Pharmazeutische Zeitung online

Entwicklungshilfe mit Miltefosin

12.05.2003  00:00 Uhr

PHARMAZIE

Leishmaniose

Entwicklungshilfe mit Miltefosin

 

von Gudrun Heyn, Berlin

Im Kampf gegen die Tropenkrankheit Leishmaniose haben das Pharmaunternehmen Zentaris GmbH und das Deutsche Medikamenten-Hilfswerk action medeor e.V. eine Partnerschaft gegründet. Gegenstand der Kooperation ist das Zytostatikum Miltefosin. In Entwicklungsländern soll es kranken Menschen günstig zur Verfügung gestellt werden.

„Tropenkrankheiten sind das Stiefkind der Pharmaindustrie“, sagte Bernd Pastors, Geschäftsführer des deutschen Medikamenten-Hilfswerks action medeor auf einer Veranstaltung in Berlin. Während in den letzten 25 Jahren fast 1400 Medikamente auf den Markt gekommen sind, helfen davon nur 13 bei ansteckenden Tropenkrankheiten. Auch Leishmaniose zählte bisher zu den „neglected diseases“, so Pastors. In Indien wurde jetzt das Zytostatikum Miltefosin (Impavido®) des Herstellers Zentaris zur Behandlung der Leishmaniose zugelassen.

Leishmaniosen sind durch bestimmte einzellige Parasiten (Leishmanien) ausgelöste Infektionserkrankungen. Die Übertragung erfolgt durch den Biss von Sand- oder Schmetterlingsmücken, bei HIV-Patienten vermutlich auch über gemeinsam verwendete Spritzen. Bei der Vielzahl der Erkrankungsformen hat man eine Unterteilung in drei Krankheitsbilder viszerale, kutane und mukokutane Leishmaniose vorgenommen.

Speziell die viszerale Form der Krankheit – auch bekannt als Dum-Dum Fieber oder Kala-Azar (Hindi: schwarze Haut) – ist lebensbedrohend, da sie mit der Zerstörung der inneren Organe einhergeht. Die Erreger werden über das Lymphsystem vor allem in Milz, Leber und Knochenmark transportiert. Die Erkrankten zeigen Husten und Fieber, Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme, Diarrhö, Leber- und Milzvergrößerung, generalisierte Lymphknotenschwellung und Panzytopenie. Jährlich rechnet die WHO mit 500.000 Neuerkrankungen. Etwa 90 Prozent aller Fälle treten in Indien, Bangladesch, Brasilien, Nepal und dem Sudan auf. „Zweidrittel der Betroffenen sind Kinder“, sagte Professor Dr. Dr. Jürgen Engel von Zentaris GmbH. Ein wichtiger Faktor sei die Unterernährung in vielen Ländern. „Leishmaniose trifft uns in Deutschland nicht, weil unser Immunsystem intakt ist.“

Bei der kutanen und mukokutanen Form der Infektionskrankheit kommt es zu entstellenden Narben beziehungsweise zu Verstümmelungen, ihr Verlauf endet aber in der Regel nicht tödlich. Weitere zwei Millionen Menschen erkranken jährlich daran neu.

In die Jahre gekommene Therapie

Für die Behandlung der Erkrankung stehen nur wenige klinisch erprobte Medikamente zur Verfügung. So werden seit etwa 60 Jahren zur Therapie der viszeralen Form fünfwertige Antimonverbindungen eingesetzt (zum Beispiel Pentostam® oder Glucantine®). Die Applikation erfolgt intravenös oder intramuskulär. Auch wegen der zahlreichen unerwünschten Wirkungen der giftigen Verbindungen wird die vierwöchige Behandlung stationär durchgeführt. „Dies ist gerade in Entwicklungsländern ein Problem, wo es in vielen Gebieten kaum Hospitäler gibt“, sagte Engel. Zunehmend ist die Anwendung dieser Arzneimittel durch Resistenzentwicklung eingeschränkt. In manchen Regionen, speziell in Indien, sind bereits 80 Prozent der Erreger resistent. Als Ausweichmedikament gilt das Antimykotikum Amphotericin B (AmBisome®). „Wegen der hohen Kosten ist jedoch für viele der Betroffenen eine Therapie unerschwinglich“, sagte Christoph Bonsmann, Apotheker bei action medeor.

Eine Vergleichsstudie in Indien und Nepal an 1000 Patienten zeigte, dass das neue Arzneimittel Miltefosin demgegenüber eine preisgünstigere Alternative darstellt. Es ist derzeit das einzige peroral applizierbare Medikament gegen die viszerale Leishmaniose. Eine Hospitalisierung ist nicht mehr notwendig. Sowohl bei Kindern über drei Jahren als auch bei Erwachsenen lag die Heilungsrate nach vierwöchiger Therapie mit Miltefosin bei circa 95 Prozent. Auch bei nachgewiesener Resistenz gegen Antimon konnte der gleiche Heilerfolg festgestellt werden. Die Dosierung von 2,5 mg/kg Körpergewicht nimmt dabei Rücksicht auf die gastrointestinalen Nebenwirkungen, die besonders zu Beginn einer Therapie auftreten können. Wegen der ungeklärten Teratogenität sollten Frauen im gebärfähigem Alter oder Schwangere kein Miltefosin erhalten. „In der Regel zeigen die Patienten nach einer Behandlung mit Miltefosin sogar eine gewisse Immunität gegenüber der Tropenkrankheit“, sagte Engel. Studien an 40 co-infizierten Aids-Patienten in Südeuropa ergaben immerhin noch Heilungsraten von über 40 Prozent für die viszerale Leishmaniose.

Geprüft wird derzeit die Anwendung des Wirkstoffes auf die kutane Form der Erkrankung. Hier ist in absehbarer Zeit jedoch noch keine Zulassung beabsichtigt, so Engel. Gewisse Erfolgsaussichten verspricht sich das Unternehmen außerdem bei der Chagas-Krankheit. Die Infektionskrankheit durch Trypanosoma cruzi wird durch Raubwanzen übertragen, wobei anfangs Hautsymptome (Chagom) im Vordergrund stehen.

Der Zufall half mit

„Es war mehr ein Zufall, dass entdeckt wurde, dass Miltefosin oral wirksam ist und in vitro Einzeller selektiv abtötet“, sagte Engel. Je nach Berechnung der Overheadkosten hat der Pharmahersteller 20 bis 30 Millionen Euro für die Entwicklung des Medikaments ausgegeben. Einen Beitrag hat auch die WHO dazu geleistet, wodurch es nun möglich ist, Miltefosin an action medeor verbilligt abzugeben. „Wir werden das Miltefosin in unsere „Essential Drug Liste“ aufnehmen“, sagte Pastors. Hilfsorganisationen und Partnerländer erhalten die „Essential Drugs“ aus dem Zentrallager in Tönisvorst gegen Erstattung des Selbstkostenpreises oder als Spende. Derzeit wird eine Lieferung des Medikaments in den Irak vorbereitet. Ziel ist Basra, wo bereits 60 Erwachsene und 40 Kinder auf die Behandlung warten. „Wir wünschen uns in den nächsten Jahren die flächendeckende Anwendung von Miltefosin, um die endemische Ausbreitung der viszeralen Leishmaniose in den Griff zu bekommen“, sagte Engel. Für Europa wurde die Zulassung des Präparates vor zwei Wochen beantragt. Apotheker in Deutschland können jedoch Miltefosin schon jetzt über die internationale Apotheke aus Indien beziehen.

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa