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Nach der Flut rollt die Hilfswelle

02.09.2002
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Hochwasser

Nach der Flut rollt die Hilfswelle

von Brigitte M. Gensthaler, München

In dem Maß, indem sich das Wasser zurückzieht, werden die gewaltigen Schäden in den Dörfern und Städten entlang der Elbe und ihren Nebenflüssen deutlich. Vor allem in Sachsen stehen etliche Kollegen vor den Trümmern ihrer Arbeit. Die finanzielle Hilfe für Apotheker beginnt in diesen Tagen.

Die Bilder ganzer Ortschaften, die in den Fluten versanken und als verschlammte Schutthaufen wieder auftauchten, haben die Apotheker in ganz Deutschland zur Solidarität motiviert. Die Spendenaufrufe verschiedener Apothekerorganisationen stießen auf offene Ohren und Geldbörsen. Jetzt geht es darum, den betroffenen Kollegen und den anderen Menschen in der Region rasch und in gerechter Weise zu helfen. Die Koordination der Fluthilfe hat der geschäftsführende Vorstand der ABDA kürzlich dem Hilfswerk der Bayerischen Apotheker e.V. unter Vorsitz von Gerhard Reichert sowie der sächsischen Verbandsvorsitzenden Monika Koch übertragen.

Am letzten Freitag trafen sich erstmals die Beauftragten der betroffenen Bundesländer in den Räumen des Apothekerverbandes Hamburg. Monika Koch, Sachsen, Hansjörg Mogwitz, Niedersachsen, Marcus Bondick, Sachsen-Anhalt, sowie Gerhard Reichert und Dr. Gerhard Gensthaler, Bayern, berieten mit dem Hausherrn Dr. Jörn Graue und ABDA-Geschäftsführer Dr. Sebastian Schmitz über das Schadensausmaß und Kriterien der Spendenverteilung.

In braunen Fluten ertrunken

In Sachsen ist die Lage dramatisch, schildert Koch ihre Besuche in den überschwemmten Regionen. Zahlreiche Apotheker stehen vor dem Aus. 21 Total- und 44 Teilschäden durch Überflutung der Offizin wurden gemeldet. Die enormen Schäden entstanden durch die zweifache Flutwelle, erklärt die Verbandschefin. Sturzbäche aus dem Erzgebirge suchten mit großer Gewalt beispielsweise die Orte Grimma und Pirna heim, rissen Häuser weg. Dabei sind ganze Ortsteile verschwunden. Die zweite Flut kam mit den Wassermassen der Elbe, die bereits aus Tschechien große Mengen Schlamm und Unrat mitbrachten. Auch die Schlammmassen verursachten immense Schäden.

In einigen Gebieten sei noch gar nicht absehbar, ob die Menschen in ihre Heimatorte zurückkehren wollen oder aus Angst vor der nächsten Überschwemmung und wegen der zerstörten Infrastruktur abwandern, sorgt sich Koch.

Zum Glück sieht die Bilanz nicht in allen betroffenen Bundesländern so dramatisch aus. In Sachsen-Anhalt sind zwei Total- und zwei Teilschäden gemeldet; weitere 40 Apotheken haben Betriebsausfall oder -einschränkungen durch das Hochwasser zu beklagen. In Niedersachsen ist eine Apotheke in den braunen Fluten verschwunden. In Bayern haben eine Apotheke Totalschaden, zwei weitere erhebliche Schäden an Gebäude, Einrichtung und Warenlager und etliche Apotheken kleinere Teilschäden erlitten. Auch hier haben die kleineren Flüsse wie Traun, Prien und Regen den größten Schaden verursacht, berichtet Reichert. Aus Schleswig-Holstein, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind bislang keine Schadensberichte von Apothekern eingegangen.

Hilfe für Apotheker

Bei der Vergabe der Spenden sollen vier Gruppen berücksichtigt werden. Dies sind Apothekenleiter, deren Gewerbebetrieb besonders hohen Schaden genommen hat, Apothekenmitarbeiter, die privat ihre Wohnung verloren haben, sowie soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Altenheime, Spielplätze und Tagesstätten. Reichert beantragte zudem die Unterstützung von Einzelpersonen. Gerade Spender aus Bayern haben dies immer wieder ausdrücklich gewünscht.

