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Durch die pharmazeutische Glaskugel geschaut

07.02.2000
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-PharmazieGovi-Verlag

Durch die pharmazeutische Glaskugel geschaut

Elke Wolf, Düsseldorf

"Die Tablette wird das nächste Jahrhundert überleben, auch wenn neue Technologien das Spektrum der Darreichungsformen erweitern und eine Reihe von Vorteilen für den Patienten mit sich bringen werden", glaubt Dr. Andreas Ohm, Leiter der Pharmazeutischen Technologie II der Bayer AG in Leverkusen. Bei einem Festkolloquium zu Ehren des 60. Geburtstages von Professor Dr. Bernhard C. Lippold, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, schaute er aus pharmazeutischem Blickwinkel durch die Glaskugel.

Wer Strategien für die Zukunft entwickeln will, kommt nicht ohne die Erkenntnisse der Vergangenheit aus. Professor Dr. Jobst B. Mielck von der Universität Hamburg beleuchtete in seinem Vortrag schlaglichtartig die Entwicklungen in der Pharmazeutischen Technologie des 20. Jahrhunderts. Die erste Hälfte der letzten hundert Jahre habe eher der Entwicklung von Arzneistoffen gegolten. Die zweiten 50 Jahre seien von der Erkenntnis geprägt, dass die Gestaltung der Arzneiform nicht unwesentlich daran beteiligt ist, das Verhältnis von Nutzen und Risiko für den Patienten zu optimieren, sagte Mielck. Rückblickend "habe die geringe Haltbarkeit des Penicillins dazu beigetragen, dass durch seine besondere Aufarbeitung aus der Galenik eine Technolgie, eine Wissenschaft wurde". Penicillin wurde 1940 isoliert.

Mielck ging besonders auf die Erkenntnisse rund um Dermatika, um transdermale therapeutische Systeme, auf die Fortschritte bei Inhalatoren, auf Pelletierung, Tablettierung und Dragierung ein. Die Forschungsaktivitäten Lippolds haben die Fortschritte in der Technologie auf vielen Gebieten bereichert, fasste Mielck zusammen. Mit den Errungenschaften der pharmazeutischen Technologie ist die Qualitätssicherung stark verknüpft, so Mielck. Das Prinzip des Kontrollierens, Reproduzierens, Spezifizierens und Zertifizierens habe sich gelohnt. Denn: "No job is finished until the paperwork is done."

Neue Pille im neuen Jahrtausend

Ohm, ehemaliger Doktorand Lippolds, weckte Hoffnung auf den Fortschritt in Medizin und Pharmazie. Seine These: Die ungelösten Probleme von heute sind die Produkte von morgen. So erwartet er neue Darreichungsformen für Parenteralia, Verbesserungen von pulmonalen und transdermalen Applikationen sowie Fortschritte im "Drug targeting" mit Hilfe der Biotechnik. Virale Vektoren sollen den Wirkstoff gezielt zur Zelle transportieren. Auch die Mikroelektronik kann eine Bereicherung für die sichere Arzneimittel-Anwendung werden. Mikrosensoren an Implantaten könnten zum Beispiel melden, wann der Organismus Arzneistoff braucht, nur dann gibt die Pumpe diesen frei.

Der Intraject® könnte in Zukunft die Injektionsnadel ablösen. "Er bringt den Arzneistoff durch die Haut, ohne diese zu durchlöchern", erklärte Ohm. Der Intraject wird aufgesetzt, per Knopfdruck entleert sich das Wirkstoff-Reservoir, und die Flüssigkeit wird mit Hochdruck durch die Haut geschossen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Erstens schmerzt diese Art der Darreichung im Gegensatz zu Parenteralia nicht. Zweitens verletzt der Intraject keine Adern und Knochen, wie es sonst bei extrem hageren Menschen oft der Fall ist. Viele Wirkstoffe, wie Peptide, sind in Lösung nicht stabil. Hier hilft der Powder® Ject weiter, eine Kartusche, von der aus "Dosis für Dosis durch die Haut geschossen wird".

Ein Problem von Parenteralia ist ihre kurze Wirkdauer. Das Duros® Implantat schafft laut Ohm Abhilfe. Das winzige Implantat wird unter die Haut gesetzt. Eine osmotische Antriebspumpe hält unabhängig von äußeren Faktoren ein Jahr lang den Wirkstoffspiegel im Körper konstant. Auch von Stealth® Liposomen erhofft sich Ohm Fortschritte. Diese Liposomen seien so winzig, dass Makrophagen sie nicht wahrnehmen und sie deshalb nicht eliminieren können. Der Arzneistoff kann dann länger wirken. Diese Technologie könnte man sich für das Tumortargeting zu Nutze machen, da der Arzneistoff das Zielgewebe besser erreicht, informierte Ohm.

Unter den Fortschritten im Bereich der Inhalationen setzt der Technologe große Hoffnungen auf die pulmonale Applikation von Insulin. Eingeatmetes Insulin erreicht ähnlich hohe Wirkspiegel im Blut wie injiziertes. Das Prinzip durchläuft derzeit die klinische Bewährungsprobe. Versuche, Insulin peroral oder nasal zu verabreichen, scheiterten bislang. Inhalationsgeräte werden nach den Ausführungen Ohms in Zukunft mit Minicomputern ausgestattet, mit dem Ziel, die Compliance zu verbessern. Der Minicomputer führt dann darüber Tagebuch, wann, wie oft und wie der Anwender inhaliert hat.

Transdermale therapeutische Systeme werden im 21. Jahrhundert einen Aufschwung erleben, ist sich Ohm sicher. Dafür sorgen Pflaster mit einer Batterie (E-Trans®), so dass der Arzneistoff mit Energie durch die Haut geschickt wird. Mit einem eingebauten Schalter wird die Batterie an- und ausgestellt. Eine Variante ist das Macroflux®-System, das aus vielen kleinen Antriebseinheiten besteht.

"Das Unheil nahte"

Das "Who´s who" der Pharmazeutischen Technologie drückte sich beim Festkolloquium anlässlich des 60. Geburtstages von Professor Dr. Bernhard C. Lippold die Klinke des Hörsaals 6 A des Pharmainstituts der Universität Düsseldorf in die Hand. Professor Dr. Elsa Ullmann, Doktormutter und Mentorin des Geburtstagskindes, ließ es sich nicht nehmen, Erinnerungen an den „munteren 30-Jährigen von damals„ kund zu tun. "Er war der 13. Doktorrand. Das Unheil nahte." Karl-Rudolf Mattenklotz, Präsident, überbrachte Grüße der Apothekerkammer Nordrhein an den "Apothekerkollegen Lippold". Mattenklotz bedankte sich für Lippolds Engagement, mit dem er seit 1977 der Pharmazie in Düsseldorf zu einem sehr guten Ruf verholfen habe. Dr. Claudia S. Leopold und Dr. Klaus Knop gaben mit einem Diavortrag der Festveranstaltung einen persönlichen Anstrich. So konnte sich das Auditorium ein Bild über das legendäre BCL-Mobil, die Lippoldschen Weißwurst-Vorlieben oder etwa die Wander-Leidenschaft machen.

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