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Kohl-Pharma will Apothekern Arbeit abnehmen

30.08.2004  00:00 Uhr
Modellprojekt

Kohl-Pharma will Apothekern Arbeit abnehmen

von Daniel Rücker, Merzig

Bislang war Apothekern Kohl-Pharma als Deutschlands größter Arzneimittelimporteur bekannt. Seitdem die goldenen Zeiten für Importeure vorbei sind, sucht das Unternehmen nach neuen Geschäftsfeldern. Am vergangenen Mittwoch fiel der Startschuss zu einem bei Apothekern nicht unumstrittenen Modellprojekt.

„Wir wollen gemeinsam mit Partnern im Gesundheitswesen neue, bessere Wege in der Arzneimittelversorgung gehen“, sagte Edwin Kohl bei der Vorstellung einer Anlage, die im industriellen Maßstab Arzneimittel verblistert. In dem Projekt soll die Medikation für Altenheimbewohner individuell zusammengestellt werden. Statt einer Vielzahl von Arzneimittelpackungen, erhalten sie einen Blister mit viermal sieben Feldern. Jedes Feld steht für einen Einnahmezeitpunkt (morgens, mittags, abends, nachts). Der Blister reicht für eine Woche.

An dem Projekt nehmen sieben Apotheker aus dem Saarland, einige Ärzte sowie die Wohnheime der Arbeiterwohlfahrt teil. Bei der Vorstellung im saarländischen Merzig betonten Vertreter aller Berufsgruppen, dass sie vom Stellen der Arzneimittel für Heimbewohner eine deutliche Verbesserung der Arzneimittelsicherheit und der Compliance erwarten. Für die Senioren sei es eine große Verbesserung, jeweils morgens, mittags, abends und vor dem Schlafengehen den Inhalt eines Blisterfeldes einzunehmen.

Das sieht auch Apotheker Hans-Jürgen Reinhardt so. Er stammt zwar nicht aus dem Saarland, sondern aus Dresden, fand bei der Vorstellung der Anlage dennoch positive Worte für Kohls Projekt. Ein Industrieunternehmen könne zuverlässiger und effizienter verblistern als Apotheker. Da sowohl Rezeptannahme als auch Blisterabgabe über die Apotheke laufe, sei das Engagement des Importeurs keinesfalls als Konkurrenz, sondern als Unterstützung für die öffentliche Apotheke zu sehen.

In der Praxis erhält der Apotheker von seinen chronisch kranken Patienten die Rezepte. Er beauftragt die Kohl-Tochter Assist-Pharma damit, entsprechend der Gesamtmedikation Wochenblister für die Patienten herzustellen. Assist liefert die Blister an den Apotheker. Dieser versorgt damit seine Patienten. Die Arzneimittel hierfür kauft Kohl nach eigener Aussage beim Großhandel ein. In der Regel würden Generika oder deutsche Originalpräparate verwendet, so Unternehmenssprecher Jörg Geller.

Kohl lässt sich das bis 2007 geplante Projekt einiges kosten. 50 Millionen Euro soll Assist-Pharma nach Firmenangaben investieren. Die eigens konstruierte Verblisterungsanlage sei weltweit einzigartig, so Firmenchef Edwin Kohl. Nach seinen Angaben soll die Verblisterung nicht nur die Arzneimitteleinnahme bequemer machen, sondern auch die Gesundheitskosten reduzieren. Auf 4000 Tonnen beziffert Kohl die Arzneimittelmenge, die jährlich auf dem Müll landet. Dies lasse sich durch das individuelle Zusammenstellen der Präparate reduzieren.

Angesichts des hohen Investitionsvolumens ist auch die saarländische Landesregierung Feuer und Flamme für das Projekt. In seinem Grußwort betonte Ministerpräsident Peter Müller (CDU), das angeschlagene Gesundheitswesen brauche Innovationen wie diese. Wenig Verständnis zeigte der Ministerpräsident dagegen für das seiner Meinung nach zu bürokratische Arzneimittelrecht. Es erschließe sich wohl nur dem Experten, warum Verblistern nach dem Arzneimittelgesetz das Inverkehrbringen eines neuen Arzneimittels sein sollte. Diese juristische Klippe musste Kohl bei seinem Projekt nämlich umschiffen. Die Aufsichtsbehörde entschied nach einiger Diskussion, Verblistern sei mit einer Rezeptur gleichzusetzen und erspare dem Importeur, für jeden Blister eine eigene Zulassung zu beantragen.

Rechtliche Bedenken

Die Apothekerkammer des Saarlandes kann die Euphorie der Landesregierung nicht teilen. Kammergeschäftsführer Wolfdieter Brinkmann hat einige Zweifel, ob das Projekt tatsächlich juristisch unangreifbar ist. Neben der aus seiner Sicht nicht eindeutig geklärten Frage, ob es sich bei den Blistern nicht doch um neue Arzneimittel handele, sieht er auch Probleme im Sozialrecht. Nach eigenen Angaben beschickt Kohl den Verblisterungsautomaten mit rund 400 Medikamenten. Damit dürften weder Aut-idem-Regelung noch Importquote zu erfüllen sein.

Aus Sicht der Kammer stellen sich aber auch Fragen nach dem Haftungsrecht des Herstellers. und der Kontrollpflicht des Apothekers. Der Hersteller des Originalpräparates dürfte kaum bereit sein, für den Inhalt der Blister zu haften. Für den Apotheker stellt sich nach Ansicht der Kammer die Frage, ob er eine Rezeptur außer Haus geben darf und welche Möglichkeiten er hat, die fertigen Blister zu kontrollieren. Auch standespolitisch stellt sich die Frage, ob Apotheker hier nicht ihre ureigensten Kompetenzen abgeben. Letztlich wäre es nur noch ein kleiner Schritt, die Blister über eine Versandapotheke direkt an Altenheime, Krankenhäuser oder sogar an ambulante Patienten zu liefern.

Bei aller Kritik dürfen mögliche Vorteile für chronisch kranke Patienten nicht ignoriert werden. Wie Professor Dr. Peter Heydebeck, Universität Linköping, erläutert, haben die Schweden mit dem individuellen Stellen der Medikation durchweg positive Erfahrungen gemacht. Ob sich dies auf Deutschland übertragen lässt, will nun Ulla Schmidts Berater Professor Dr. Karl Lauterbach untersuchen. Er begleitet das saarländische Projekt wissenschaftlich. Bei Erfolg will Kohl die maschinelle, patientenindividuelle Verblisterung von Arzneimitteln bundesweit einführen und zwar „ausschließlich über ein Netz von Apothekenpartnern“.

Bis dahin sollte dann auch geklärt werden, wie das Verblistern vergütet wird. In der Pilotphase trägt Kohl die Kosten. Doch mittelfristig müssten die Krankenkassen die Dienstleistung honorieren. Ob sie dazu bereit sind, darf zumindest angezweifelt werden. Top

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