Dass die Hilfe für Gewerbetreibende mit § 53 Abgabenordnung vereinbar ist, hatten die Verantwortlichen vorab geklärt. Dieser Paragraf regelt den Personenkreis, der von einer mildtätigen Körperschaft – das Hilfswerk der Bayerischen Apotheker zählt dazu – unterstützt werden darf. Die Oberfinanzdirektion Magdeburg hatte auf Anfragen der Landesapothekerkammer Sachsen-Anhalt bestätigt, dass auch Apotheker mit Spenden unterstützt werden dürfen, die sich auf Grund des Hochwassers in einer Notlage befinden. In Bayern kam eine Anfrage seitens des Hilfswerks zum gleichen Ergebnis, ebenso in Sachsen.

Nach Beschluss der Landesbeauftragten werden die Spenden sowohl zur Unterstützung von Apothekern und ihren Mitarbeitern als auch für soziale Projekte und Einzelpersonen verwendet. Selbstverständlich werden spezielle Wünsche der Spender berücksichtigt.

Schäden detailliert melden

Die Verteilung der Gelder in den betroffenen Städten wird von den Landesbeauftragten in eigener Verantwortung koordiniert. Für die Schadensfeststellung hat das Gremium ein Datenblatt erarbeitet, das die Landesbeauftragten verschickt haben. Die Angaben der Antragsteller werden die Kommissionen auf Landesebene prüfen. Zudem werden sie Mindestschadenshöhen vereinbaren, ab welchen Hilfe geleistet werden kann.

Wichtige Kriterien: Das Hilfswerk kommt nicht für Gebäudeschäden auf, sondern für räumliche und technische Einrichtungen und das Warenlager. Außerdem werden nur die Gegenden berücksichtigt, in denen Katastrophenalarm ausgelöst wurde. Ab 15. September sollen die ersten Abschlagszahlungen an Apotheker mit Totalschäden ausgezahlt werden. Vom Staat können die geschädigten Betriebe übrigens eine Soforthilfe von 15.000 Euro beantragen.

Der Hilfswerksvorsitzende lobte den Einsatz der Kollegen. Viele Apotheker und deren Mitarbeiter seien den Spendenaufrufen, vor allem der ABDA sowie des bayerischen und des baden-württembergischen Hilfswerks, rasch gefolgt. Besonders schnell und großzügig haben die Deutsche Apotheker- und Ärztebank, der Govi-Verlag, die Neue Apotheken Illustrierte sowie der Wort-und-Bild-Verlag reagiert. Reichert richtete seinen Dank auch an alle Landesapothekerkammern und –verbände, die zu Spenden aufgerufen und auf die Konten hingewiesen hatten. Allen Spendern gebühre großer Dank, sagten Reichert und Koch und fügten hinzu: „Weitere Gaben sind herzlich willkommen.“

 

Spendenkonten der Apotheker

  • Konto der ABDA „Apotheker helfen“, Konto 040 127 05 67 bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank Mainz, BLZ 550 608 31
  • Hilfswerk der Bayerischen Apotheker e.V., Konto 479 37 65 bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank München, BLZ 700 906 06
  • Hilfswerk der baden-württembergischen Apotheker und Apothekerinnen, Konto 641 41 41, bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank Stuttgart, BLZ 600 906 09
  • Spendenkonto der Landesapothekerkammer Hessen, Konto 6 777 333 bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank Frankfurt am Main, BLZ 500 906 07

Bitte Namen und Adresse vollständig angeben, damit Spendenquittungen ausgestellt werden können.

 

Interview

Für Menschen in Not

Brigitte M. Gensthaler, München

Die Koordination der Hilfen für die vom Hochwasser betroffenen Apotheker und andere Menschen in Not läuft auf Hochtouren. Die PZ sprach mit Monika Koch (Sachsen) und Gerhard Reichert (Bayern). Die beiden Verbandsvorsitzenden sind maßgeblich an der Spendenaktion beteiligt.

