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Gemeinsam auf Distanz

15.04.2002  00:00 Uhr

Gemeinsam auf Distanz

von Thomas Bellartz, Berlin

Eine Premiere verkündeten am Dienstag die Kammerpräsidenten von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern. In einer gemeinsamen Erklärung gehen sie auf Distanz zu den jüngsten Reformgedanken aus dem Kreis der SPD - und machen sich eigene.

Auch wenn der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Dr. Jörg-Friedrich Hoppe bemüht war, die Parteipolitik aus dem Spiel zu lassen: Die von ihm vorgetragenen "Sieben Schritte auf dem Weg zur Gesundheitsreform" stehen der aus SPD-Reihen und dem Bundesgesundheitsministerium getragenen Reformwünschen entgegen.

Im Trio gab Hoppe mit dem Präsidenten der Bundesapothekerkammer, Johannes Metzger, und dem Präsidenten der Bundeszahnärztekammer, Dr. Jürgen Weitkamp, eine gemeinsame Erklärung (siehe Kasten) ab. Hoppe freute sich über die Verständigung von Apothekern, Ärzten und Zahnärzten. Er gab überzeugt zu Protokoll: "Wir müssen zusammenhalten." Man teile miteinander die Sicht, dass es einen Wandel geben von der patientenbezogenen zur Zuteilungsmedizin. Das sei jedoch der falsche Weg. Hoppe: "Wir sind sehr besorgt, dass die auf Patienten bezogene Versorgung verloren geht."

 

Sieben Schritte auf dem Weg zur Gesundheitsreform Repräsentanten der Apothekerschaft, Ärzteschaft und Zahnärzteschaft haben die folgenden gemeinsamen Ziele für kurzfristige Reformmaßnahmen festgelegt:

  1. Der Erhalt der freien Wahl des Arztes, Zahnarztes und Apothekers verbunden mit freier Wahl der Krankenversicherung ist auch für die zukünftige Gestaltung des Gesundheitssystems unabdingbare Voraussetzung. Die Koordination von Leistungen muss sichergestellt werden.
  2. Die Heilberufe bekennen sich ausdrücklich um Solidarprinzip. Es muss mit den demografischen, medizinischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Einklang stehen.
  3. Im Wettbewerb der Krankenversicherungen muss Raum für die private Krankenversicherung bleiben. Eine Einheitsversicherung lehnen wir ab.
  4. Die Patienten müssen auch in Zukunft den Anspruch auf die medizinisch notwendige Versorgung haben. Um die Eigenverantwortung der Patienten und damit deren Kostenverantwortung zu stärken, ist bei den Solidarleistungen jedoch eine sozialverträgliche Selbstbeteiligung anzustreben. In diesem Zusammenhang sind die Realisierung der Kostenkenntnis für die Patienten und die Schaffung der erforderlichen Transparenz sicherzustellen.
  5. In geeigneten Bereichen werden Festzuschüsse eingeführt.
  6. Darüber hinausgehende Leistungen sollen im Wege der Zuzahlung abgegolten werden. Diese Zuzahlung kann durch individuelle Vereinbarungen zwischen Arzt und Patient oder im Rahmen von Gebührenordnungen erfolgen.
  7. Im Sinne des Wettbewerbs der Versorgungsstrukturen ist den Patienten die Kostenerstattung optimal anzubieten.

Da sich die zahnmedizinische Versorgung ideal für das Kostenerstattungsprinzip eignet, soll die Kostenerstattung in diesem Bereich sofort eingeführt werden.

Es besteht zwischen den Berufsgruppen Einigkeit darüber, dass die in der gemeinsamen Position festgelegten Zielsetzungen lediglich Schritte auf dem Weg zu einer notwendigen Gesundheitsreform sein können.

 

Ohne Umschweife brachte Metzger seine Sicht der aktuellen gesundheitspolitischen Situation auf den Punkt: "Das Entscheidende ist, das der Systembruch vorbereitet wird." Und den wollen die Gesundheitsberufe nicht mitmachen. "Es wird einen Verlierer geben. Und das ist der Patient", beklagte der BAK-Präsident die jüngsten Entwicklungen. Er verwies darauf, dass die Deregulierung der Märkte zu einer Entsolidarisierung führen werde. Und dies schließlich zu einem Mangel bei der Versorgung für solche Teile der Bevölkerung, die sich ihre Gesundheit dann "nicht mehr leisten können".

Sehr gut verfolgen könne man diese Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Das bisherige Prinzip des Systems sei "wichtig für die Zukunft des gesamten Gesundheitswesens". Gemeinsam wolle man, so Metzger, dieses Prinzips erhalten.

Mit aller Kraft werde man sich gegen die Einführung des Versandhandels zur Wehr setzen, kündigte Metzger an. Der Versand von Arzneimitteln würde zu einer Zerstörung der funktionierenden Strukturen führen.

Auf Nachfrage wandte sich auch Hoppe in einem persönlichen Statement gegen den Versandhandel. Es sei sinnvoll, dass der Apotheker die Beratung der Patientinnen und Patienten übernehme. Top

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