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Steroidfreie Therapieoptionen bei Neurodermitis

26.05.2003
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Steroidfreie Therapieoptionen bei Neurodermitis

von Christoph Drude, Berlin

Neurodermitis zählt zu den schwersten Ekzemformen. Heilbar ist die auch unter dem Namen „Atopische Dermatitis“ bekannte Krankheit bislang nicht, jedoch hat die Entwicklung neuer, nicht-kortisonhaltiger Immunmodulatoren die Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich zum bisherigen „Hauptpfeiler“ Kortison erweitert.

Unerlässlich für einen Therapieerfolg ist nach Expertenansicht die Aufklärung und Mitwirkung des Patienten. Bei einem Pressegespräch der Novartis Pharma anlässlich der jüngsten Jahrestagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) in Berlin informierte Professor Dr. Thomas A. Luger, Dermatologe und neuer Generalsekretär der DDG, über die Therapieempfehlungen der International Consensus Conference on Atopic Dermatitis II (ICAAD II). Luger unterstrich die Bedeutung der Information und Eigenverantwortung des Patienten, um die Einbußen bei der Lebensqualität zu mindern, die bei schweren Atopikern größer seien als bei Diabetikern. „Wer die Krankheit versteht, kann besser damit umgehen“, sagte Luger.

Die UV-Therapie hat nach Lugers Ansicht die ursprünglich in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Häufig komme es nach Abschluss der Behandlung zu Rückschlägen, zudem sei das Risiko von Hauttumoren nicht zu unterschätzen. Auch die systemische Immunsuppression komme wegen der erheblichen Nebenwirkungen nicht als Dauerbehandlung in Betracht, allenfalls im Wechsel mit der UV-Therapie. Gegenüber der Paramedizin zeigte sich Luger zurückhaltend. „Psychotherapie und Psychopharmaka helfen nur manchmal“, sagte Luger. Als „erste wirkliche Neuerung seit Einführung der Corticoide vor 50 Jahren“ bezeichnete Luger die Calcineurin-Inhibitoren, die sich sowohl zur Akutbehandlung als auch zur Langzeittherapie eigneten. Forschungsaufgaben der Zukunft seien die Identifizierung der Atopie-Gene und des Immundefekts.

Professor Dr. Michael Meurer von der Technischen Universität Dresden berichte von einer klinischen Studie mit Pimecrolimus. Die Hälfte der 96 Patienten benötigte im Verlauf der Studie kein Kortison mehr. Des weiteren könnten Calcineurin-Inhibitoren sowohl langfristig als auch zur präventiven Schubvermeidung eingesetzt werden.

Die besondere Rolle der Kinderärzte bei der Neurodermitis-Behandlung betonte Professor Dr. Ulrich Wahn, geschäftsführender Direktor der Kinderklinik des Virchow-Klinikums der Berliner Humboldt-Universität. Immerhin ist jedes zehnte Kind von der Krankheit betroffen, für die der Kinderarzt der häufigste Ansprechpartner am Beginn eines oft langen Leidensweges ist. „Zwischen dem zweiten und sechsten Lebensmonat beginnt der atopische Marathon“, sagte Wahn, auch wenn bei immerhin zwei Dritteln der ursprünglich Betroffenen das Krankheitsbild bis zur Pubertät entschwinde. Von einem Verlust an Lebensqualität zu sprechen sei ihm „zu akademisch, es ist die Hölle“. Die Ärzte hätten eine Bringschuld an Information besonders gegenüber den Müttern, die bei ihren Kindern Disease Management betreiben müssten. Dieser Aufgabe würden derzeit wenige Ärzte gerecht, so dass es bei Neurodermitis auch wegen einer ausgeprägten Therapieunsicherheit und Kortisonphobie „Doctor-hopping wie bei kaum einer anderen Krankheit“ gebe, beklagte Professor Wahn. Neue Substanzen wie Calcineurin-Inhibitoren ermöglichten ein hohes Maß an Sicherheit ohne Verlust an Wirksamkeit und böten den neuen therapeutischen Hebel einer Dauerprophylaxe.

Professor Dr. Dr. Johannes Ring, Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Technischen Universität München, unterstrich die Notwendigkeit „tertiärer Prävention“ bei chronisch Kranken. Zur Stärkung von Autonomie und Eigenverantwortung sei die Vermittlung „aktiven Wissens“ vonnöten. „Erforderlich ist das Erlernen von Mechanismen zur Selbstkontrolle“, sagte Ring. Bundesweit würden derzeit im Rahmen eines vom Bundesgesundheitsministeriums geförderten Modellprojekts Betroffene entsprechend geschult sowie Haut- und Kinderärzte ausgebildet. Die Schulung und Ausbildung erfolge interdisziplinär durch Ärzte, Psychologen und Ernährungsfachkräfte. Rund 700 Haut- und Kinderärzte seien bislang nach Abschluss ihrer Ausbildung zertifiziert worden. Top

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