PZ: Frau Koch, wie beurteilen Sie heute die Lage in den sächsischen Hochwassergebieten?

Koch: Die Lage ist nach wie vor verheerend. Wir haben eine flächendeckende Zerstörung im größten Ausmaß. Die Dimension der sichtbaren Schäden ist unvorstellbar. Dem Ministerium haben wir einen Schaden von 15 Millionen Euro aus sächsischen Apotheken gemeldet. Die langfristigen Schäden durch strukturelle Veränderungen der Standorte, zum Beispiel durch Abwanderung von Einwohnern oder Gewerbebetrieben, sind noch gar nicht absehbar. Wir müssen den Kollegen jetzt helfen, auch unter dem Aspekt, dass sie notfalls noch die Kraft hätten, den eigenen Standort zu ändern.

PZ: Können die Kollegen die Arzneimittelversorgung sicherstellen?

Koch: Ja, das war immer gewährleistet. Etwa 15 Kollegen, deren Apotheken völlig zerstört sind, arbeiten jetzt mit eingeschränkter Betriebserlaubnis in Notcontainern. Sie führen ein eingeschränktes Warenlager und sind von der Dienstbereitschaft befreit.

PZ: Herr Reichert, wie sieht es in Bayern aus?

Reichert: In Bayern hat es etliche Apotheken erwischt, die meisten sind zum Glück glimpflich davon gekommen. Am stärksten betroffen war Niederbayern, ein wenig die Oberpfalz und dann die Gegenden an Traun und Prien. Im Bereich Regen und Zwiesel sind große Schäden entstanden. Viele bayerische Apotheker, auch solche, deren Apotheken nur kleinere Schäden davongetragen haben, regten an, Gelder an die extrem stark betroffenen sächsischen Kollegen zu geben. Ich freue mich über die Großzügigkeit der Spender und möchte ausdrücklich allen danken.

PZ: Ein Teil der Gelder soll innerhalb des Berufsstandes vergeben werden. Wer kann finanzielle Hilfe beantragen?

Reichert: Neben betroffenen Kollegen und ihren Mitarbeitern sollen Privatpersonen und soziale Einrichtungen unterstützt werden. Uns geht es darum, Menschen zu helfen, die in Not geraten sind. Dafür haben sehr viele Kollegen gespendet. In jedem Bundesland wird eine Kommission die Einzelanfragen prüfen.

PZ: Wann können die Betroffenen mit einer Unterstützung rechnen?

Reichert: Wenn eine genaue Auswertung des Schadens vorliegt, werden wir schon in wenigen Tagen die ersten Abschlagszahlungen vornehmen.

Koch: Die Schadensmeldebögen sind bereits ausgegeben, wir erwarten den Rücklauf bis Ende der Woche. Dann wird eine Kommission auf Landesebene die Meldungen überprüfen. Wir wollen zügig helfen, müssen dabei aber natürlich die Höhe des Spendenaufkommens berücksichtigen.

PZ: Wann werden die betroffenen Apotheken wieder voll funktionsfähig sein?

Koch: Das lässt sich jetzt noch nicht genau sagen. Da die Überflutung so lange anhielt, haben sich die Hausmauern voll gesogen wie Schwämme. Wenn die nicht austrocknen, sind die Folgeschäden nicht absehbar. Aus diesem Grund muss jedes Haus einzeln vom Statiker überprüft und freigegeben werden. Wir haben es bereits erlebt, dass Häuser aus statischen Gründen abgerissen werden mussten, nachdem sie die Flut überstanden hatten. Außerdem ist es in vielen Fällen eine mentale Frage, ob die Kollegen weitermachen. Auch da brauchen sie unsere Unterstützung.

PZ: Wo wird der Schwerpunkt der Hilfe in Bayern und Sachsen liegen?

Reichert: Im Landkreis Traunstein und im Regierungsbezirk Niederbayern.

Koch: Das entscheidet unsere Kommission. Die am schwersten Betroffenen, die alles verloren haben, werden mehr bekommen müssen als Teilgeschädigte. Top

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