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Der siebte Sinn für die Lokomotive Gesundheit

21.02.2000  00:00 Uhr

-PolitikGovi-Verlag

FRANKFURTER WIRTSCHAFTSTAG

Der siebte Sinn für die Lokomotive Gesundheit

von Thomas Bellartz, Frauke Böttcher, Frankfurt am Main

"Was sollen Apotheker mit Visionen?" Dr. Peter Homann, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes, stellte die Frage, die Referenten antworteten. Mit der Resonanz auf den IX. Frankfurter Wirtschaftstag konnte der HAV zufrieden sein. Rund 400 Gäste hörten am Sonntag fünf verschiedenste Vorträge im Frankfurter Hotel Mariott.

"Die überwiegende Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommt aus allen Teilen der Republik", freute sich Homann besonders darüber, dass neben den vielen Kolleginnen und Kollegen aus Hessen, auch zahlreiche andere Interessierte den Weg an den Main gefunden hatten. Besonders freute er sich über die starke Resonanz seitens der Standesorganisationen. Die Verbindung zu den anderen Apothekerverbänden werde man "in Zukunft weiter ausbauen und verstärken".

Mit einem Schuss Ironie bemühte sich Homann selbst, eine Definition für den Begriff der "Vision" zu finden. "Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen", schloß der Apotheker an der HAV-Spitze. Visionen sind für Homann gleichzusetzen mit einem gedanklichen Entwurf, können als Orientierungspunkte gelten. Visionen seien wie eine Option für zukünftiges Handeln und könnten dafür auch eine Planungshilfe sein.

Die Apothekerinnen und Apotheker müssten selbst agieren, wenn sie Veränderungen herbeiführen wollten: "Wir sind nicht die einzigen, die sich über uns Gedanken machen", wies Homann sogleich auf die Aktivitäten der Politik hin. Es sei gefährlich, wenn andere behaupteten, für die Apotheker immer nur das Beste zu wollen.

Keine Kochrezepte

Die Frankfurter Wirtschaftstage sollten den Zuhörerinnen und Zuhörern nichts Vorgefertigtes servieren. "Was wir nicht bieten wollen, sind Kochrezepte", regte Homann an, die Vorträge und Diskussionen als Anregung zu betrachten und sich Gedanken über die eigene Entwicklung zu machen.

Ausdrücklich dankte er den Mitarbeitern, die an der Organisation der Veranstaltung beteiligt waren. Mit Spannung werde man verfolgen, ob die Konzentration von bisher zwei auf einen Veranstaltungstag angenommen werde.

Die Moderation des Frankfurter Wirtschaftstags übernahm PZ-Chefredakteur Dr. Hartmut Morck. In seiner kurzen Einleitung verwies er auf den Wandel des Gesundheitssystems und die Globalisierung der Märkte, die dieses System umgeben. Man wolle Antworten auf die Frage finden, wie sich die Apotheken in einer Zeit der Umbrüche und des Wandels präsentieren könnten.

Furcht vor dem Niedergang

"Neue Strukturen – neue Herausforderungen. Worauf muss sich die Apotheke von morgen einstellen?" Auf diese Fragestellung ging Professor Dr. Peter Oberender, Ordinarius für Volkswirtschaftslehre und Direktor der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth, ein. Einige der Leitthemen der Zukunft sind aus Oberenders Sicht die Sicherung des Sozialstaates und die Erhaltung und Sicherung des Lebensstandards. Zu berücksichtigen seien dabei unter anderem die Faktoren Demografie und Multimorbidität. Menschen leben immer länger, arbeiten aber zugleich weniger. So komme es zu einer Furcht vor einem "race to the bottom" – einem unaufhaltsamen Niedergang.

Apotheker müssen improvisieren

Oberender warnte davor, sich mit diesen Gedanken abzufinden. Schließlich entstünden gerade durch diese Entwicklungen neue Märkte, die erschlossen werden sollten. "Gesundheit als Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung" lautet Oberenders Parole; und seine Aufforderung: "Apotheker müssen improvisieren. Sie müssen selbst die Leute sein, die die Welt im Apothekenwesen verändern." Man dürfe sich nicht in die Schlecker-Ecke drängen lassen, sondern solle sich als Geschäft mit Markenartikeln profilieren. In der wachsenden Dienstleistungsgesellschaft sei Gesundheit "im weitesten Sinne das Produkt der Zukunft".

