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Ein Sparvorschlag: Listenmedizin à la Südbaden

04.11.1996  00:00 Uhr

-Politik

  Govi-Verlag

Ein Sparvorschlag: Listenmedizin à la Südbaden

  Durch praxisindividuelle Arzneimittellisten will die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Südbaden das Verordnungsverhalten ihrer Mitglieder in den Griff bekommen. Der Pharmazeutischen Zeitung liegt der vertrauliche Entwurf für eine Anleitung vor, mit deren Hilfe sich jeder südbadische Vertragsarzt quasi eine eigene Arzneimittelpositivliste zusammenstellen kann.

Zwar betont die KV Südbaden mehrfach, sie wolle lediglich Anregungen für eine rationale Pharmakotherapie geben. Doch derartige Hinweise dienen offenkundig nur dazu, gerichtliche Auseinandersetzungen mit der Pharmaindustrie zu vermeiden. Faktisch kommen die qualitativen und finanziellen Bewertungen ganzer Präparategruppen einer Richtschnur für die Verschreibungspraxis gleich, die kaum ein niedergelassener Mediziner außer acht lassen wird.

In ihrer Anleitung nimmt die KV Südbaden ausdrücklich Bezug auf den Arzneiverordnungsreport 1996 und listet detailliert Arzneimittelgruppen mit umstrittener Wirkung auf. Im vergangenen Jahr seien für knapp sieben Milliarden DM derartige Präparate verordnet worden. Jeder Arzt solle sich deshalb fragen, ob er diese Medikamente noch in "budgetgefährdenden Größenordnungen" verschreibe. Schließlich liege das größte Einsparpotential darin, Arzneimittel, die medizinisch nicht notwendig sind, gar nicht erst zu verordnen.

Für andere, umsatzstarke Indikationsgruppen nennt die KV Südbaden die Preisunterschiede für verschiedene Präparate. Angegeben werden das teuerste und das billigste Produkt einer Indikationsgruppe. Dabei werden teilweise beachtliche Preisunterschiede deutlich:

ASS (500mg, 20 Tabletten) kostet zwischen 2,75 DM und ll,75 DM, beim Antirheumatikum Piroxicam (20 mg, 50 Tabletten) liegt die Preisspanne zwischen 38,50 DM und 93,69 DM und das Antidiabetikum Glibenclamid (3,5 mg, 120 Tabletten) ist für 9,20 DM oder 26,46 DM zu haben.

Die KV Südbaden nimmt darüber hinaus konkrete pharmakologische Bewertungen einzelner Arzneimittelgruppen vor, wiederum gestützt auf den Arzneiverordnungsreport und das Arzneimittelkursbuch. Gleichzeitig gibt sie weitere Einspartips:

Die Vielzahl der angebotenen durchblutungsfördernden Mittel zeige nur, daß es noch keine Substanz mit erwiesenem therapeutischen Nutzen zur Behandlung von Durchblutungsstörungen gebe.

Blutzucker-Teststreifen würden jährlich für über 200 Millionen DM verordnet. Sie sollten deshalb nur Patienten verschrieben werden, die das Testergebnis eindeutig interpretieren könnten und in der Lage seien, daraus eigenständige therapeutische Konsequenzen zu ziehen.

Zahlreiche Pharmafirmen lieferten Hochpreismedikamente an Krankenhäuser zum Nulltarif oder zu günstigen Konditionen, weil bei chronischen Erkrankungen die Erstverordnung durchschnittlich zwei bis drei Jahre weitergeführt werde. Niedergelassene Ärzte sollten deshalb die Klinikärzte bitten, die Inhaltsstoffe der verschriebenen Medikamente und nicht die Markennamen in den Entlassungsbriefen zu nennen.

Die Behandlung von Typ-II-Diabetikern sei ein gutes Beispiel für eine nicht medikamentöse Therapie. Patientenführung, Diätberatung und Gewichtsabnahme stellten die Eckpfeiler der Therapie dar. Der Stellenwert des oralen Antidiabetikums Acarbose werde äußerst kontrovers diskutiert. Vor einer Therapie mit diesem Mittel müsse daher eine besonders sorgfältige Kosten-Nutzen-Abwägung erfolgen.

Die Primärprävention mit Lipidsenkern bei Überschreitung bestimmter Laborwerte und gleichzeitigem Vorliegen weiterer Risikofaktoren sei abzulehnen: Es werden zwangsläufig eine große Zahl Gesunder behandelt, die von der Therapie keinen Nutzen hätten.

Generell sei als Gegengewicht zur marketingorientierten Herstellerwerbung die Lektüre kritischer Fachliteratur wie dem Arzneimittel-Kursbuch unerläßlich. Jeder Arzt müsse sich zudem fragen, in welchem Umfang sein Verordnungsverhalten durch Patientenwünsche beeinflußt werde. Die individuelle Arzneimittelliste sollte letztlich eine überschaubare Menge bewährter Substanzen enthalten. Innovationen seien einer sorgfältigen Kosten-Nutzen-Bewertung zu unterziehen.

PZ-Artikel von Hans-Bernhard Henkel, Bonn    

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