenwesen.

Wahl hakte nach, was denn ein "solidarischer Wettbewerb" zwischen Versandhandel und öffentlicher Apotheke bedeuten solle. Die Begriffe "solidarisch" und "Wettbewerb" stünden sich gegenüber, seien nicht miteinander vereinbar. "Wie soll das gehen", fragte Wahl in die Runde. Die Kammerpräsidentin beklagte, dass die Regierung "ihre Hausaufgaben nicht gemacht" habe. In der Europäischen Union seien die Gesundheitssysteme nicht miteinander vergleichbar, die Mehrwertsteuer sei europaweit unterschiedlich und auch die Herstellerabgabepreise nicht geregelt. Das deutsche Gesundheitswesen könne nicht einfach billiger werden.

Die Apothekerschaft dürfe keine Angst vor dem Versandhandel haben, wenn er denn tatsächlich komme und Chancengleichheit bestehe. Wahl: "Da sind wir doch besser." Der Berufsstand werde sich verändern müssen, wenn er in Zukunft bestehen wolle. Doch klar ist auch für sie: "Die Bevölkerung will keinen Versandhandel. Wovor haben wir also Angst?"

In einer Podiumsdiskussion, an der neben Mattenklotz und Wahl auch der Berater des Bundesverbandes Krankenhausversorgender Apotheker, Dr. iur. Johannes Pieck teilnahm, bekräftigte Dr. Hermann Kortland für den Bundesfachverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH): "Auch wir sind gegen den Versandhandel." Allerdings habe man am letzten Runden Tisch keinen Platz erhalten, insoweit nicht dagegen stimmen können. Für die Gehe Pharmahandel GmbH bekräftigte deren Marketingchef Dr. Henrik Meyer-Höven die eindeutige Ablehnung des Versandhandels. Top

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