Pharmazeutische Zeitung online

Politik 1

18.03.2002  00:00 Uhr

KAMPAGNE

ABDA geht in die Offensive

von Thomas Bellartz, Berlin

Mit einer großen Kampagne setzt sich die deutsche Apothekerschaft gegen drohende Systemveränderungen zur Wehr. Vor zahlreichen Medienvertretern kündigte ABDA-Präsident Hans-Günter Friese am Montag in Berlin die "Initiative Pro Apotheke" an und präsentierte ein Positionspapier für die "Zukünftige Gestaltung der Arzneimittelversorgung".

Friese kündigte in Berlin eine breit angelegte Kampagne für den Erhalt der deutschen Apotheken und gegen den Versandhandel mit Arzneimitteln an. Die Details für die große Aktion mit dem Slogan "Initiative Pro Apotheke" werden Mitte April den Medien vorgestellt.

"Wir sind uns sicher, dass die Apotheke wesentlich mehr Verbündete in der Bevölkerung hat, als dies aus der Berichterstattung der meinungsbildenden Medien hervorgeht", analysierte Friese in Berlin. Daher werde es die Aufgabe der Initiative sein, über die Konsequenzen der Szenarien aufzuklären, die "im Moment noch intellektuell planspielartig durchgespielt werden", so Friese. Kettenapotheken seien die konkrete Folge von der Einführung des Versandhandels. Zudem werde die einheitliche Preisbildung fallen und letzten Endes die wohnortnahe Apotheke vernichtet, "mit allen vorhersehbar negativen Konsequenzen für den Verbraucher". Man werde mit denjenigen, denen die Apotheke "am Herzen liegt" Mittel und Wege finden, um "untaugliche Sandkastenspiele als solche zu decouvrieren",

Friese legt Wert darauf, dass sich die "Initiative Pro Apotheke" nicht gegen die Politik "und schon gar nicht gegen eine politische Partei" richte. Die Aktion richte sich ausschließlich gegen den Versandhandel und gegen Kettenapotheken. Die Initiative spreche sich aber vor allem für die unabhängige Apotheke und damit für das Recht der Patienten auf eine wohnortnahe und bedarfsgerechte Versorgung aus. Friese gab sich gegenüber den Journalisten kämpferisch: "Wir werden gegen die Zerstörung des Systems der flächendeckenden, wohnortnahen Arzneimittelversorgung durch unabhängige Apotheken vehement vorgehen."

Systemzerstörung

Trotz der immer wieder vorgetragenen "schlüssigen Argumente" der ABDA gegen den Versandhandel werde das Thema immer wieder von interessierten Kreisen in die Öffentlichkeit getragen. Friese reagierte deutlich: "Es geht um die Zerstörung des Systems der bedarfsgerechten, wohnortnahen Arzneimittelversorgung, koste es, was es wolle." Die Befürworter des Versandhandels hätten keine Vorstellungen davon, welche negativen Folgewirkungen die radikale Zerstörung des Systems der Arzneimittelversorgung nach sich ziehen würde.

Die Politik habe im vergangenen Jahr, nach Abschaffung der Arzneimittelbudgets, erfahren müssen, welche "Auswirkungen punktuelle pharmapolitische Schnellschüsse haben". Auch wenn der Versandhandel mit Arzneimitteln förmlich zum Modewort werde, werde er dadurch längst nicht besser. Friese erinnerte an den Personenkreis in der Gesellschaft, "der jeden Tag rund um die Uhr flächendeckend von den Leistungen der Apotheke profitiert". Für diese Menschen sei die Apotheke unverzichtbar. Sie könnten sich nicht artikulieren und würden auch nicht gefragt.

ABDA-Positionen

Mit dem Positionspapier legt die ABDA die Basis für eine offensive Öffentlichkeitsarbeit. Friese, der das Konzept in Berlin präsentierte, skizzierte die Ziele des ABDA-Papiers. Eine Umsetzung der Vorschläge führe zu einer Verbesserung der Sicherheit und Qualität der Arzneimittelversorgung, zu einer Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen und betreffe die Preisbildung bei Arzneimitteln.

Friese betonte den Unterschied zwischen dem ganzheitlichen Konzept der ABDA und den vielen nur punktuellen Maßnahmen, die von anderen Teilnehmern im Gesundheitswesen vorgeschlagen werden. Die ABDA spricht sich dafür aus, "sachgerechte Instrumente" zur Unterscheidung von echten und unechten Innovationen zu entwickeln. Zudem sollen die Negativlisten unter Berücksichtigung der gerade wieder diskutierten Positivliste weiter entwickelt werden. Einsparungen bei Festbetragsarzneimitteln könnten ebenso ins Auge gefasst werden, wie die kritische Überprüfung des Einsatzes so genannter Lifestyle-Medikamente.

Überdies bietet die ABDA einen kontrollierten Ausbau der Botenregelung an. Pharmazeutisches Fachpersonal könne die Lieferung ausführen. Die dafür entstehenden Mehrkosten werde man selbstverständlich tragen. Dies verstehe die Apothekerschaft unter praktisch angewandter Arzneimittelsicherheit.

