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Pflanzliches Mukolytikum unter den Ersten

29.03.2004
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PHARMAZIE

Pflanzliches Mukolytikum unter den Ersten

 

von Kerstin A. Gräfe, Frankfurt am Main

Eine aktuelle Metaanalyse belegt erneut den Benefit oraler Schleimlöser bei der chronischen Bronchitis: Sie senken die Exazerbationsrate um 30 Prozent. Unter den einbezogenen Studien befand sich mit Myrtol standardisiert nur eine einzige mit einem pflanzlichen Mukopharmakon, wobei dieses im direkten Vergleich mit seinen synthetischen Vertretern gut abschnitt.

Auf Grund ihrer Häufigkeit zählen entzündliche Atemwegserkrankungen wie die chronische Bronchitis zu den Volkskrankheiten. In Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf rund acht Millionen geschätzt, von denen jährlich etwa 20.000 an ihrer Erkrankung sterben. Dabei hängt die Prognose der chronischen Bronchitis eng mit der Lungenfunktion zusammen. Bei einem Abfall des forcierten expiratorischen Volumens in der ersten Sekunde (FEV1) auf unter 25 Prozent der Norm liegt die Fünfjahresüberlebensrate unter 35 Prozent. „Dies entspricht einer Größenordnung, die wir auch bei Malignomen kennen“, sagte Dr. Thomas Wittig, Leiter der Abteilung Medizin, auf einer von Pohl-Boskamp unterstützten Veranstaltung.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO werden chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen (COPD) im Jahr 2020 die dritthäufigste Todesursache darstellen. Diese Zahl wiege insofern besonders schwer, da eine konsequente Prävention den größten Teil der Erkrankungen verhindern könnte.

Die so genannte Cochrane Collaboration (siehe Kasten) untersuchte in einer Metaanalyse den Benefit oraler Mukolytika bei der chronischen Bronchitis. Von insgesamt 400 gesichteten Studien erfüllten nur 23 randomisierte kontrollierte Studien die Einschlusskriterien. Darunter befand sich mit Myrtol standardisiert nur eine einzige, die so genannte Meister-Studie, mit einem pflanzlichen Mukopharmakon. Gegenstand der anderen Studien waren unter anderem N-Acetylcystein und Ambroxol.

 

Cochrane Collaboration Die 1993 gegründete Cochrane Collaboration ist als eine Non-Profit-Organisation ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten. Ziel ist es, systemische Übersichtsarbeiten zur Bewertung von Therapien zu erstellen, zu aktualisieren und zu verbreiten. Als Basis dienen alle zur Verfügung stehenden Daten aus möglichst randomisierten Studien zu einer gemeinsamen Fragestellung, womit ein objektives Bild zu einer Therapie erstellt werden soll.

Die Cochrane Airways Group ist eine von insgesamt 50 Reviewergruppen der Cochrane Collaboration. Ihre Themengebiete sind unter anderem Asthma bronchiale und chronische Bronchitis.

 

Deutlich weniger Exazerbationen

In die multizentrische randomisierte Doppelblindstudie wurden 264 Patienten mit chronischer Bronchitis einbezogen, bei denen mindestens eine akute Exazerbation, das heißt eine deutliche, über die normalen Schwankungen hinausgehende Verschlechterung der Erkrankung, innerhalb des zurückliegenden Winters aufgetreten war. Ausschlusskriterien waren eine aus Sicht des Prüfarztes vorliegende Indikation für Antibiotika sowie eine Antibiotikabehandlung innerhalb der letzten zwei Monate vor Studieneinschluss. Eine eventuell erforderliche Begleitmedikation wurde während der Studie unverändert fortgeführt.

Die Patienten erhielten über sechs Monate lang dreimal täglich entweder 300 mg Myrtol standardisiert (Gelomyrtol® forte) oder Placebo. Dabei kam es in der Myrtol-Gruppe signifikant seltener zu Exazerbationen als in der Placebo-Gruppe (72,9 versus 58 Prozent). „Vor allem der für die Wintermonate typische Exazerbationsgipfel konnte nahezu gänzlich unterdrückt werden“, sagte Wittig.

Zudem konnten der Antibiotikabedarf sowie die Beeinträchtigung der Lebensqualität durch Husten und Auswurf signifikant gesenkt werden. Gleichzeitig schätzten die Patienten der Myrtol-Gruppe ihr Allgemeinbefinden als deutlich besser ein. Hinsichtlich der Nebenwirkungen bestand kein wesentlicher Unterschied.

Immer vorne mit dabei

Im Vordergrund der Datenanalyse der 23 Studien stand, inwieweit die Therapien das Ausmaß der Exazerbationsrate senken konnten. Dazu definierte die Cochrane Airways Group als Endpunkt die Exazerbationsrate pro Patient und Monat. In der Meister-Studie mit Myrtol standardisiert war jedoch der Endpunkt als die Exazerbationsrate aller Patienten pro Monat gewählt worden. Die Studie konnte nicht in diese Auswertung einfließen, da die Cochrane Airways Group anhand der publizierten Daten die Ergebnisse nicht entsprechend umrechnen konnte.

Da sich diese Information jedoch aus den nicht publizierten Rohdaten generieren lässt, veranlasste der Hersteller Pohl-Boskamp eine Re-Analyse dieser Daten. Das Ergebnis: Die Meister-Studie nimmt im Vergleich mit den anderen 22 Studien den drittbesten Rang ein. Die entsprechenden Daten sind bereits im Internet publiziert und werden beim nächsten Update des Reviews von der Cochrane Airways Group berücksichtigt.

Anlässlich des Cochrane Airways Group International Symposiums im November vergangenen Jahres wurde das Ergebnis einer anderen Endpunktbetrachtung vorgestellt. Beurteilt wurde diesmal die Anzahl von Patienten ohne Exazerbationen. Bei der jetzt auf 18 Studien reduzierten Analyse nahm die Meister-Studie den fünften Rang ein.

Vergleich zu anderen Reviews

Insgesamt schnitt die Gruppe der Mukopharmaka (alle 23 Studien) hinsichtlich der Senkung der Exazerbationsrate deutlich besser als die Placebogruppe ab. So senkten die Mukolytika die Rate um etwa 30 Prozent. „Wenn man dieses Ergebnis mit den Resultaten einer Studie mit inhalativen Glucocorticoiden vergleicht, ist der Unterschied nicht sehr groß“, sagte Wittig. So reduzierte zum Beispiel Fluticason in der Isolde-Studie die Anzahl von Exazerbationen um etwa 25 Prozent (BMJ 13 [2000] 1297 - 1303). Zudem wiesen inhalative Glucocorticoide ein gänzlich anderes Nebenwirkungsprofil auf. Es müsse daher die Frage erlaubt sein, wo der klinisch relevante Unterschied zwischen Mukopharmaka wie Gelomyrtol forte und inhalativen Glucocorticoiden in der Behandlung der chronischen Bronchitis liege.

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