Pharmazeutische Zeitung online

Hingabe unZuwendung: Apotheker mit Feingefühl

15.11.1999
Datenschutz bei der PZ

-PolitikGovi-Verlag

PROFILE

Hingabe unZuwendung: Apotheker mit Feingefühl

von Christiane Berg, Hamburg

Die Ulmen-Apotheke von Ulrich Menard liegt nicht etwa in ländlicher Idylle, sondern zwischen der Lotto- und Toto-Annahmestelle und dem Frischemarkt mitten im Einkaufszentrum von Lurup am Rande von Hamburg. Lurup gilt als "Schlafstadt". Die Menschen, die hier wohnen, pendeln und arbeiten im angrenzenden Schleswig-Holstein oder im Zentrum der Hansestadt. "Das bringt mit sich, dass wir Rezepte von 200 verschiedenen Ärzten haben", erklärt Menard. "Die Patienten bringen uns diese Rezepte, weil wir uns um sie kümmern", sagt der Apotheker aus Leidenschaft.

Schon als Kind haben ihn Apotheken fasziniert. "Sie erschienen mir damals so geheimnisvoll. Überall dunkles Holz und Glas, der Geruch, die Gefäße in den Regalen - es war ganz leise, weiße Gestalten huschten hin und her". Das allein jedoch sei nicht Grund für ihn gewesen, Pharmazie zu studieren. "Mich hat stets der Mensch interessiert. Und ich wollte eine Tätigkeit, die mich mit Menschen zusammenbringt."

Verantwortung tragen

Ein Wunsch, der in Erfüllung ging. "Ich würde immer wieder Apotheker werden", so Menard heute. Nach der Schulzeit in Magdeburg und der Flucht aus der sowjetisch-besetzten Zone bei Nacht und Nebel 1956, nach dem Kampf um Anerkennung des Abiturs im Westen, einem zweijährigen Praktikum in einer Bayreuther Apotheke und dem Pharmaziestudium in Erlangen von 1959 bis 1964 sammelte Menard Erfahrungen bei Vertretungen in der ganzen Bundesrepublik, bevor er 1970 in Hamburg blieb, um eine der derzeit 468 öffentlichen Apotheken zu eröffnen.

"Es war Fügung", so der gebürtige Pommer, der viel herum gekommen ist und dabei nicht an Zufälle glaubt. "Alles hat einen tieferen Sinn, den es zu erschließen gilt", bemerkt der Pharmazeut, auf dessen Kitteltasche das Ulmenblatt prangt.

Apotheker sind Dienstleister, die eine hohe soziale Verantwortung tragen, betont er. "Die Menschen suchen unseren Rat. Das erfordert Feingefühl. Es gibt Situationen, da ist uns der Patient in seiner Not völlig ausgeliefert. Wenn der Apotheker Unsicherheit zeigt, dann bricht für den Patienten eine Welt zusammen." Das Beratungsgespräch erfordert Hingabe und Zuwendung, meint Menard, der sich eine stärkere Berücksichtigung der Fächer Psychologie und Kommunikation im Studium wünscht.

Einsatz zeigen

Der Patient will ernst genommen und aufgefangen werden. Sehr oft fühlt er sich mit seiner Krankheit allein gelassen und sucht in der Apotheke Unterstützung, schildert der 62-Jährige seine Erfahrungen. Mit der Wiedergabe des Beipackzettels sei es da nicht getan. Dem Apotheker falle kein Zacken aus der Krone, wenn er sagt: "Ich mach mich schlau". Menard: "Man muss flexibel sein, erkennen, worum es geht, Zusammenhänge sehen: Das schafft Vertrauen."

Und fordert ganzen Einsatz. So manche Stunde nach Dienstschluss verbringt Menard bei einem Hilfe suchenden Patienten, hört zu, erklärt, diskutiert und erwägt mit ihm oder dem behandelnden Arzt, was zu tun ist und wie es weitergehen soll. Und viele Sonntage findet man ihn im Büro bei der Pflege seines großen Archivs, das ihm bei der Betreuung der Patienten immer wieder als Informationsquelle dient.

Egal, ob sich die Frage nach einem Wirkstoff, einer medizinischen Indikation, einer Pflanze oder einer seltenen Erkrankung stellt: Menard zieht einen der unzähligen Ordner, nennt Fakten, erläutert Hintergründe, verweist auf Querverbindungen und "freut sich wie ein Schneekönig", wenn er beim Gespräch über ein Heilkraut die dazu passende schöngeistige Literatur, ein Gedicht oder einen Zeitungsbericht hervorzaubern kann.

Zeit nehmen

Überhaupt die Botanik: Sie ist sein großes Hobby. Menard ist nicht nur für die Führungen im Apothekergarten von "Planten un Blomen", sondern seit 1987 auch für die Organisation der pharmako-botanischen Exkursionen der Landesgruppe Hamburg der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft zuständig. Das bringt umfangreiche Recherchen im Vorfeld mit sich. Menard spricht von "viel Behördenkram". Die Gegend will erkundet sein, er muss Unterkünfte und qualifizierte Führer ausfindig machen.

Die Hauptarbeit jedoch liegt in der Erstellung der Manuskripte, in der die Teilnehmer der Exkursionen neben Informationen zur Vielfalt der Pflanzenwelt auch Auskünfte zur Geographie oder Geschichte des Landes beziehungsweise Hinweise auf Atlanten, Chroniken, Gedichtbücher, Faltblätter und Lexika finden. Die Exkursionen finden großen Anklang. Viele Kollegen sind seit der ersten Fahrt in die Lüneburger Heide vor zwölf Jahren dabei. Neben allem nimmt sich Menard, der im Fortbildungs- und PKA-Ausschuss der Kammer mitwirkt, Zeit auch für die umfangreiche Korrespondenz mit Wissenschaftlern und Experten sowie Publikumszeitungen und Fachzeitschriften. "Man muss sich engagieren", lautet seine Devise.

Raum schaffen

Unterstützung findet er bei drei Approbierten und einer PKA, die ihm in der Apotheke den Rücken frei halten und "Raum für das Wesentliche" geben. Die Begegnung mit Menard ist von "Geschichten am Rande", Berichten über manchmal auch lang zurück liegende Begebenheiten und eindrucksvollen Schilderungen von Menschen geprägt, die seinen Lebensweg kreuzten.

Mancher, der Menards Apotheke verlässt, ist um vieles reicher. Und hat das von ihm so gern zitierte Gedicht von Günter Ullmann im Ohr: "Staune, dass Du bist, erlebe die Welt als Wunder, jedes Blatt hat sein Geheimnis, jeder Grashalm bleibt ein Rätsel, verlerne das Staunen nicht, wenn man Dir eintrichtert, wie normal und einfach alles ist."Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa