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Der Kurs heißt Kontinuität und Qualität

16.12.1996  00:00 Uhr

-Politik

  Govi-Verlag

Der Kurs heißt Kontinuität und Qualität
PZ-Interview

  Hans-Günter Friese hat nach der Wahl zum ABDA-Präsidenten in einem Gespräch mit der PZ seinen politischen Kurs abgesteckt. Als Nachfolger von Klaus Stürzbecher muß er sich auf politische Herausforderungen einstellen, die von seiten der Politik und von den Marktbeteiligten auf den Berufsstand der Apotheker zukommen.

PZ:
Herr Friese, herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Präsidenten der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Zunächst eine allgemeine Frage. Wo werden Sie 1997 die Prioritäten Ihrer berufspolitischen Arbeit setzen?

Friese:
Zunächst einmal ist Kontinuität angesagt. Meine Vorstellung zur ABDA-Politik ist deckungsgleich mit der meines Vorgängers Stürzbecher, dem ich für sein jahrelanges Engagement außerordentlich zu Dank verpflichtet bin. Und Teamarbeit zwischen Vorstand und Geschäftsführung ist ausdrücklich angesagt. Prioritäten setzen heißt für mich, nach innen Projekte zu entwickeln, um mit ihnen in die Zukunft investieren zu können. Nach außen setze ich mit den am Gesundheitsmarkt Beteiligten auf Gespräche, Gespräche und noch einmal Gespräche, um so für unsere Positionen, die in den ABDA-Thesen festgeschrieben sind, zu werben.

PZ:
Das politische Klima wird im kommenden Jahr frostiger werden als 1993 nach Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes. Was können Sie den Apothekerinnen und Apothekern in dieser Zeit der Verunsicherungen raten?

Friese:
Wir bewegen uns immer mehr in Richtung einer Nutzen- und Interessengesellschaft. Von daher sind wir verpflichtet, auch die Interessen der Apothekerschaft gebührend auf den Markt zu bringen. Für uns zählt die pharmazeutische Kompetenz, die wir ständig weiter stärken müssen. Sie macht uns glaubwürdig. Ich bin davon überzeugt, daß die einzelnen Kunden und Patienten die Apotheke als eine Dienstleistungsinstitution am Markt erleben und daß ihnen bewußt ist, daß die Apotheke zu ihrem eigenen Wohl unverzichtbar ist.

Pharmazeutische Kompetenz stärken heißt, pharmazeutische Betreuung, Pharmaceutical Care einführen, was mehr ist als bloße Beratung; es bedeutet Führen einer Medikationsliste und Dokumentation der Medikamenteneinnahme eines Patienten. Heute wissen wir zwar, was der Patient kauft beziehungsweise verordnet bekommt, aber wir wissen nicht, was und wieviel er anwendet. Dies ist eine Lücke, die es zu schließen gilt.

PZ:
Gerade in der Gesundheitspolitik hat sich erwiesen, daß Koalitionen notwendig sind, um Ziele zu erreichen. Das gilt für die Politik genauso wie für die Leistungserbringer. Wo sehen Sie Koalitionen für die Apothekerschaft?

Friese:
Zunächst soll jeder wissen, daß ich für alles und für alle offen bin. Wie immer im Leben wird es sicherlich auch in der Gesundheits- und Berufspolitik wechselnde Verbündete geben. Ich hoffe aber darauf, daß die anderen Leistungserbringer gleichermaßen offen sind wie wir, die wir gemeinsam im ABDA-Vorstand die Interessen der Apotheker vertreten. Nur so können wir unter Einbeziehung des Patienten, der im Mittelpunkt unserer Betrachtung steht, das Optimale für ihn herausholen.

PZ:
Wir haben den Eindruck, daß die augenblickliche Budgetdiskussion die Kooperation Arzt - Apotheker negativ beeinflußt. Was sollte nach Ihrer Meinung unternommen werden, damit die langsam in Gang gekommene Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern lokal, regional und bundesweit weiter gestärkt wird?

Friese:
Diese negative Beeinflussung in Richtung der beiden Berufsgruppen möchte ich ausdrücklich in Frage stellen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß die Ärzteschaft vor Ort zunehmend bereit ist, mit dem Apotheker über das Arzneimittel - das ja die Schnittstelle zwischen dem ärztlichen und apothekerlichen Handeln darstellt - zu sprechen. Ich bin sicher, daß die Ärzte verstanden haben, daß es unter dem Diktat des Budgets notwendig ist, das Optimum an Therapie und Therapieanwendung für den Patienten zu sichern. Aufgrund dieser Einsicht werden die Vorbehalte gegenüber dem anderen Heilberuf Apotheker, die es ja durchaus gegeben hat, geringer.

