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Frauen sind besonders gefährdet

13.03.2000
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-PolitikGovi-Verlag

ARZNEIMITTELMISSBRAUCH

Frauen sind besonders gefährdet

von Dieter Schütz, Berlin

Der Missbrauch von Medikamenten ist bei Frauen fast doppelt so hoch wie bei Männern. Das geht aus dem Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung für das Jahr 1999 hervor. Der Bericht beruft sich dabei auf Befragungen in der Bevölkerung.

Als Medikamente mit psychoaktiver Wirkung stuft die Bundesdrogenbeauftragte Christa Nickels Schmerz-, Schlaf-, Beruhigungs-, Anregungs- und Abführmittel sowie Appetitzügler ein. Insgesamt hätten fast doppelt so viele Frauen (19,5 Prozent) wie Männer (11,5 Prozent) in den letzten vier Wochen vor der Befragung zumindest einmal pro Woche eines oder mehrere Medikamente dieser Art eingenommen. In allen Altersgruppen liegt der Prävalenzwert der Frauen nach Angaben Nickels deutlich über dem der Männer. Bei beiden Geschlechtern sei die Häufigkeit bei den 25- bis 29-jährigen niedriger als bei den jüngeren Erwachsenen und steige danach kontinuierlich mit zunehmendem Alter an.

Laut Drogenbericht ist bei den 50- bis 59-jährigen Frauen der Anteil derer mit zumindest einem Medikament pro Woche mit 28,3 Prozent am höchsten. Ost-West-Unterschiede treten offenbar nur vereinzelt in einigen Altersgruppen auf. "Schmerzmittel werden mit Abstand am häufigsten genommen. Danach folgen Beruhigungsmittel und Schlafmittel", heißt es in dem Bericht. Die beiden letzten Medikamentengruppen werden danach von 4,2 Prozent beziehungsweise 6,8 Prozent der ostdeutschen Frauen genommen. Bei den westdeutschen Frauen rangieren Abführmittel mit 3,4 Prozent sogar noch vor den Schlafmitteln (3,0 Prozent).

Die Zahl der Drogentoten ist in Deutschland unterdessen erneut angestiegen. 1999 starben 1812 Menschen an einer Überdosis. Das sind 8,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Überdurchschnittliche Steigerungsraten bei der Zahl der Drogentoten haben Schleswig-Holstein (48,1 Prozent), Berlin (28,1 Prozent), Baden-Württemberg (23 Prozent), Rheinland-Pfalz (18,3 Prozent), Nordrhein-Westfalen (17,2 Prozent) und Bremen (13,4 Prozent) zu verzeichnen. In Bayern ist die Zahl der drogenbedingten Todesfälle nach einem deutlich Anstieg im Jahr zuvor um 14,4 Prozent auf 268 Personen gesunken. In Hamburg wurde mit 115 Todesfällen ein seit 1990 nicht mehr registrierter Tiefstand erreicht. Die neuen Länder sind nach wie vor wenig betroffen.

Als ein "nicht zu unterschätzendes Problem" bezeichnete Nickels die "gelegentlich freizügige ärztliche Vergabepraxis von Methadon". 1999 starben insgesamt 323 Personen (17,8 Prozent), weil sie zum Beispiel außer Heroin gleichzeitig auch noch Methadon konsumierten. In 28 Fällen wurde Methadon als alleinige Todesursache ausgemacht.

Eine Abhilfe dieses Problems erhofft sich Nickels durch die kürzlich erfolgte Novellierung des Betäubungsmittelgesetzes, die ein zentrales Register über Patienten mit Substitutionsbehandlung vorsieht. Dadurch soll verhindert werden, dass Methadon an Drogensüchtige mehrfach verschrieben wird. Außerdem ist in dem Gesetz geregelt, dass Ärzte, die eine Substitutionsbehandlung vornehmen, eine besondere Qualifikation aufweisen müssen.

Eine deutlich Verbesserung bei der Hilfe für Drogensüchtige verspricht sich die Grünen-Politikerin aber auch von der Einführung weiterer Fixerstuben. Derzeit gibt es in Deutschland 13 Einrichtungen dieser Art. Allerdings liegt die Eröffnung und der Betrieb von Drogenkonsumräumen nach der jüngsten Gesetzesänderung in der Hand der Länder, die eigene Rechtsverordnungen erlassen müssen. Widerstand kommt von einigen unionsgeführten Länderregierungen.

Nickels kündigte an, dass im Herbst oder Winter die ersten Modellversuche zur ambulanten heroingestützten Behandlung von Drogenabhängigen starten sollen.Top

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