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Verbraucherschutz soll in Europa nicht den Bach runter gehen

14.06.1999
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-PolitikGovi-Verlag

SELBSTMEDIKATION

Verbraucherschutz soll in Europa nicht den Bach runter gehen

von Gisela Stieve, Berlin                                                          Lesen Sie dazu auch das Editorial

Selbstmedikation muß auch künftig von Apothekern beratend begleitet werden. Der Bezug von Arzneimitteln über das Internet soll nach Möglichkeit unterbunden werden. Das war einhelliger Tenor beim 35. Jahrestreffen des Europäischen Fachverbandes der Arzneimittelhersteller AESGP (Association Européenne des Specialistes Pharmaceutique Grand Public), das zusammen mit der 13. Hauptversammlung des Weltverbandes der Selbstmedikationshersteller WSMI (World Self-Medication Industry) vom 9. bis 12. Juni in Berlin tagte. Die Delegationen der Industrievertreter und internationaler Organisationen aus 40 Ländern stellten zusammen knapp 700 Teilnehmer.

Für WSMI-Präsident Anthony Jamison gehört es zum Programm verantwortlicher Selbstmedikationspolitik, den Verbraucher verständlich und umfassend zu informieren, weil er nur so für sich Verantwortung übernehmen kann. Daher stand die Tagung in der Bundeshauptstadt unter dem Motto: Selbstverantwortung – ein wesentliches Element der Gesundheitspolitik im Informationszeitalter.

Hersteller und Apotheker müßten sich nach der Überzeugung von Jamison überlegen, wie sie den Dialog mit dem Kunden fördern können. In Finnland und Schweden habe sich gezeigt, daß bei sichtbar präsentierten Selbstmedikationspräparaten häufiger Gespräche über Nutzen und Wirksamkeit der Arzneimittel zustande kämen. Insofern sei es ein wichtiger Schritt, daß am Rande der Welttagung in Berlin ein Abkommen zur gegenseitigen Zusammenarbeit (charter of collaboration) zwischen WSMI und der Internationalen Apothekervereinigung FIP (Fédération Internationale Pharmaceutique), vertreten durch deren Präsident Peter Kielgast, unterzeichnet werde. In Verantwortung für die Patienten wollten sich Hersteller wie auch Apotheker an das sich immer schneller verändernde Informationszeitalter anpassen.

Gro Harlem Brundtland im Kampf gegen Tabakkonsum

Dr. Gro Harlem Brundtland, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation in Genf (WHO), begrüßte den inzwischen besser und intensiver gewordenen Dialog mit der Industrie. Die WHO könne mit ihren Partnern wichtige Brücken bauen, um die Versorgung der Menschen weltweit mit Medikamenten zu verbessern. Die von der WHO initiierten Round-Table-Gespräche seien ein Schritt in diese Richtung. Noch immer lebe eine Milliarde Menschen in Verknappung. Sie in eine gute medizinische Versorgung zu integrieren sei Aufgabe der Regierungen – der WHO gehören 191 Mitgliedstaaten an -, die wiederum auf der Grundlage einer soliden Politik Gemeinschaften und Individualpersonen besser informieren müßten, damit sie die notwendige Verantwortung übernehmen zu könnten.

Brundtland machte in Berlin auf ein Paradoxon aufmerksam, das sie mit aller Kraft bekämpfen will. Als Ärztin, die an naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Beweis glaubt, habe sie dem Tabakkonsum den Kampf angesagt: "Tabacco is a killer", sagte die oberste WHO-Repräsentantin. Es sei nicht einzusehen, daß Tabak an jeder Straßenecke gekauft werden könne, während die Arzneimittel, die dem Abhängigen den Entzug von der Droge erleichtern könnten, nur auf Rezept erhältlich seien. Raucher müßten einsehen, daß sie ihre eigene Lebensqualität und die ihres Umfeldes verbessern können, wenn sie den Nikotinkonsum einstellen. Brundtland erhofft sich dabei die Unterstützung von Industrie, Gesundheitsorganisationen und nationalen Regierungen.

Schweizer Versandapotheke hat Bangemann überzeugt

EU-Kommissar Dr. Martin Bangemann, der wohl das letzte Mal in dieser Funktion vor dem Weltverband sprach, verteidigte seine Auffassung von freiem Wettbewerb in einem zu vollendenden Binnenmarkt. Er sieht immer noch Binnenmarkthürden, die den Handel mit Arzneimitteln in Europa behindern und zum Nachteil für Hersteller, Patienten und Gesundheitssysteme gereichen. Die Möglichkeit, Arzneimittel über neue Vertriebswege wie den Elektronischen Handel (electronic commerce) per Versand zuzustellen, stellt für Bangemann mit Blick auf die Qualität der Arzneimittelversorgung und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Pharmaindustrie eine unvergleichliche Chance dar. Niemand solle der Illusion anheim fallen, auf einer Insel zu leben, auf die der elektronische Handel nicht vordringen könnte. Apotheker könnten auf diesem Wege vielmehr standardmäßig häufiger und intensiver beraten als in der Offizin. Beispiele, die er in der Schweiz gesehen habe, seien überzeugend gewesen.

