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Pieck: nichts ist mehr sakrosankt

28.10.1996  00:00 Uhr

-Deutscher Apothekertag 1996

  Govi-Verlag

Pieck: nichts ist
mehr sakrosankt

  Wenn auch die Privatisierung der Apotheken in den neuen Bundesländern erfolgreich abgeschlossen ist, sollte sich der Deutsche Apothekertag mit Entwicklungen beschäftigen, die alle Apotheker gemeinsam betreffen. So mußte Dr. Johannes Pieck, Sprecher der Geschäftsführung der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, feststellen, daß ordnungspolitische Grundlagen des freiberuflich geprägten Apothekenwesens "nicht mehr sakrosankt" sind.

Er nannte das Verbot von Fremd- und Mehrbesitz, die konsequente Apothekenpflicht unter Ausschluß aller anderen Vertriebswege sowie die Arzneimittelpreisverordnung. Es bestehe immer dort die Versuchung, ein System in Frage zu stellen, wo Parlamentarier oder Beamte unter politischen oder finanziellen Druck geraten oder die öffentliche Hand eigene wirtschaftliche Interessen erkennt.

Einspruch, Euer Ehren!

In dieser Phase der Gefährdung und der Unsicherheit habe der Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom 22. Mai 1996 zu den standesrechtlichen Werbebeschränkungen größte Aufmerksamkeit gefunden. "Da hat man im Eifer des Fortschritts wohl übersehen, daß weiterhin § 17 Abs. 1 Satz 1 der Apothekenbetriebsordnung gilt, wonach Arzneimittel und apothekenübliche Waren nur in den Apothekenbetriebsräumen abgegeben werden dürfen".

Pieck bedauerte, daß das Bundesverfassungsgericht die gesetzlich fixierte Aufgabe des Apothekers mit Distanz referiert und dessen Pflicht zur Beratung und Information des Kunden nicht erwähnt habe, wohl aber den Status des selbständigen Apothekers als "Kaufmann" zitierte. Das Gericht verzichtete auf den Terminus "Heilberuf" und ordnete den Apotheker gerade noch den "sogenannten freien Berufen" zu. "Wir lassen es uns nicht nehmen", so Pieck, "zu den grundsätzlichen, inhaltlich durchaus defizitären Ausführungen des Bundesverfassungsgerichts über den Apothekerberuf Stellung zu nehmen".

Das Selbstverständnis des Apothekers, einen Heilberuf auszuüben, und nicht "Arzneimittelkaufmann" zu sein, ist ein gesundheitspolitisches Postulat, das sich aus dem geltenden Apothekenrecht ergibt. Die wirtschaftliche Situation des selbständigen Apothekers beruhe fast ausschließlich auf der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln und somit auf der Arzneimittelpreisverordnung. Insofern sollten die Warnungen des Bundesgesundheitsministers ernst genommen werden, Apotheken nicht auf ein Drugstoreniveau abgleiten zu lassen. Nur solange der "Apotheker in seiner Apotheke" sich darauf konzentriert, die Versorgung seiner Kunden sicherzustellen sowie informiert, berät und abrät, habe die ABDA gute Argumente und reelle Chancen im Kampf der Meinungen und Interessen. Nun müssen die Apothekerkammern ihre Berufsordnungen unter Beachtung des Beschlusses aus Karlsruhe und der in ihrem Schatten ergangenen Entscheidungen überprüfen und neu fassen. Dies werde in einer Koalition der Vernunft und ohne Ratschläge von außen zügig gelöst.

Gleichzeitig sieht Pieck keine Veranlassung, als Reaktion auf den Beschluß aus Karlsruhe das klassische Randsortiment der Apotheke in Frage zu stellen, das mit dem Begriff der apothekenüblichen Waren korrekt umschrieben ist. Den Bundesländern müsse signalisiert werden, daß ihre Absicht, § 25 ApBetrO abzuschaffen oder den Katalog des Randsortimentes zu liberalisieren, nicht akzeptiert werde. Damit würde ein Freibrief für jegliche Art von „Marketingtrallala" ausgestellt.

Ketten, Versand und ärztliches Auseinzeln

Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen fordert als arzneipolitische Speerspitze der Krankenkassen, daß neben öffentlichen Apotheken auch Krankenhausapotheken oder direktliefernde Hersteller für spezielle Therapien zuständig werden, daß die Apothekenpflicht für den Praxisbedarf aufgehoben und ausgewählte Apotheken für den Versandhandel mit Arzneimitteln für chronisch Kranke und überhaupt Kettenapotheken zugelassen werden sollen. Bezeichnenderweise, so Pieck, gelten in einem BKK-Papier Pool-Apotheken als Vorstufen der Kettenbildung.

Der Sprecher der Geschäftsführung berichtet weiter, daß die Deutsche Post AG mit "PostMed", einem Versandhandel für Arzneimittel, ihrem defizitären Paketbereich auf die Sprünge helfen will. Nachdem PostMed absichtsvoll die Vertreter der Apothekerschaft in einem Gespräch in die Irre führen wollte, hält die ABDA nun dagegen: Wenn es tatsächlich so kommen sollte, warteten 50.000 Apotheker nur darauf, künftig ihre Briefe und Päckchen den Wettbewerbern der Post anzuvertrauen. "Dann finanzieren wir nicht auch noch den gelben Pseudoapotheker".

Arzneimittelversand in der EU

Handfester als die Strategen der Deutschen Post AG gehen nach Piecks Bericht englische Apotheken in Deutschland vor, indem sie einen Versandhandel aus ihren Offizinen praktizieren und unter Verstoß gegen deutsches Recht auch hierzulande etablieren wollen.

Damit sei hinreichend erwiesen, daß die vorgesehene Versandhandelsrichtlinie der EU, wonach der nationale Gesetzgeber in eigener Verantwortung, aber eben nur national, den Versandhandel mit Arzneimitteln verbieten darf, ineffizient sein werde. Mit Bedauern nehme die ABDA zur Kenntnis, daß Apothekerorganisationen in anderen EU-Staaten einen Versandhandel mit Arzneimitteln keineswegs ablehnen. Die ABDA habe das Bundesgesundheitsministerium dringend aufgefordert, in der anstehenden Siebten Novelle zum Arzneimittelgesetz auf diese eklatanten Mißstände zu reagieren.

Leistung statt Worte

Auch wenn man unterstellt, daß Vertragsärzte auf die Budgetüberschreitung so reagieren werden wie 1993, so ist nach Pieck damit zu rechnen, daß aufgrund der Alterspyramide der Arzneimittelmarkt seine gesundheitspolitische Bedeutung behalten und sein finanzielles Volumen sich langfristig positiv entwickeln wird. Gerade deshalb stehe das deutsche Apothekenwesen auf dem Prüfstand.

Für das, was die ABDA und ihre Mitgliedsorganisationen begründet fordern, müsse die Praxis in den Apotheken Glaubwürdigkeit und Beweise liefern. ABDA-Politik, die nicht durch die Apotheker unterstützt und bestätigt werde, laufe Gefahr, unglaubwürdig und ineffizient zu werden. "Das ist die Botschaft meines diesjährigen Geschäftsberichts."

Artikel von der PZ-Redaktion    

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