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Kombimodell zur richtigen Zeit

10.05.2004  00:00 Uhr
DAV-Wirtschaftsforum

Kombimodell zur richtigen Zeit

PZ  Nach einem wenig erfreulichen Jahr 2003 bringt 2004 für die Apotheke mehr Änderungen als je zuvor. Die Apotheker sind bereit, die notwendigen Reformen mitzutragen. Dabei dürfe Bewährtes jedoch nicht blindlings zerschlagen werden, machte der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Hermann S. Keller, deutlich. Es müsse das Ziel sein, funktionierende Strukturen weiter zu entwickeln.

Für den DAV sei es dabei ein zentrales Anliegen, dass die Arzneimittelsicherheit gewährleistet werde und die hoch qualifizierten Arbeitsplätze in der Apotheke erhalten blieben. Keller warnte davor, dass immer häufiger kranke Menschen Arzneimittel im Ausland kauften. Wegen der nicht verständlichen Beipackzettel, berge dies eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Dass die Apotheker an der Fortentwicklung der Arzneimittelversorgung interessiert seien, zeige das Hausapothekenmodell, sagte der DAV-Chef. Das Konzept sei für alle Beteiligten ein Gewinn: Es verbessere die Versorgung, spare den Kassen Geld und gebe den Apothekern die Möglichkeit, ihre pharmazeutische Kompetenz sinnvoll einzusetzen.

Erfreut zeigte sich Keller über die positive Resonanz des Modells bei den Krankenkassen. Nach dem ersten bundesweiten Vertragsabschluss mit der Barmer Ersatzkasse, stehe der Verband mit Betriebskrankenkassen, Techniker Krankenkasse und Allgemeinen Ortskrankenkassen in Verhandlungen. Positiv ist aber auch die Resonanz im Berufsstand. Bis heute haben fast die Hälfte der deutschen Apotheken die Schulung zur Hausapotheke erfolgreich abgeschlossen.

Uneingeschränkt sei die Zustimmung zur Hausapotheke jedoch nicht. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sehe im Vertrag zwischen DAV und Barmer eine „Verletzung der Friedensgrenze“. Keller will den Dissens aber nicht überbewerten. Vor Jahrzehnten hätten die Ärzte Blutdruckmessungen in der Apotheke als Frontalangriff empfunden, dann aber gemerkt, dass auf diesem Weg viele unerkannte Hypertoniker entdeckt werden konnten. In kurzer Zeit würden die Ärzte auch den Nutzen der Hausapotheke erkennen.

Wesentliche Punkte verteidigt

Rückblickend auf die Diskussion um das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) stellte Keller fest, dass die Apotheker zwar Boden verloren, die wesentlichen Punkte aber verteidigt hätten. Die Individualapotheke sei erhalten worden, die Apothekenpflicht sei weiterhin Garant einer sicheren Arzneimittelversorgung und der einheitliche Abgabepreis verschreibungspflichtiger Arzneimittel habe ebenfalls Bestand.

Keller lies keinen Zweifel daran, dass viele Regelungen des GMG keine Zustimmung bei der Apothekerschaft fänden. Gleichzeitig verwies er aber auch auf positive Aspekte. So könnten sich die Apotheker durch die neue Preisverordnung von der „desaströsen Entwicklung“ der Jahre 2002 und 2003 lösen.

Das Kombimodell entkoppele zudem den Ertrag Apotheker von Festbeträgen, Budgetierungen und Rabattkaskaden. Es mache Schluss mit der „überstrapazierten Mischkalkulation und der Abhängigkeit von Preisamplituden“. Zudem erschwere das Kombimodell den Versandhändlern die Rosinenpickerei. Gleichzeitig würden die Leistungen der Apotheke, wie Vollsortiment und Beratung besser entlohnt. Für Keller steht fest: „Das Kombimodell kommt zur richtigen Zeit.“

Das Kombimodell sei keinesfalls ein Geschenk an die Apotheker, betonte Keller. Allerdings seien die Einsparungen, die auch zu Lasten der Apotheker gingen, nicht vollständig bei den Krankenkassen angekommen. Nach einer Analyse von ABDATA habe die Industrie bei 1400 eher teuren Produkten ihre Abgabepreise angehoben. Dadurch sei der Spareffekt des Kombimodells teilweise zunichte gemacht worden.

