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Befürworter starten Medien-Kampagne

01.07.2002
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Versandhandel

Befürworter starten Medien-Kampagne

von Daniel Rücker, Eschborn

Krankenkassen und die Bundesgesundheitsministerin gehen beim Thema Versandhandel in die Offensive. Zwei Tage vor der Übergabe der größten Unterschriftensammlung in Deutschland, priesen sie via Presseagenturen, Fernsehsender und Rundfunkstationen die Vorzüge des Versandhandels mit Arzneimitteln an. Ulla Schmidt warb am selben Tag in einem Brief an die Apotheker für den Arzneiversand.

In dem Schreiben greift Schmidt die ABDA an, allerdings ohne sie beim Namen zu nennen. Die Beunruhigung von Apothekern und Patienten sei vor allem auf fehlende oder unzureichende Informationen zurückzuführen, schreibt sie.

Die Ministerin erläutert erneut ihre bekannte Position, das deutsche Versandhandelsverbot sei nicht EU-konform. Das Versandhandelsverbot sei nicht aufrecht zu erhalten, weiß Schmidt schon bevor der EuGH sich mit dem Thema beschäftigt hat. Deshalb sollte im Interesse der Apotheker und der Patienten "aktiv eine neue Regelung gefunden werden", bevor die EU Fakten geschaffen hat.

Schmidt bekräftigt auch, dass sie keine Rosinenpickerei der Versandhändler zulassen will. Die Qualitätsstandards der herkömmlichen Arzneimittelversorgung gelten auch für Versender, zudem müsste die Beratung sichergestellt sein. Konkrete Informationen, wie diese Rahmenbedingungen garantiert werden können, liefert Schmidt allerdings nicht.

Abschließend betont sie, dass die Existenz der deutschen Apotheken nicht gefährdet werden dürfe und die wohnortnahe Versorgung erhalten bleibe müsse. Gerade deshalb sollte die Einführung des Versandhandels nicht per Beschluss des EuGH geschehen.

KKH will klagen

Am selben Tag erklärte die Kaufmännische Krankenkasse (KKH/Hannover), sie habe Klage gegen ein Sofortverbot des Bundesversicherungsamtes beim Sozialgericht Hannover eingereicht. Die Kasse möchte die Kosten für Arzneimittel aus dem Versandhandel übernehmen dürfen. Allein die KKH könnte jährlich auf diesem Wege rund zehn Millionen der rund 560 Millionen Euro Ausgaben für Medikamente sparen, behauptete Vorstandsvorsitzender Ingo Kailuweit.

Es sei nicht einzusehen, dass der Versandhandel in anderen Ländern Europas zugelassen, in Deutschland aber verboten sei. "Wir wollen aber nicht das schnelle Geschäft." Beispielhaft sei in Bezug auf die Sicherheit etwa das System in der Schweiz. Dort gebe es zwei voneinander unabhängige Kontrollen des eingereichten Rezeptes durch Apotheker.

Kailuweit sprach sich auch dafür aus, das Mehrbesitzverbot für Apotheker aufzuheben. "Wir wollen den Schutzzaun aufbrechen, der die Apotheken in Deutschland bislang noch umgibt." Es sei in diesem Bereich bislang nicht möglich, nach den allgemeinen Regeln des Marktes zu wirtschaften.

Ebenfalls am Montag veröffentlichte die Gmünder Ersatzkasse eine Umfrage, in der sich "hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Industrie" für die Einführung des Versandhandels ausgesprochen haben - vorneweg der BDI-Präsident Michael Rogowski, der erwartet, dass mehr Wettbewerb in jedem Fall "zu positiven Wirkungen führt". Rogowski betont aber auch, dass Versorgungsqualität, Verbraucherschutz und Arzneimittelsicherheit im Vordergrund stünden.

Flankiert wurde die Medienoffensive von einem dpa-Hintergrundbericht, in dem das Sortiment von DocMorris mit 60.000 in Europa zugelassener Originalpräparate angegeben wird. Ausdrücklich erwähnt wird auch die gebührenfreie Telefonnummer der Internet-Apotheke und ihr "gut geschultes pharmazeutisches Fachpersonal".

Berichte in bekannter Manier

Am Montagabend ging die mediale Offensive weiter. Das MDR-Magazin Fakt pries die günstigen Preise von DocMorris und den Wegfall der Zuzahlung an; es lobte das Fachpersonal der Niederländer und kritisierte, dass die Internet-Apotheke nur deutsche Arzneimittelpackungen und keine niederländischen Präparate versenden darf. Diese seien noch preiswerter.

Am Dienstagmorgen nahm sich der Hessische Rundfunk des Themas an. Die Autoren des Beitrags plädierten dafür, die Kräfte des freien Marktes entscheiden zu lassen. Den Apothekern wurde vorgeworfen, dass sie ihre Kunden erpresst hätten, gegen den Versandhandel zu unterschreiben. Immerhin kamen zum Ende des Beitrages auch Hörer zu Wort, die sich teils pro, teils contra Versandhandel äußerten.

Die Autoren der Beiträge bringen allesamt wenig Verständnis für die Position der Apotheker auf. Grundsätzlich positiv stehen sie dagegen dem Versandhandel und der Internet-Apotheke DocMorris gegenüber.

 

Kommentar: Bitte die ganze Wahrheit Es ist immer wieder dasselbe: Wenn Zeitungen, Radiostationen oder Fernsehsender über Versandhandel berichten, kommen Apotheker schlecht weg. Den Pharmazeuten wird vorgeworfen, allein ihre Pfründe wahren zu wollen und jegliche Neuerung abzulehnen. Die Autoren hoffen, dass ein freier Arzneimittelmarkt diese alten Zöpfe kappt und der mündige Bürger endlich selbst entscheiden darf, wo er seine Arzneimittel kauft. Eine differenzierte Betrachtung des komplexen Themas wäre wünschenswert.

Natürlich bietet der regulierte Markt den Apothekern Vorteile. Aber nicht nur ihnen, sondern auch den Patienten. Die Serviceleistungen der Apotheken könnten in einem freien Markt zum heutigen Preis nicht weiter angeboten werden. Wer schon einmal nachts ohne Schlüssel vor der eigenen Haustür stand, der weiß wie teuer Bereitschaftsdienst sein kann. Wer in einem Kaufhaus oder einem Fachgeschäft einen nicht vorrätigen Artikel bestellen will, muss viele Tage Wartezeit einplanen. Haben Sie schon einmal versucht, den Verkäufer zu bitten, er möge Ihnen die bestellte Ware doch nach Hause bringen, weil Sie Fieber hätten und die Wohnung eigentlich nicht verlassen sollten?

Die besonderen Dienstleistungen der Apotheken erwähnen die meisten Autoren nur ungern. Wer ein neutrales Bild vermitteln möchte, darf aber nicht verschweigen, dass diese unwirtschaftlichen Angebote in einem freien Arzneimittelmarkt keinen Bestand haben können. Wer dem mündigen Patienten die freie Entscheidung geben will, der muss ihm auch die ganze Wahrheit sagen.

Daniel Rücker
Stellvertretender Chefredakteur

 

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