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Die Zukunft aus eigener Kraft sichern

20.01.1997
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-Politik

  Govi-Verlag

Die Zukunft aus eigener Kraft sichern
Pharmacon Davos

  Das deutsche Apothekenwesen ist nicht im Aus gelandet - trotz GRG und GSG. Die Reformen im Gesundheitssystem hätten zwar wirtschaftliche Einbußen gebracht, sie seien aber nicht direkt gegen die Apotheker gerichtet gewesen. Gleiches gelte auch für die laufende 3. Stufe der Gesundheitsreform. Dr. Hartmut Schmall, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), führt dies auch auf die Aktivitäten des Berufsstandes bei der praktischen Umsetzung des ABDA-Konzeptes zurück. Viele Punkte seien bereits realisiert, die Arbeit an anderen laufe auf Hochtouren, betonte er am Sonntag bei der Eröffnung der 27. Internationalen BAK-Fortbildungswoche in Davos.

Ich denke, es war nicht zuletzt unser Engagement, daß sich die Politik, insbesondere der Bundesgesundheitsminister, bislang klar zur Institution Apotheke bekannt hat. Dies bedeute jedoch nicht, daß sich der Berufsstand jetzt in Sicherheit wiegen könne, räumte Schmall ein. Gefahr drohe vor allem von den Krankenkassen.

Deren Forderungen nach Versandhandel mit Arzneimitteln, Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbots und Einführung des Dispensierrechts für Ärzte lehnte der BAK-Präsident ab. Gleiches gelte auch für den Vorschlag, die Festbeträge um zehn Prozent zu senken und den Kassenrabatt um durchschnittlich zehn Prozent anzuheben. Schmall: "Es kann doch wohl nicht sein, daß ein akademischer Heilberuf, dem vom Staat ein Versorgungsauftrag übertragen worden ist, für dessen Erfüllung noch Geld zu zahlen hat."

Keine Listenmedizin

Mit Skepsis betrachte der Berufsstand den aktuellen Entwurf des 2. GKV-Neuordnungsgesetzes. Er sieht die Möglichkeit einer Staffelung der Patientenzuzahlung nach Indikationsgebieten oder Stoffgruppen vor. Bei über 600 gesetzlichen Krankenkassen- und über 600 Arzneimittelstoffgruppen seien theoretisch 360 000 verschiedene Zuzahlungen möglich. Eine Realisierung dieser Regelungen sei "der ideale Einstieg in die Listenmedizin" mit allen Nachteilen für den Patienten. Schmall. "Es wäre politisch blauäugig, wollten wir uns kassenspezifischen Zuzahlungsregelungen verweigern." Diese sollten dann jedoch zumindest kasseneinheitlich sein. Eine Staffelung nach einzelnen Präparaten, Stoffgruppen oder Indikationsgebieten lehne der Berufsstand ab, betonte der BAK-Präsident.

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Ein europaweites Verbot des Versandhandels mit Arzneimitteln forderte Schmall mit Blick auf die Bestrebungen eines britischen Unternehmers, die deutsche Bevölkerung auf dem Postweg mit Medikamenten zu versorgen. Solche Angebote seien mit erheblichen Risiken verbunden, die Abgabe von Arzneimitteln müsse aus Gründen der Arzneimittelsicherheit auch zukünftig in der Apotheke erfolgen. Zu dieser Überzeugung seien inzwischen auch die Verbraucherschutzverbände gekommen, sonst oft heftige Kritiker der Apotheker. Schmall: "Es kann nicht angehen, daß die verbraucherschützenden Bestimmungen des deutschen Arzneimittel- und Apothekenrechts unter dem Deckmantel eines freien Warenverkehrs in einem Binnenmarkt ohne Grenzen ausgehöhlt werden."

Der Patient muß weiterhin individuell durch den Apotheker beraten werden, so Schmall weiter. Telefonische Gesundheitsratgeber wie Mediphone könnten dazu keine Alternative sein. Die Versuche, Arzneimittelinformation vom Band über die Apotheke im Markt zu positionieren, sei dreist. "Unsere ureigenste Aufgabe, die Patienten über Arzneimittel zu beraten, können wir nicht anderen überlassen."

Ökonomische Mitverantwortung der Apotheker

Neben der pharmazeutischen Verantwortung des Apothekers sieht das ABDA-Konzept auch eine ökonomische Mitverantwortung für die Arzneimitteltherapie vor, erinnerte Schmall mit Blick auf die Budgetüberschreitungen im vergangenen Jahr. Der Apotheker müsse versuchen, beispielsweise in Form von Arzt/Apotheker-Gesprächskreisen, den Arzt im Hinblick auf eine therapeutisch sinnvolle und gleichzeitig wirtschaftliche Arzneimittelverordnung zu unterstützen (siehe auch "Zur Diskussion gestellt" in PZ 3, Seite 28). Die Forderung nach einer notwendigen Anpassung der Budgets nach oben bleibe jedoch trotzdem bestehen.

Gleichzeitig kritisierte Schmall die schlechte Patienten-Compliance, die nicht nur gesundheitliche, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Nachteile mit sich bringe: Rund die Hälfte der Patienten nimmt die verschriebenen Präparate nicht oder nicht vorschriftsmäßig ein, so wird geschätzt. Durch fachliche Information könne der Apotheker dazu beitragen, dieses Manko zu reduzieren.

Neue Aspekte in der Ausbildung

Eine "Vertiefung der klinisch-pharmakologischen Kenntnisse" forderte Schmall sowohl für die Fort- und Weiterbildung als auch im Hinblick auf eine Aktualisierung der Apothekerausbildung, deren Beratung im Frühjahr in einer Arbeitsgruppe des Bundesgesundheitsministeriums beginnen soll. Auf die Einführung einer modifizierten Ausbildungsordnung hofft der BAK-Präsident "noch deutlich vor der Jahrtausendwende". Nicht zuletzt werde dies auch zu einer weiteren Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Heilberufen beitragen.

PZ-Artikel von Bettina Schwarz, Davos
   

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