Die Vorwürfe des Großhandels, er sei beim Kombimodell über den Tisch gezogen worden, wies Keller zurück. Bereits im Frühjahr 2003 hätten die Apotheker dem Bundesverband des Pharmazeutischen Großhandels (Phagro) das Konzept vorgestellt. Auf einem Rechner in der Frankfurter Geschäftsstelle des Verbandes habe man die Veränderungen der Handelsspannen für Apotheke und Großhandel anhand verschiedener Präparate durchgespielt. Fraglos habe das GMG den Großhandlungen Opfer abverlangt, räumte Keller ein. Dies hätten jedoch die Politik, nicht Apotheker, zu verantworten.

Keller warf dem Großhandel vor, seine Konfliktstrategie bei der Umsetzung des GMG fortzusetzen. So hätten die Großhandlungen ihren Apothekenkunden mitgeteilt, der DAV sei an einem Lagerwertmodell zum 1. April nicht interessiert gewesen. Tatsache sei jedoch, dass der Phagro das Lagerwertverlustmodell vor zwei Jahren gekündigt hatte und die Industrieverbände kein Mandat hatten über eine neues Modell zu verhandeln.

Der DAV sei an weiteren Konflikten mit dem Großhandel nicht interessiert, sagte Keller. Er lud dessen Vertreter dazu ein, in einem Gespräch den Weg zu einer besseren Zusammenarbeit zu ebnen.

Skeptisch zeigte sich der DAV-Chef in Bezug auf Kooperationen unter dem Dach „bekannter und weniger bekannter Anbieter“. Diese versuchten, die Unsicherheit der Apotheker nach der Umsetzung des GMG für sich zu nutzen. Viele Kooperationen wollten bei einer weiteren Liberalisierung des Apothekenmarktes Ketten bilden, in denen Individualität und Freiberuflichkeit verloren gingen. Jede Apotheke sollte für sich genau abwägen, ob eine Kooperation seine Interessen verfolge oder „den Einstieg in den Ausstieg aus der Selbstständigkeit“.

Erfolg beim § 129

Erfreut zeigte sich Keller über den Schiedsspruch zum Arzneiliefervertrag nach § 129 GB V. Die Schiedsstelle habe in allen Punkten die Position der Apotheker unterstützt. So sei keine Regelung zur Weitergabe der Rabatte in den Vertrag aufgenommen worden. Ebenso habe sich der DAV bei der Festsetzung der Importquote und bei der Aut-idem-Regelung durchgesetzt. Der DAV-Chef bezeichnete dies als Erfolg für die Mitglieder der DAV-Verhandlungsdelegation.

Ein Erfolg könnte auch das Grüne Rezept werden. Das von Apothekern, Ärzten und Großhandel entwickelte Privatrezept soll verhindern, dass Patienten nach der Ausgrenzung von OTC-Arzneimitteln aus der Erstattungsfähigkeit auf sinnvolle und notwendige Arzneimittel verzichten. Seit März seien 100 Millionen Grüne Rezepte an die Ärzte verteilt worden.

Angesichts der nicht unerheblichen Aktivitäten der Apotheker ist Keller zuversichtlich, dass der Berufsstand auch in Zukunft die zentrale Rolle in der Arzneimittelversorgung spielen wird. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass er sich auf seine Kernkompetenz besinnt. Nur die als freiberuflicher und selbstständiger Betrieb geführte Apotheke schaffe bei Kunden Vertrauen und Akzeptanz. Die langfristige Entwicklung des Berufsstandes werde wesentlich davon abhängen, ob er in der Lage ist, glaubwürdig, durchdacht und zufrieden auf neue Herausforderungen zu reagieren. Top

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