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Wenn der Zierfisch kränkelt

30.08.2004  00:00 Uhr

PHARMAZIE

Arzneimittel in der Aquaristik

Wenn der Zierfisch kränkelt

 

von Carsten Siebert, Frankfurt am Main

Gesund wie ein Fisch im Wasser – dieses Sprichwort gilt nicht immer. Auch in der Aquaristik werden Arzneistoffe verwendet. Zum Teil werden diese beim Menschen eingesetzt, zum Teil stammen sie aus der Haus-, Nutz- und Zootierhaltung. So stellt sich die Frage, ob diese für den Aquarianer auch wirklich unbedenklich sind.

Bei der Beantwortung dieser Frage wurde bewusst darauf verzichtet, den Einsatz der Arzneimittel im Aquarium zu bewerten, vielmehr soll es darum gehen, bei welchen Arzneimitteln besondere Vorsicht angebracht ist. Immerhin handelt es um Chemikalien, die im Labor genauen Richtlinien der Handhabung und Entsorgung unterliegen. Im Folgenden werden sowohl in der Vergangenheit als auch gegenwärtig eingesetzte Stoffe behandelt, die der Heilung von Zierfischkrankheiten dienen. Sie sind zum Teil in Zierfischpräparaten enthalten oder werden in der einschlägigen Literatur zum Erwerb in der Apotheke oder im Chemikalienhandel für den Einsatz in Aquarien empfohlen.

Fungizid wirkende Stoffe

Malachitgrün (N,N-Dimethyl-4-[(p-dimethylamino)diphenylmethylen]-2,5-cyclohexadienylidenammoniumchlorid oder -oxalat) hat fungizide und begrenzt antiseptische Wirkung. Es wird weder in humanen noch in veterinären Fertigarzneimitteln dargeboten. Die Verbindung ist strukturell eng mit Brillantgrün verwandt. Sie unterscheidet sich lediglich darin, dass beim Brillantgrün an beiden Stickstoff-Atomen statt zwei Ethyl- zwei Methylgruppen gebunden sind. Das unterschiedliche Anion als Gegenion hat höchstens modulierenden Einfluss auf die antibakterielle Wirkung der Verbindung. Das Wirkspektrum sollte dem von Brillantgrün ähneln, das heißt antibakteriell und antiseptisch wirken. Die Verbindung hat keine Bedeutung in humanen oder veterinären Fertigarzneimitteln.

N,N-Diethyl-4-[(p-dimethylamino)di-phenylmethylen]-2,5-cyclohexadien-ylidenammoniumsulfat Die Verbindung ist strukturell eng verwandt mit Brillantgrün und Malachitgrün. Sie unterscheidet sich lediglich darin, dass an den beiden Stickstoff-Atomen jeweils zwei unterschiedliche Alkylgruppen gebunden sind. Das Wirkspektrum sollte dem von Brillantgrün und Malachitgrün ähneln. Die Verbindung hat ebenso keine Bedeutung in humanen oder veterinären Fertigarzneimitteln.

Chlorthymol (4-Chlor-2-isopropyl-5-methylphenol) besitzt eine fungizide und antiseptische Wirkung und wird in ausländischen Fertigarzneimitteln vereinzelt eingesetzt.

Kupfersulfat (CuSO4) wirkt desinfizierend und wird in der Veterinärmedizin zur äußerlichen Wundbehandlung eingesetzt. Im Wasser entfaltet es eine fungizide und algizide Wirkung. Untersuchungen zur Mutagenität, Kanzerogenität und Teratogenität liegen nicht vor. Kupfer ist ein essenzielles Spurenelement, führt jedoch in großen Dosen zu Vergiftungserscheinungen. Die letale Dosis beim Menschen beträgt 10 g und äußert sich in starkem Erbrechen und Durchfällen. In ausländischen Fertigarzneimitteln wird es auch zur Desinfektion von Hals und Rachen verwendet.

Anthelminthisch wirkende Stoffe

Trichlorfon ((RS)-Dimethyl(2,2,2-trichlor-1-hydroxyethyl)phosphonat) ist synonym mit Metrifonat und chemisch betrachtet eine Organophosphorverbindung, die als Cholinesterasehemmer wirkt. Trichlorfon wurde in ausländischen Fertigarzneimitteln als Wurmmittel gegen Saugwürmer und Egel (Trematoden) beim Menschen angewendet. Diese Kontaktinsektizide zeichnen sich aber auch durch eine hohe Giftigkeit beim Menschen aus. Als Vergiftungssymptome treten Herzrhythmusstörungen, Muskelschwäche, Kopfschmerzen, Krämpfe und eine Atemlähmung auf. In veterinären Arzneimitteln wird es als Anthelminthikum eingesetzt.