Geprüft werden müsse, ob die Verschreibungspflicht das wirklich Wahre sei oder ob sich Apotheker lieber vehement vor die Apothekenpflicht stellen sollten. Wichtig ist Oberender die "Entfundamentalisierung des Gesundheitswesens". Dazu gehöre auch, dass das Werberecht weiter liberalisiert werden müsse. Das Internet könne im Rahmen von Globalisierung und Internationalisierung nicht einfach nur restriktiv unterdrückt werden. Dies sei schlichtweg nicht möglich. Aber eine Regulierung mache durchaus Sinn.

Von Gütern und Erlebnissen

Natürlich werde die EU für die Apotheker zum Thema. "Das sehe ich anders als Herr Seehofer." Die Apotheken stünden inmitten eines Wertewandels, der allerdings auch für die Generierung neuer Märkte sorgen könnte. So werden nach Oberenders Ansicht Konsumgüter als solche immer unwichtiger, wohingegen Konsumerlebnisse einen ungemeinen Zugewinn erfahren würden.

Zu den Megatrends, die sich im Markt abzeichneten, zählt aus Sicht des Professors auch die Vernetzung von Apotheken. Es werde zu Kooperationen und stärkerem Wettbewerb kommen. Damit einher gehe der dringend notwendige Ausbau der Managementfunktionen und –kenntnisse in den Apotheken. Märkte entstehen, so Oberender, durch viele neue Bereiche, die die Apotheken für sich entdecken müssten. Ob Prävention, Diagnose, Therapie oder Reha – die ganzheitliche Versorgung führe aber auch zu einem Mehr an Verantwortung.

"Jeder, der glaubt, ohne Ökonomie sein zu können, ist ein Sozialromantiker", betonte Oberender das Wirtschaftlichkeitsprinzip. Es sei "doch nicht unsittlich", Heilberufler und Kaufmann zu sein.

Der geborene Convenience-Store

"Die Apotheke ist der geborene Convenience-Store." Professor Dr. Gerhard F. Riegl versuchte Antworten zu finden auf das ihm vom Hessischen Apothekerverband vorgegebene Thema: "Die Convenience-Apotheke – Kann die Apotheke, was sie darf, und darf sie, was sie kann?"

Zunächst die Klärung, was Convenience überhaupt bedeutet. Das Wörterbuch hilft weiter. Aus dem Englischen wird Convenience mit Bequemlichkeit und Angemessenheit übersetzt. Der Grundgedanke der Convenience ist, dem Kunden beziehungsweise Patienten möglichst viele positive Faktoren zu vermitteln; Faktoren, die ihm den Besuch der Apotheke so angenehm wie möglich machen und erscheinen lassen. Nach Auffassung Riegls könne die Apotheke beim Wettbewerb um die reine Versorgung gegenüber dem Internet nicht bestehen. Doch beim Erlebnischarakter liege die Apotheke ganz weit vorne.

Convenient und sicher

Prinzipiell kann jede Apotheke eine Convenience-Apotheke werden. Denn schließlich sorgen, so Riegl, der Ausbau von Nachbarschafts- und Nahversorgerfunktionen in Verbindung mit einem exzellenten Service, beispielsweise langen Öffnungszeiten, für möglicherweise höhere Kundenakzeptanz. Mit Vorsicht müsse indes betrachtet werden, wie convenient eine Apotheke überhaupt sein dürfe, damit nicht die Arzneimittelsicherheit gefährdet werde. Daher folgert der Professor der Fachhochschule Augsburg, dass Convenience als Gemeinschaftswerk zu begreifen sei: Komfort und Arzneimittelsicherheit müssten zwingend harmonisieren.

Keine Apotheke könne indes für alle Patienten convenient, also ideal sein. Schließlich gebe es auch bei den Patienten beziehungsweise bei den Kunden deutliche Unterscheidungsmerkmale. Nach Riegls Auffassung gibt es den Profi-Kunden genauso wie den Ungelernten, daneben den Langzeitkranken und den Lauf-Kunden. Wichtig sei die Erkenntnis, dass nicht jeder Patient einer Apotheke auch als Kunde betrachtet werden wolle. Und schließlich: "Jede Apotheke bekommt die Kunden, die sie verdient."