Bangemann räumte allerdings ein, daß zwischen EU-Kommission und Mitgliedstaaten Einigkeit besteht, daß der elektronische Handel nicht uneingeschränkt zugelassen werden dürfe: Für verschreibungspflichtige Arzneimittel müsse er verboten werden, bei nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten sollten die Mitgliedstaaten Regelungen treffen.

Nach Darstellung des EU-Kommissars könnten künftig noch bestehende Preiskontrollen für rezeptfreie Arzneimittel aufgehoben werden. Bei nicht mehr patentgebundenen Arzneimitteln sei zu überlegen, Preiskontrollen aufzuheben und gleichzeitig den Wettbewerb bei Generika zu stärken. Bei patentgeschützten Arzneimitteln schließlich, "dem schwierigsten Bereich", plädierte er für Lockerungen in der Preisgestaltung, da sie eng mit den Gesundheitssystemen der Länder verbunden seien, und daher soziale Aspekte, Forschung und Entwicklung sowie die Markttransparenz zu berücksichtigen seien.

Als wichtigste Themen der Zukunft nannte Bangemann den elektronischen Handel auch für Arzneimittel, die Erweiterung der EU, die effiziente Förderung von Innovationen sowie eine "vernünftige" Abgrenzung zwischen Lebensmitteln und Arzneimitteln.

Dagmar Roth-Berendt glaubt nicht an den "Cyber-Doc"

Ärzte und Apotheker müssen sich dem Thema der neuen Informations- und Vertriebswege heute stellen. Langfristig sieht Dagmar Roth-Berendt, Mitglied des Europäischen Parlaments, keine Gefahr, daß der "Cyber-Doc" oder die Versandapotheke die Traditionsberufe ablösen werden. In einem Hintergrundgespräche, zu dem der Bundesfachverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) am Rande der Tagung eingeladen hatte, bekräftigte Roth-Berendt, daß die Gesellschaft langfristig mit dem Apothekensystem gut beraten ist. Sie wolle in der EU keine Gleichmacherei, sondern Vergleichbarkeit der Systeme erreichen. Sie trete für Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit ein. Das bedeutet für sie auch, daß sie "am liebsten" jeglichen Vertrieb von Pharmazeutika via Internet unterbinden möchte, nur sehe sie derzeit noch keine Möglichkeit, wie dies technisch durchzusetzen sei.

Die sich selbst als wertkonservativ bezeichnende Europäerin Roth-Berendt bekannte sich uneingeschränkt zum deutschen Apothekensystem und empfahl den Verbände-Vertretungen, sich in ihren Vertretungen für Europa zu rüsten: "Das Europaparlament ist highly lobbied".

Für die AESGP stellte deren Direktor, Dr. Hubertus Cranz, fest, daß die europäische Pharmaindustrie keinen Internethandel mit Arzneimitteln befürworte. Beschränkungen müßten aber weltweit gelten, weil sonst die außereuropäischen Unternehmen ihren Wettbewerbsvorteil ausnutzen würden. Darüber hinaus sieht Cranz dringenden Regelungsbedarf bei der Abgrenzung von Arzneimitteln zu Nahrungsergänzungsmitteln.

Trendbefragung

"Wer verliert am meisten, wenn Arzneimittel per electronic commerce vertrieben werden?" Von den knapp 700 Teilnehmern glauben:

55 Prozent: die Apotheker
23 Prozent: die Verbraucher
10 Prozent: die Gesundheitsbehörden
7 Prozent: die Hersteller
5 Prozent: die Ärzte.

"Wer gewinnt am meisten?" Von den Teilnehmern meinen:

40 Prozent: die Hersteller
34 Prozent: die Verbraucher
22 Prozent: die Gesundheitsbehörden
3 Prozent: die Apotheker
1 Prozent: die Ärzte

"Apotheker sollten den Kunden den Zugang zu rezeptfreien Arzneimitteln erleichtern, um ihre Position gegenüber dem Internethandel zu behaupten". Das Votum der Versammlung in Prozent:

lehne ich entschieden ab: 4
stimmt nicht: 18
weiß nicht 6
stimmt: 39
stimme uneingeschränkt zu: 33

Diese nicht repräsentative Befragung der rund 700 Kongreßteilnehmer aus 40 Ländern sollte als Stimmungsbild gelten.

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