Fenbendazol (Methyl [5-(Phenylthio)-benzimidazol-2-ylcarbamat]) wird in der Veterinärmedizin in deutschen Fertigarzneimitteln bei Haus-, Nutz- und Zootieren zur Therapie von Nematodeninfektionen eingesetzt. Die Verbindung ist sowohl gegen adulte als auch larvale Stadien verschiedener Bandwurmarten in Lunge und Magen-Darm-Trakt wirksam. Mutagenität konnte nicht nachgewiesen werden, jedoch Embryotoxizität und Teratogenität. Humane Fertigarzneimittel mit diesem Wirkstoff existieren nicht und die Wartezeit für Milch- oder Fleisch-liefernde Nutztiere beträgt bis zu 20 Tage.

Flubendazol (Methyl [5-(4-Fluorbenzoyl)benzimidazol-2-yl-carbamat]) wird in der Veterinärmedizin in deutschen Fertigarzneimitteln bei Geflügel und Schweinen zur Therapie von Nematodeninfektionen eingesetzt. Die Verbindung ist sowohl gegen adulte als auch larvale Stadien verschiedener Bandwurmarten in der Lunge und im Magen-Darm-Trakt wirksam. Kanzerogenitätsstudien liegen nicht vor, jedoch konnten Embryotoxizität und Teratogenität in hohen Dosen (160 mg/kg Körpergewicht) nachgewiesen werden. Humane Fertigarzneimittel mit diesem Wirkstoff gibt es nicht und die Wartezeit für Schweine beträgt 10 Tage.

Mebendazol (Methyl [5-Benzoylbenz-imidazol-2-ylcarbamat]) ist ein Breitband-Anthelminthikum, das in humanen Fertigarzneimitteln bei Faden- und Bandwürmern eingesetzt wird. Mutagenität kann nicht ausgeschlossen werden, Embryotoxizität und Teratogenität konnten am Tier nachgewiesen werden. Beim Menschen wird der Arzneistoff beim Befall unter anderem mit Hunde-, Rinder-, Schweine- oder Fuchsbandwürmern gegeben. Beim Verschlucken von größeren Mengen sind bei Kindern unter einem Jahr Krampfanfälle möglich. In der Veterinärmedizin wird der Stoff in deutschen Fertigarzneimitteln bei Haus-, Nutz- und Zootieren zur Therapie von Nematodeninfektionen eingesetzt. Die Verbindung ist sowohl gegen adulte als auch larvale Stadien verschiedener Bandwurmarten in der Lunge und im Magen-Darm-Trakt wirksam.

Niclosamid (N-(2’-Chlor-4’-nitrophenyl)-5-chlor-2-hydroxybenzoesäureamid) wird in humanen Fertigarzneimitteln gegen Bandwurminfektionen eingesetzt. Hinweise auf Kanzerogenität und Teratogenität liegen nicht vor. Die Verbindung wirkt gegen den Fischbandwurm Diphyllobothrium latum, den Rinder- und Schweinebandwurm.

Levamisol ((S)- 6-Phenyl-2,3,5,6-tetra-hydroimidazo[2.1-b]thiazol) wird international in Fertigarzneimitteln sowohl human als auch veterinär (bei Haus- und Nutztieren) als Breitband-Anthelminthikum gegen Nematoden eingesetzt. Die Verbindung wirkt als nicotinischer Acetylcholinrezeptor-Agonist und bewirkt eine neuromuskuläre Blockade bei Magen-Darm- sowie Lungenwürmern. Levamisol gilt nicht als mutagen.

Molluskizid wirkende Stoffe

Metaldehyd (2,4,6,8-Tetramethyl-1,3,5,7-tetraoxacyclooctan) ist das cyclische Tetramer von Acetaldehyd (H3C-CHO) und wird als Pflanzenschutzmittel zur Schneckenbekämpfung (Molluskizid) eingesetzt. Die letale Dosis liegt bei 2 bis 4g. Symptome sind Erbrechen, Krämpfe, Blutdruckabfall und Atemlähmung.

Antiparasitär wirkende Stoffe

Chlorphenotan (1,1,1-Trichlor-2,2-bis(4-chlorphenyl)ethan) ist bekannt geworden als 4,4’-DDT. Deutsche Fertigarzneimittel mit diesem Inhaltsstoff sind außer Handel; ein ausländisches Präparat wird noch zur Bekämpfung von Ektoparasiten eingesetzt. Als Insektizid in der Landwirtschaft ist diese Verbindung jedoch wegen ihrer Eigenschaft als zentrales Nervengift nicht mehr im Gebrauch. Des Weiteren wurde sie zur Malariabekämpfung und in Holzschutzmitteln eingesetzt. Im Tierversuch hat sich zudem eine krebserzeugende Wirkung herausgestellt. Die letale Dosis beträgt beim Menschen 0,1 bis 0,5 g/kg Körpergewicht.

