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Apotheker sind keine Fossolien

10.03.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

Apotheker sind keine Fossolien

  "Wir scheuen nicht die Auseinandersetzung mit den neo- und ortholiberalen Gesundheitsökonomen", erklärte ABDA-Präsident Hans-Günter Friese am Wochenende in Oberhausen auf dem Apotheken-Strategie-Wirtschaftsforum '97. Die Standesvertretung der Apotheker würde gerne in die fossile Ecke der Dinosaurier gestellt, hatte Friese den Eindruck. Tatsächlich aber gebe es eine Reihe innovativer Konzepte der Apotheker, die eine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft geben, ohne die Grundfesten des Heilberufs zu erschüttern.

Gelegenheit zur Gegenrede gab der Vortrag von Professor Dr. Peter Oberender, Universität Bayreuth, der die Meinung vertritt, daß das Festhalten an den über 760 Jahre alten Standesregeln den Apothekerberuf in den Abgrund führen wird. Ein Drehen an der Arzneimittelpreisverordnung hält der liberale Ökonom für politischen Selbstmord, weil die Folgen weder abzuschätzen noch zu kontrollieren seien. Denkbar sei allenfalls ein "geordneter Rückzug".

Die Pläne von Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer, die Selbstbeteiligung der Patienten zu erhöhen, hält Oberender für sinnvoll. Eine Gesellschaft, die 80 Milliarden DM im Tourismus, 60 Milliarden für Alkohol und 40 Milliarden für Tabak ausgibt, "wird ja wohl noch 20 Milliarden DM für die Gesundheit aufbringen können". Die Patienten müßten sich mehr emanzipieren, ebenso wie sich ihre Konsumentensouveränität bei anwachsendem Selbstmedikationsanteil entwickeln müsse. Mehr Gesundheitsbewußtsein der Bürger würde das Informations- und Aufklärungsbedürfnis wecken.

Der Apothekerschaft sagte Oberender unruhige Zeiten voraus. Der Standesführung fehle es an Einsicht, daß nicht nur mit dem Bewahren und Verteidigen der Tradition ein Fortschritt zu erzielen sei. Es fehlten die Vordenker, die Strategien, die Konzepte und die taktischen Überlegungen, sagte Oberender. Er empfahl, die pharmazeutischen Stärken auszubauen sowie ökonomische Elemente in Fort- und Weiterbildung aufzunehmen. Zum Beispiel Kostenmanagement für einen zeitgemäßen Wareneinsatz und betriebswirtschaftliches Handeln oder Team-Management innerhalb der Belegschaft. Die Apotheke müsse für den Kunden und Patienten ein positives Erlebnis sein.

"Es ist einfach, eine Situation zu beurteilen, wenn man die Konsequenzen nicht umzusetzen und zu verantworten braucht", konterte ABDA-Präsident Hans-Günter Friese, der sich der Tatsache bewußt ist, daß er die Verantwortung für das Unternehmen Apotheke mit 22 000 Betrieben, einem jährlichen Umsatz von 35 Milliarden DM, über 120000 Beschäftigten und rund 1,5 Millionen Kundenkontakten am Tag trägt. Es könne nicht funktionieren, was Oberender vorschlage: zum Beispiel das Mehrbesitzverbot zu lockern, ohne das Fremdbesitzverbot anzutasten. Der Dammbruch könne nicht kontrolliert, sprich auf drei "Fillialen" pro Apotheker begrenzt werden. "Es gibt nicht ein bißchen Apothekenketten so wie es auch nicht ein bißchen schwanger gibt."

Friese wies den Vorwurf zurück, die ABDA habe weder Konzepte noch taktisches Geschick. Das Konzept der ABDA enthalte eine Reihe zukunftsweisender Aspekte, deren Richtigkeit sich in diesen Tagen immer wieder zeige. Und über die Taktik werde sich die ABDA nicht öffentlich äußern, sonst wäre es ja keine Taktik mehr. Der ABDA-Präsident versicherte aber: "Wir werden aus allen Rohren schießen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist."

Der Kammerpräsident von Nordrhein, Karl-Rudolf Mattenklotz, erläuterte an zahlreichen Beispielen aktuelle Verbands- und Kammerstrategien als Konsequenz von Marktentwicklung und branchenspezifischen Entscheidungen. Seine Konzept: Soviel Konfrontation wie nötig, so viel Kooperation wie möglich. Nur über die Konfrontation mit Partnern im Markt (wo nötig) könne eine sinnvolle, der Gesellschaft nutzbringende Kooperation wachsen. Die Apotheke stehe heute am Scbeideweg, entweder zur Ketten- oder Versandapotheke mit allen Qualitätsmängeln zu verkommen, oder sich auf der heute bewährten Basis mit Arzneimittelpreisverordnung und Fremd- und Mehrbesitzverbot gemäß den Veränderungen der Zeit bei gleichbleibendem Qualitätsniveau weiterzuentwickeln. Kammern und Verbände verfolgen das Ziel, den Berufsstand in der Gesellschaft zu stärken, die öffentliche Apotheke unverzichtbar zu machen und den sicheren Vertriebsweg für Arzneimittel über die öffentliche Apotheke zu erhalten.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Bonn

 

Totengräber contra Rattenfänger
Kommentar

Da hatten sich die Richtigen getroffen und viel Stoff zum Nachdenken ausgebreitet. Der liberale Ökonom Professor Dr. Peter Oberender redete mehr Marktwirtschaft im Gesundheitswesen das Wort und stellte die Standesführung der Apotheker als die ewig Gestrige dar. Ein Scharfmacher, dieser Oberender, der sicherlich so manchen verträumten Apotheker, der glaubt, seine Offizin sei ein Selbstläufer mit Bestandsgarantie, wachrütteln mag.

Wenn Oberender allerdings die ABDA oder einzelne Personen als Totengräber des Berufsstandes bezeichnet, darf ABDA-Präsident Hans-Günter Friese Oberender als Rattenfänger bezeichnen. Dabei liegen die beiden so weit nicht auseinander. Auch Friese weiß, daß ohne Ökonomie in der Apotheke nichts läuft. Schließlich macht die wirtschaftliche Unabhängigkeit den freien Heilberuf aus. Aber manche Vorschläge, etwa die Aufhebung des Mehrbesitzverbots, kann man nur dann so leicht und publikumswirksam machen, wenn man deren Konsequenzen nicht zu verantworten hat.

Friese zeigte sich schließlich ehrlich dankbar, daß es Leute wie Oberender gibt. Sie geben ihm Gelegenheit, die eigene Position und Politik zu überdenken. Daß die Berufsangehörigen die pharmazeutische Initiative, zu der die ABDA mit ihrem Konzept 1993 aufgerufen hat, ergreift, sieht man an ihrer Präsenz bei solchen Veranstaltungen. Verträumte Apotheker sind normalerweise nicht dabei.

Gisela Stieve

   

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