    

Fünf Fragen, eine Antwort Die Erlaubnis des Versandhandels hätte irreversible Folgen...

  • Wer soll dann für den Nacht- und Notdienst garantieren?
  • Wer versorgt wohnortnah mit Individualrezepten?
  • Wer verhindert in einem Arzneimitteldistributionssystem, das ausschließlich dem freien Spiel des Marktes überlassen wird, die Überforderung des Patienten?
  • Wer kümmert sich in einem Profitcenter-System noch um betriebswirtschaftlich uninteressante Patienten?
  • Wer bietet in einem System von Versand- und Kettenapotheken noch wirklich unabhängige Arzneimittelberatung?

Unsere Antwort ist eindeutig: Niemand!

   

Bei Aut idem werde es bald zu einer zweiten Phase kommen, in der es - nach den Problemen bei der Einführung seit dem 23. Februar - sehr viel ruhiger zugehen werde. Friese erwatet eine Normalisierung bei der Substitution, so wie es bereits seit Jahren im Nacht- und Notdienst üblich sei. Problematisch seien natürlich die handwerklichen Fehler, die das Gesundheitsministerium zu verantworten habe.

Konsequent müsse die pharmazeutische Betreuung genutzt werden, um die Einsatz- und Anwendungsqualität von Arzneimitteln weiter zu verbessern. Hier bestehe ein großer Nachholbedarf.

Auch im Bereich Telematik engagiere sich die deutsche Apothekerschaft. Gerade mit Blick auf die Etablierung von Disease-Management-Programmen sei es wichtig, verlässliche Transparenzdaten zu liefern. Ein Schlüssel zu einer ganzheitlichen Lösung könne die Einführung des elektronischen Arzneimittel- und Gesundheitspasses sein, der Chipkarte in Patientenhand.

Die Drehung bei der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) sei ein gutes Mittel, um Einsparungen von bis zu 450 Millionen Euro im Jahr der Einführung sowie von rund 100 Millionen Euro in jedem weiteren Jahr zu erzielen. Auch die Zusammenarbeit zwischen Krankenhausapotheken und den öffentlichen Apotheken will die ABDA weiter ausbauen. Der Wechsel von Patienten von der stationären in die ambulante Versorgung und umgekehrt können effizienter organisiert werden - ein Beitrag, den die deutschen Apotheken leisten könnten.

Auch an der Neugestaltung der Arzneikostenzuzahlung will die ABDA mitarbeiten. Dabei dürfe es nicht um eine vordergründige Erhöhung der Zuzahlungen gehen, sondern darum, die Befreiungsquoten von rund 50 Prozent und die Schwankungen von GKV- und Patientenanteil in den Griff zu bekommen. Die Gesamtkonzeption der ABDA umfasse fast 20 verschiedene, ineinander fassende und sich gegenseitig ergänzende Module. Friese: "Wir sind davon überzeugt, dass damit sowohl ökonomisch als auch unter dem Aspekt der Arzneimittelsicherheit und Versorgungsqualität das bestehende System zukunftsfähig gemacht würde."

Kommentar

Keine Wahl Drei gesundheitspolitische Termine erster Rangordnung innerhalb von drei Stunden. Ein Tross von vier Dutzend Journalisten bewegt sich von der ver.di-Pressekonferenz zum BPI und von dort zur ABDA. Das Thema ist überall gleich: Die Probleme des Gesundheitssystems und die bevorstehenden Reformen. Die Gewerkschafter verstehen sich als Anwalt der Versicherten, ihrer Mitglieder. Auch der BPI argumentiert für seine Mitglieder, die Unternehmen, deren Eigentümer und Aktionäre. Die ABDA vertritt gleich 21 500 Apotheken mit rund 140 000 Beschäftigten.

Es fällt Öffentlichkeitsarbeitern schwer, in einer schnellen und mit Terminen übersättigten Hauptstadt ein Bein an den Boden zu bekommen. Trotzdem waren die Medien am Montag, Dienstag und auch am Mittwoch voll von Meldungen als Folge der Veranstaltungsserie und der folgenden Reaktionen. Das zeigt: Die Gesundheitspolitik bewegt die Medien, und damit natürlich auch die Menschen.

Die "Initiative Pro Apotheke" ist genau der richtige Weg, um sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Reine Sachargumente sind - so schade das auch sein mag - längst nicht mehr medienwirksam. Dafür ist die Gesundheitspolitik zu komplex und dem Laien kaum vermittelbar. Griffige Schlagwörter müssen her: Pro Apotheke, zum Beispiel. Die Initiative wird informieren, aufklären und polarisieren. Und sie wird auch die ohnehin öffentlichkeitswirksam agierenden Gegner auf den Plan rufen. Eine andere Wahl haben die deutschen Apothekerinnen und Apotheker nicht.

Thomas Bellartz

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