Es muß uns daran gelegen sein, dem Arzt vermehrt den Nutzen aus diesen Arzt/Apotheker-Gesprächskreisen darzustellen. Der Nutzen liegt zum einen in der besprochenen Thematik, zum anderen darin - und das halte ich für wesentlicher -, daß eine Vertrauensbasis für die tägliche Arbeit gelegt wird. Der Arzt nimmt erfahrungsgemäß viel häufiger mit dem Apotheker Kontakt auf, um sich mit ihm über Therapieprobleme, über einzelne Patienten oder über lokale Arzneimittelprobleme zu beraten. Das ist der tiefere Sinn, der sich nicht nur auf die Bewertung von Arzneimitteln im Einzelfall an einem solchen Abend bezieht.

PZ:
Die Beziehungen zwischen Krankenkassen und Apothekern wie auch Industrie und Apotheker sind zur Zeit mehr als gestört. Welche Strategie werden Sie verfolgen, um diese Beziehungen zu dauerhafteren Partnerschaften auszubauen?

Friese:
Auch hier möchte ich vorbehaltlos in Gespräche mit den Krankenkassen- und Industrieverbänden eintreten. Ich hoffe, daß es uns gemeinsam gelingt, auf der Basis von nüchternen, sachlichen Analysen, unterfüttert mit Daten und Fakten, eine gemeinsame Diskussions- und Argumentationsbasis zu schaffen. Wir müssen als Fachkundige gemeinsam erörtern, was das beste für den Patienten ist. Diesem Gedanken müssen nicht nur die Apotheker, sondern auch die Krankenkassen, die Ärzte oder die Industrie dienen. Im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns hat ohne Zweifel der Patient zu stehen. Wer nur an sich selbst denkt, wird angesichts der krassen, finanziell knappen Ressourcen im Gesundheitswesen scheitern.

PZ:
Wie schätzen Sie die Chancen ein, die Apotheke in Deutschland als unabhängige, von dem Heilberufler Apotheker selbständig geführte Institution auch für das nächste Jahrhundert zu erhalten?

Friese:
Da bin ich politischer Realist mit optimistischem Einschlag. Wir müssen bezogen auf den Patienten eine Kosten-Nutzen-Relation aufstellen, also definieren, was das Gesundheitswesen und hier speziell die Arzneimitteldistribution kostet. Ich bedauere außerordentlich, daß die Dinge leider zunehmend rein ökonomisch betrachtet werden, so daß der Nutzen für den Patienten in der Diskussion oft hinter die wirtschaftliche Betrachtung tritt.

Deshalb sollte man genau prüfen, ob Elemente des amerikanischen Systems bei uns implantiert werden sollen. Ich bin der Auffassung, daß die US-Gesundheitsexperten erst einmal ihre Hausaufgaben machen sollten. Denn man sieht, daß die Kosten-Nutzen-Relation erheblich schlechter ist als in unserem System.

Wir Apotheker sollten uns aber nicht auf den vermeintlichen Lorbeeren unseres Systems ausruhen, sondern das Leistungspaket umfänglich schnüren. Unser Nutzen für die Gesellschaft kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, was Umfang und Intensität der Beratungsleistungen angeht oder was die zahlreichen psychosozialen Kontakte mit häufig vereinsamten Menschen angeht. Wenn wir das glaubwürdig tun, ist es mir um den Berufsstand der Apotheker nicht bange, dann ist die Existenz des Apothekenwesens auch im 21. Jahrhundert gesichert.

PZ:
Was geben Sie ihren Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg?

Friese:
Ich wünsche mir, daß die Vielfalt der Tätigkeiten, die wir in der öffentlichen Apotheke oder in der Krankenhausapotheke und so weiter ausüben - vornehmlich Beratung, Abgabe, Herstellung und Prüfung - nicht zur Monotonie ausartet, sondern als Vielfalt auch erkannt und vermittelt wird. Ich will unsere Probleme nicht verniedlichen, aber man muß auch über den Tellerrand schauen und sehen, welche Probleme es in anderen Branchen mit hoher Arbeitslosigkeit gibt. Insofern gibt es keinen Grund zur Resignation.

Ich wünsche meiner Kollegenschaft ausdrücklich, daß sie Selbstbewußtsein zeigt und daß sie zur Kenntnis nimmt, wie im Meinungsspektrum der Bevölkerung die Dienstleistungsinstitution Apotheke gesehen wird - nämlich an erster Stelle. Ich denke, das ist neben den positiven Wortbeiträgen aus der Politik Stimulation und Motivation, diesen Dienst zu tun. Ich bin davon überzeugt, daß es nichts Besseres und Befriedigenderes gibt als dem Menschen zu dienen - egal ob es der kranke oder der gesunde Mensch ist.

PZ-Interview von Hartmut Morck und Gisela Stieve, Eschborn
   

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