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Vom Fachkollegen lernen

24.07.2000
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-PolitikGovi-Verlag

ALS ARZT IN DER OFFIZIN

Vom Fachkollegen lernen

von Brigitte M. Gensthaler, München

Manche Kontakte bahnen sich auf ungewöhnlichen Wegen an. So zwischen Dr. Christoph Heintze, derzeit in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner, und Dr. Jens Schneider, Apotheker in Augsburg. In der Apotheke am Königsplatz hat Heintze einige Tage hospitiert. Der Arzt interessierte sich für das Innenleben einer Offizin. Die PZ fragte beide nach ihren Eindrücken.

PZ: Wie kamen Sie auf die Idee, in einer Apotheke zu hospitieren?

Heintze: Meine Tätigkeit in der Allgemeinmedizin hat mir gezeigt, dass die Verordnung von Arzneimitteln ein größerer Bestandteil der ärztlichen Arbeit ist, als ich bislang dachte. Mich hat das Procedere interessiert: Was passiert mit dem Rezept in der Apotheke, welche Informationen erhält der Patient hier? Zudem ist es spannend für den Allgemeinmediziner, verschiedene fachliche Disziplinen kennen zu lernen. Daher hospitiere ich derzeit zum Beispiel in der Orthopädie und der Neurologie. Ich finde, jeder profitiert davon, wenn er sich die Expertise von Fachleuten holt.

PZ: Und dann fragten Sie bei Herrn Schneider an?

Heintze: Die Apotheke liegt mitten in der Stadt an einem sozialen Brennpunkt in Augsburg, das hat mich gereizt. Ich wollte sehen, mit welchen Krankheitsbildern und Fragen Menschen in die Apotheke gehen und welche Antworten sie dort bekommen. Bei meiner Anfrage habe ich gleich ein offenes Ohr bei dem Kollegen Schneider gefunden. Darüber habe ich mich gefreut, denn das ist nicht selbstverständlich.

PZ: Herr Schneider, wie haben Sie und Ihre Mitarbeiter auf die sicher überraschende Anfrage reagiert?

Schneider: Zunächst war ich sehr erstaunt und, ehrlich gesagt, eher reserviert. Meine Mitarbeiter haben gleich sehr positiv reagiert und signalisiert, der Arzt solle doch kommen.

PZ: Welche Bereiche der Apotheke haben Sie Ihrem Hospitanten gezeigt?

Schneider: Wir haben ein bunt gemischtes Publikum in unserer Apotheke, also vom älteren Stammkunden bis zum Drogenabhängigen. Unser Kontakt mit den Kunden hat Herrn Heintze besonders interessiert. Meine Mitarbeiter haben ihm natürlich die ganze Apotheke mit ihren einzelnen Abteilungen gezeigt.

PZ: Hat sich Ihre Neugier gelohnt, Herr Heintze?

Heintze: Ja, unbedingt. Wichtig war für mich, Kundenkontakte und Beratungsgespräche live zu erleben, aber auch Einkaufsplanung, Lagerung und die Vorratshaltung von Arzneimitteln zu sehen. Außerdem konnte ich das Computersystem ausführlich studieren. Interessant fand ich die Anfertigung einer Rezeptur, die aber nur einen kleinen Teil der täglichen Arbeit ausmachte.

PZ: Wie haben Sie die Beratung der Kunden erlebt?

Heintze: Ich war überrascht, dass der Gestaltungsspielraum des Apothekers bei der Abgabe von rezeptierten Arzneimitteln so gering ist. Daher sind die intensive Beratung des Patienten und die Pharmazeutische Betreuung ein sinnvolles Angebot der Apotheker und bieten gute Möglichkeiten, die Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten zu erweitern. Hilfreich finde ich die Patientenkartei im Computer. Die gibt einen guten Überblick über alle Medikamente, die der Patient bekommt.

PZ: Könnten Sie davon als Arzt profitieren?

Heintze: Davon bin ich überzeugt. Die Vielfalt der Interaktionen von Arzneimitteln ist fast unüberschaubar. Außerdem weiß ich als Allgemeinarzt nicht, was meine Kollegen verordnen, zu denen ich den Patienten überweise. Hier kann der Apotheker ein Bindeglied sein, der Doppelverordnungen aufspürt und in der Selbstmedikation berät. Fraglich erscheint mir aber, ob die Kunden immer in die selbe Apotheke gehen.

PZ: Wie haben die Kunden den Arzt in der Offizin erlebt?

Schneider: Eher am Rande. Herr Heintze hat sich ab und zu in ein Beratungsgespräch eingeschaltet. Das geschah sehr diskret und einfühlsam. Die pharmazeutische und die ärztliche Beratung haben sich ergänzt, und dies nahm manchem Kunden den letzten Zweifel.

PZ: Empfinden Sie keine Konkurrenz zum Heilberufskollegen?