Auf Leistung konzentrieren

Während viele Kunden und Patienten mit der Apotheke und ihren Leistungen insgesamt zufrieden seien, werde das Preis-Leistungs-Verhältnis meist negativ bewertet. Der falsche Weg sei es, dieses schlecht bewertete Verhältnis durch Angebote und Preissenkungen in den Griff zu bekommen. Vielmehr müsste die Leistungserbringung in den Mittelpunkt gerückt werden.

"Die Achillesverse ist die geringe Patienten- und Kundennähe", sieht Riegl mögliche Probleme in der derzeitigen Beziehung zwischen Apotheken und Patienten. Apotheker sollten ihren siebten Sinn schulen. Dazu zähle die Konzentration und Nutzung möglichst vieler Daten und Fakten. So könne Ärztedatenbanken entnommen werden, wer was und wann verordnet. Aus Patienten-Datenbanken könnten die Krankheitsbilder abgelesen werden. Informationen über Praxis-Hopping, Life-Time-Value und bestimmte Merkmale der Patienten müssten erkannt und genutzt werden. So könnten Trendsortimente besser ausgerichtet, Vorräte und Personalressourcen definiert werden.

Mit dem Leitspruch der Mitarbeiter eines Einzelhandelskonzerns endete Riegl: "Jedem Patienten oder Kunden, der bis auf drei Meter in meine Nähe kommt, werde ich in die Augen schauen, anlächeln und grüßen."

Vom Kult um die Apotheke

"Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist prinzipiell therapiebedürftig." Professor Dr. Norbert Bolz lockte mit einem grandiosen Referat die Apotheker aus der schleichenden mittäglichen Müdigkeit. Der Universitätsprofessor für Kommunikationstheorie am Institut für Kunst- und Designwissenschaften der Universität Essen machte den Anwesenden Mut mit seinen Gedanken zur "Kult-Apotheke – Durch neue Kommunikation die Apotheke neu erleben". Bolz schwärmte regelrecht von der Atmosphäre und von der Aura, die die Apotheke ausstrahle. Er riet: "Sie können von der neuen Rolle der Gesundheit, die diese in der Gesellschaft spiele, profitieren."

"Die Gesundheit wird in Zukunft eine Art Ersatzrelegion", erwartet Bolz tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Und die Apotheke könne "ein Mittelpunkt dieser neuen Religiösität" sein. Die Lokalität bleibe bei dieser Entwicklung zunächst auf der Strecke. Eine Folge sei, dass es "zu einem neuen Kult von Orten" kommen werde. Die Entwicklung des Internets demonstriere, dass die Rolle der Orte immer geringer werden wird. Bolz erläuterte: "Die Apotheken stehen in einem interessanten Spannungsfeld; und zwar auch in Konkurrenz zu allen anderen Wellness-Anbietern."

Die knappste Ressource

Der Kommunikationsexperte bewertete in Frankfurt "die Aufmerksamkeit als wirklich knappste Ressource des Menschen". Die lasse sich nicht beliebig steigern. Das führe insbesondere in Zeiten des "Information Overload", also eines Informationsüberflusses oder –übersättigung, zu Problemen. Das schlichte Zuviel von Information führe zu einem Bedürfnis der Menschen nach Orientierung. Hier sei eine Navigationsleistung gefordert. Und genau hier könnten Apotheken überzeugen. Sie müssten sich zum Anbieter dieser Navigationsleistung entwickeln, zu Navigatoren werden.

Aura heilender Essenzen

Bolz persönlich verbinde die Apotheke mit einer Aura der heilenden Essenzen. Man habe also durchaus das Zeug dazu, bereits auf dem Weg zur Kultstätte zu sein. Aber Bolz regt an "Mut zur Formel ‚less is more‘ zu haben". Die Apotheke müsse sich als Anbieterin sachlicher Information verstehen. Dabei müsse sie sich aber aller Möglichkeiten bedienen, die Medien bieten: "Die Apotheke muss ein Ort der persönlichen Zuwendung werden. Nehmen Sie Abschied vom Kundendialog", forderte Bolz die vielleicht überraschten Zuhörerinnen und Zuhörer auf. Das tägliche Geschwätz bringe keine Wert. Information und Kommunikation dürften nicht gleichgesetzt werden. Der Referent empfahl, Menschen in Kommunikation zu vestricken.

Bolz geht es darum, den Menschen zu erreichen. Das dies für Apotheker auf dem Weg zum Erfolg eine besondere Bedeutung hat, verdeutlichte er bereits zu Beginn seines Referats: "Der Mensch wird nicht immer robuster, sondern immer sensibler."