Lindan (muco-1,2,3,4,5,6-Hexachlor-cyclohexan) ist ein Insektizid und findet Anwendung in humanen und veterinären Fertigarzneimitteln. Beim Menschen wird es zur antiparasitären Behandlung der Krätze (als Scabizid) eingesetzt. Bei Berührung mit der Haut können Überempfindlichkeitsreaktionen auftreten. In der Veterinärmedizin wird es bei Hunden und Katzen zur Behandlung von Ektoparasiten (als Pediculozid) verwendet. Es wirkt als Fraß-, Kontakt- und Atemgift. Interessanterweise wird Lindan als fischtoxisch eingeschätzt, wobei genauere Untersuchungen jedoch fehlen. In hohen Konzentrationen weist es eine akute Toxizität auf, die sich in Erregungserscheinungen des zentralen Nervensystems äußern.

Nitenpyram ((E)-N-(6-Chlor-3-pyridyl-methyl)-N-ethyl-N’-methyl-2-nitroethen-1,1-diamin) wird beim Hund zur antiparasitären Behandlung gegen Flöhe angewendet. Die Verbindung wirkt insektenspezifisch als nicotinischer Acetylcholinrezeptor-Agonist. Nitenpyram ist weder mutagen noch teratogen.

2-Amino-5-nitrothiazol wird nicht mehr in humanen oder veterinären Fertigarzneimitteln dargeboten. Es ist ein Mittel gegen Protozoen und wurde gegen Histomonaden an Truthähnen beziehungsweise gegen Trichomonaden an Tauben eingesetzt.

Dimetridazol (1,2-Dimethyl-5-nitroimid-azol) wird in veterinären Fertigarzneimitteln als Antiinfektivum gegen obligat anaerobe Bakterien und Protozoen (Amöben und Flagellaten, vorwiegend Treponemen, Trichomonaden und Histomonaden) bei Tauben angewendet. In Studien an humanen Lymphozyten konnte nachgewiesen werden, dass bereits nach einmaliger Behandlung DNS-Einzelstrangbrüche auftreten. Die Substanz ist also potentiell mutagen. Bei lebensmittelliefernden Tieren ist von einer Behandlung abzusehen.

Metronidazol (2-(2-Methyl-5-nitroimid-azol-1-yl)ethanol) ist ein bakterizid wirkendes Antiinfektivum gegen obligat anaerobe Bakterien und Protozoen (Amöben und Flagellaten, vorwiegend Treponemen, Trichomonaden und Histomonaden), das sowohl in humanen als auch veterinären Fertigarzneimitteln verwendet wird. Es bewirkt eine mikrobielle DNS-Schädigung durch Adduktbildung mit zwei benachbarten Basen, so kommt es zu Strangbrüchen. In menschlichen Zellen findet dieser Vorgang kaum statt. Kanzerogenität ist jedoch bei Exposition über einen längeren Zeitraum nicht ausgeschlossen.

Chinin ((R)-(6-Methoxy-4-chinolyl)-[(2S,4S,5R)-5-vinylchinuclidin-2-yl]-methanol) wird als Chinin hydrochlorid in ausländischen humanen Fertigarzneimitteln als Mittel gegen Protozoen (diverse Plasmodien) eingesetzt, zum Beispiel in der Malariabehandlung.

Methylorange (Natrium 4-(4’-dimethyl-aminophenylazo)benzolsulfonat) ist ein Azofarbstoff und kann als Indikator verwendet werden. Die Verbindung steht im Verdacht kanzerogen zu sein und ist giftig beim Verschlucken. Eine Berührung mit der Haut sollte vermieden werden. Die letale Dosis bei der Ratte beträgt 60 mg/kg Körpergewicht.

Metanilgelb (Natrium 3-(4-anilinophenyl-azo)benzolsulfonat) ist ein Azofarbstoff in Kosmetika und kann als Indikator verwendet werden.

 

Fazit Mit den in der Aquaristik verwendeten Arzneistoffen können ausschließlich Krankheiten therapiert werden, die durch Mikroben, Protozoen sowie Endo- und Ektoparasiten verursacht werden. Im Einzelnen sind dies Bakterien, Pilze, Algen, Hefen, Einzeller und deren Sporen, Würmer und Egel. Einige dieser Arzneimittel sind durchaus nicht unbedenklich, wenn unsachgemäß mit ihnen umgegangen wird oder sie aus Versehen in Kinderhände gelangen. Viele Arzneimittel stammen jedoch aus der Humanmedizin, sie sind weitgehend unbedenklich und für sie gelten die bekannten Vorsichtsmaßnahmen. Ein erhöhtes gesundheitliches Risiko besteht bei Missbrauch von Chlorphenotan, Trichlorfon, Methylorange, Dimetridazol und Metaldehyd.

 

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