Schneider: Meine Philosophie ist – und das habe ich schon beim Augsburger Modell vertreten -, dass wir nicht in Konkurrenz zum Arzt treten. In den seltensten Fällen kann sich der Patient neues Wissen, das ihm der Arzt vermittelt, komplett merken. Wenn wir die ärztliche Beratung in der Apotheke im selben Sinn verstärken, dann erzielen wir das optimale Ergebnis beim Patienten. Außerdem beraten wir in leichteren Krankheitsfällen, raten aber im richtigen Augenblick zum Arztbesuch. Es ist gut, dass es diese frühe Weichenstellung gibt. Darin waren wir uns einig.

Heintze: Ich sehe den Kontakt zum Apotheker als Bereicherung und Hilfe an, um einen Patienten in der Therapie gut zu führen. Aber der Apotheker muss seine Grenzen kennen, zum Beispiel bei der Diagnose von Körperzuständen, bei denen er nicht weiter beraten kann. Es ist sicher nützlich, wenn der Apotheker Blutfette oder Blutzucker misst und den Kunden bei auffälligen Werten zum Hausarzt schickt.

PZ: Wie können Sie Ihre positive Erfahrung als Allgemeinarzt umsetzen?

Heintze: Wenn ich mich niederlasse, will ich mit Fachkollegen und dem Apotheker Kontakt aufzunehmen, um unser Miteinander besser zu koordinieren. Qualitätszirkel wären ein guter Ansatz, ins Gespräch zu kommen. Das kann bereichernd sein für alle Berufsgruppen.

PZ: Können Sie sich vorstellen, mit dem Apotheker fachliche Diskussionen zu führen, zum Beispiel zu neuen Wirkstoffen oder Therapieprinzipien?

Heintze: Der Nutzen neuer Medikamente wird sich immer erst am Patienten erweisen. Der Apotheker könnte Fakten liefern als Basis für die ärztliche Therapieentscheidung, zum Beispiel Vergleichsstudien erklären, die die Pharmavertreter nicht so offen ansprechen. Auch zu Nebenwirkungen haben Apotheker viel zu sagen. Der Arzt kann davon profitieren, wenn er dieses pharmazeutische Wissen abrufen und annehmen kann. Ich meine auch, man kann sich beim Umgang mit Problempatienten absprechen, die Stammkunden in einer Apotheke sind.

PZ: Gibt es kritische Anmerkungen zu dem, was Sie in der Apotheke erlebt haben?

Heintze: Ich habe einige Monate bei "Ärzte ohne Grenzen" in Nigeria und Mazedonien gearbeitet und die Liste der unentbehrlichen Wirkstoffe der WHO kennen gelernt. Jetzt sind mir die vielen Generika aufgefallen, die eine Vielfalt suggerieren, die schwer nachzuvollziehen ist. Das sehe ich durchaus kritisch. Bei der Auswahl von Generika sollten sich die beiden Berufsgruppen verständigen.

PZ: Herr Schneider, Sie haben viel Erfahrung im Umgang mit Ärzten. Haben Sie neue Impulse bekommen, wie Sie den Dialog mit den Heilberufskollegen vertiefen können?

Schneider: Das Miteinander mit Ärzten ist ja immer von Höhen und Tiefen geprägt. Der Besuch des Arztes war wieder einmal eine Höhe, die motiviert, das Gespräch nicht abreißen zu lassen, sondern zu intensivieren. Es hat mir gezeigt, dass unsere Arbeit honoriert wird, wenn wir die entsprechende Kompetenz zeigen.

PZ: Ihr Resümee aus der Begegnung?

Heintze: Derzeit bestehen Vorbehalte und Skepsis auf beiden Seiten. Das finde ich bedauerlich, denn im Gesundheitswesen sitzen wir alle in einem Boot. Sinnvoller ist es, vom Wissen des Anderen zu profitieren. In meiner Generation weichen die Fronten zwischen Ärzten und Apothekern langsam auf, und das ist gut so.

Schneider: Für mich und meine Mitarbeiter war es erfreulich, dass wir von Anfang an das Gefühl hatten, der Arzt schätzt die Arbeit, die wir tagtäglich leisten. Diese Begegnung war sehr harmonisch und von gegenseitigem Verständnis, aber auch Erstaunen geprägt.

PZ: Sehen Sie eine Möglichkeit, mit solchen Kontakten Vorbehalte abzubauen?

Schneider: Wenn Medizinstudenten, Ärzte im Praktikum oder in der Facharztausbildung eine Art Famulatur in der Apotheke machen könnten, wäre dies ein Schritt in die richtige Richtung. Wir Apotheker relativieren unsere Zurückhaltung, und die Ärzte sehen, dass in der Apotheke professionelle Arbeit geleistet wird. Aus meiner Erfahrung kann ich den Kollegen nur empfehlen, sich dem Arzt zu öffnen. Wir haben nichts zu verbergen, im Gegenteil: Wir haben viel vorzuweisen im Sinne unseres gemeinsamen Patienten und Kunden.Top

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