Rund ums Netz

"Wie organisiert man Allianzen um die Apotheken?" lautete die Fragestellung zum Vortrag von Professor Dr. Burkhard Strobel. Die Netzwerk-Apotheke war der Mittelpunkt einer Vielzahl von Definitionen und Merkmalen zwischen Typen und Formen. Einen besonderen Blick legte Strobel auf die Kunden- und Prozess-Netzwerke und bemühte sich, deren Funktionen deutlich zu machen.

Franchise-Visionen

Ein "heißes Eisen" packte Strobel, der an der Fachhochschule Worms im Fachbereich Handel/European Business Management lehrt, mit dem Thema Franchise an. Er wollte unbedingt unter der Leitlinie der Apotheken-Visionen ein Modell präsentieren, das er auch im Apothekenbereich als zukunftsträchtig erachtet. Auch wenn Strobel Wert darauf legte, eben nicht von Ketten zu sprechen, so verdeutlichte sein Vortrag doch, dass eben gerade bei den Apotheken und dem Thema Franchise alles auf die Kette hinausläuft.

Strobel hinterfragte, warum man das Prinzip der Arbeitsteilung nicht auch auf Apotheken transformieren könne; und dies ohne die Grundlagen des Apothekenwesens wie Mehrbesitzverbot und Apothekenpreisbindung zerstören zu wollen. Er betonte, dass dies Visionen für den Zeitraum 2005/2007 seien. Als Beispiel aus dem Segment Handel nannte der Referent unter anderem Benetton, Quick-Schuh, McDonalds und Body Shop.

Aktiv nach Partnern schauen

Den Darstellungen Strobels, der Spezialist für Kooperations-, Groß- und Fachhandelsmanagement ist, konnten die Gäste entnehmen, dass durchaus ein reger Austausch von Waren, Diensten, Geld und Informationen zwischen Kunden, Apotheken und sonstigen Beteiligten – wie Dienstleistern – möglich sei.

Wichtig war ihm die visionäre Betrachtung der Möglichkeiten, die Netzwerke – egal welcher Form – erbringen. Von außerordentlicher Bedeutung sei aber, dass der Apotheker nicht warte, bis ihm die Teilnahme an Netzen angeboten werde. Vielmehr müsse aktiv Ausschau nach möglichen Partnern und Netzwerken gehalten werden.

Der Spinne ins Netz...

"Nicht um jeden Preis" lautete die einfache Formel, auf die Pater Dr. Albert Ziegler SJ, die Frage, ob und wie ethische Apothekenführung tatsächlich gelebt werden kann, brachte.

Der Jesuitenpater, der seit 1992 Mitglied der Ethischen Kommission der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften ist, stand manchen Äußerungen der anderen Referenten skeptisch gegenüber. Aber: "Was wir brauchen sind zündende Ideen", suchte Pater Ziegler den Weg zu den Zuhörern. In Bezug auf die Netzwerke wurde er deutlich: "Wenn Sie ins Netz gehen, dann fragen Sie sich, wem Sie ins Netz gehen. Vielleicht der Spinne?"

Die Krise des Gesundheitswesens könne für den Apotheker auch eine Chance sein. Schließlich dürfe die Rationierung im Gesundheitswesen "nicht auf Kosten der Menschlichkeit gehen". Die menschliche Rationierung erfordere kompetente Beratung. Und diese Beratung müsse auch der Apotheker leisten. Der Jesuitenpater wünschte sich überdies, dass Ärzte mitunter auch den pharmakologischen Rat der Apotheker einholen. Wichtig war ihm die Unterscheidung zwischen Ethos und Ethik und die deutliche Definition von beidem.

Stolz auf die Kompetenz

"Wir haben zu wenig gelebtes Ethos", beklagte Ziegler den Missstand zwischen Schein und Sein. Für ein hohes Berufsethos sprechen nach Meinung Zieglers die fachliche Kompetenz, die menschliche Anteilnahme und die persönliche Beweglichkeit. Er forderte die Anwesenden auf: "Seien Sie stolz auf Ihre fachliche Kompetenz." Im Vordergrund müsse aber auch die Nachwuchsförderung stehen. Dafür seien auch die Apotheker in ihrer eigenen Offizin, in der eigenen Familie verantwortlich.

In einer abschließenden Diskussion betonten Referenten und der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbandes noch einmal den visionären Charakter der Vorträge und standen den Gästen Rede und Antwort. Top

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