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Apotheker als Lotse im Arzneimitteldschungel

29.05.2000  00:00 Uhr

-PolitikGovi-Verlag

PHARMACON MERAN

Apotheker als Lotse im Arzneimitteldschungel

von Ulrich Brunner, Meran

"Unsere Patienten müssen pharmazeutischen Sachverstand Tag für Tag in der Apotheke erleben", appellierte Dr. Hartmut Schmall, Präsident der Bundesapothekerkammer, am 28. Mai in seiner Eröffnungsrede zum diesjährigen Pharmacon in Meran. Dies dürfe nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben. Pharmazeutische Betreuung müsse der Patient vielmehr tagtäglich in der Offizin erleben.

Der Apotheker habe gerade in der Selbstmedikation die Aufgabe, seine Patienten quasi als Lotse durch den Arzneimitteldschungel zu führen. Besonders bei der Auswahl der geeigneten OTC-Arzneimittel würde die Glaubwürdigkeit des Apothekers auf die Probe gestellt. Schmall: "Arzneimittelauswahl bedeutet nicht schneller und optimierter Abverkauf." Ein verantwortungsvoller Apotheker empfehle vielmehr wirksame und unbedenkliche Produkte, und berücksichtige die Bedürfnisse seiner Kunden. Wer sich das nicht zu Herzen nehme, dem falle es schwer, für die Arzneimittelabgabe in der Apotheke und gegen andere Abgabeformen zu argumentieren.

Glaubwürdigkeit beweise der Apotheker aber auch, wenn er den Verbraucher vor unseriösen Produkten warne. Schmall nannte in diesem Zusammenhang eine erst in den letzten Tagen populär gewordene Nasensalbe gegen Heuschnupfen. Ein "Klingeln in der Kasse" dürfe nicht von der heilberuflichen Aufklärungspflicht ablenken.

Schwarze Schafe schaden dem ganzem Berufsstand

Der BAK-Präsident kritisierte aber auch die Verstöße einiger Kollegen gegen die Berufsordnung. Nichts belaste die Glaubwürdigkeit so stark, wie Rechtsverstöße, auch wenn diese nur von einzelnen "schwarzen Schafen" begangen würden. Denn sie brächten das Vertrauen in den gesamten Berufsstand ins Wanken. "Jeder einzelne von uns ist Teil der Selbstheilungskraft unseres Berufsstandes." Außerdem müsse Schluss damit sein, dass Apotheker zwar verdächtige Tatbestände den Kammern melden, dann aber mit Hinweis auf die Kollegialität die Beweissicherung torpedieren", warnte er. Natürlich sei es ebenso schlimm, wenn beschuldigte Kollegen nicht die Chance hätten, den erhobenen Verdacht auszuräumen.

Kritik übte Schmall an den Testkäufen und Umfragen der Verbraucherschutzzentralen. Oft seien diese überzogen und verfolgten falsche Ziele. Dennoch könne solchen Tests "ein Fünkchen Wahrheit nicht immer und grundsätzlich abgesprochen werden". Mit QMS böten die Kammern ihren Mitgliedern daher ein Instrument zur Qualitätssicherung an. Solche Systeme schafften Transparenz, und das mache Qualität erst nach außen sichtbar.

Durchaus noch Abstimmungsbedarf sieht Schmall zwischen Klinikapothekern und niedergelassenen Kollegen. Die im Krankenhaus tätigen Apothekerinnen und Apotheker hätten zum Beispiel kein Patent auf die Klinische Pharmazie, nur weil der Begriff suggeriere, dass es sich hier um etwas Krankenhaus-Typisches handele. "Der Patient steht im Mittelpunkt unseres Interesses", betonte der Präsident. Das gelte gleichermaßen für den stationären wie ambulanten Bereich.

Netze sind nicht mehr wegzudenken

Auch das Schlagwort Integrierte Versorgung nahm Schmall kritisch unter die Lupe. Solche Strukturen seien inzwischen nicht mehr weg zu diskutieren, und dürften schon gar nicht als "Teufelszeug" abgelehnt werden. Dennoch bergen die Modelle seiner Meinung nach auch Risiken; spätestens dann, wenn so Wettbewerbsvorteile geschaffen oder Arzneimittel und Apothekenrecht missachtet werden.

Apotheker müssten nicht zwangsläufig Mitglieder von Versorgungsnetzen werden. Entsprechende Vereinbarungen könnten auch durch kollektive Vereinbarungen außerhalb der Netzverträge geregelt werden.Top

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