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Pharmazie

07.02.2000
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Interventionseffekt verpufft schnell

von Elke Wolf, Rödermark

Medikamente kombiniert mit einer Änderung des Lebensstils beeinflussen kardiovaskuläre Risikofaktoren kurzfristig recht positiv. Das ist bewiesen. Wie sieht aber der Langzeitverlauf aus? Das war bisher nicht hinreichend geklärt. Umso ernüchternder das Ergebnis, das kürzlich eine prospektive, multizentrische Kohorten-Studie unter der Leitung von Dr. Heinz Völler, Rüdersdorf, zu Tage brachte. Demnach lassen sich die Interventionserfolge einer stationären Rehabilitation nicht lange aufrecht erhalten.

Völler und Kollegen werteten die Daten von 2307 Patienten von 18 Rehabilitationskliniken aus. Alle Studienteilnehmer hatten eine gesicherte Koronare Herzkrankheit (KHK), zum Teil nach Bypass-Operation oder einem Myokardinfarkt. Sie erfassten die Risikofaktoren sowie die medikamentöse Therapie bei Aufnahme und Entlassung aus der Anschlussheilbehandlung. Per Fragebogen erhielten sie von den Hausärzten Informationen über den weiteren gesundheitlichen Werdegang der Patienten nach drei, sechs und zwölf Monaten. Die Hausärzte dokumentierten auch eine Verschlechterung des Krankheitsverlaufs, wie Angina-pectoris-Anfälle, Linksherzinsuffizienz mit Krankenhauseinweisung, Herzinfarkt oder erneute Revaskularisationen.

Die Daten dieser PIN-Studie (PIN: Post-Infarkt-Nachsorge) bestätigen, dass die Maßnahmen in der Rehabilitation die Risikofaktoren eindrucksvoll zu senken vermögen. Sowohl der Blutdruck, die Zahl der Zigaretten, das Gewicht, Glucose- und Cholesterin-Werte ließen sich signifikant reduzieren. Dieser Effekt ist jedoch nach einem Jahr so gut wie verpufft. Der Anteil von Patienten mit pathologischen Werten ist ähnlich hoch wie zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Rehaklinik. Die Folge: 886 Patienten, das sind 38 Prozent, erlebten während der zwölfmonatigen Nachbeobachtung einen Rückfall (26 kardiovaskuläre Todesfälle, 359 Herzinfarkte und 574 Revaskularisationen). 444 Studienteilnehmer wurden wegen Angina pectoris und 292 wegen bestehender Linksherzinsuffizienz ins Krankenhaus aufgenommen.

Interessant ist, dass die während der Rehazeit eingeleitete Therapie vom Hausarzt nicht stringent weitergeführt wurde. So erhielten zum Beispiel 86 Prozent der Patienten bei ihrer Entlassung Acetylsalicylsäure, nach einem Jahr waren es nur noch 77 Prozent (Betablocker: 77 Prozent versus 70 Prozent; ACE-Hemmer: 57 Prozent versus 53 Prozent; Lipidsenker: 69 Prozent versus 62 Prozent). Unter den Patienten, die keine Betablocker und ACE-Hemmer mehr einnahmen, waren 38 Prozent mit einem arteriellen Blutdruck von über 140/90 mmHg. 76 Prozent der Patienten ohne Lipidsenker hatten einen LDL-Cholesterin-Spiegel von über 100 mg/dl. Die Autoren fassen zusammen, dass besonders bei älteren Patienten mit arteriellem Hypertonus und bei Betroffenen mit Hyperlipoproteinämie die medikamentöse Sekundärprophylaxe zu wünschen übrig lässt.

Auch die gesundheitsfördernden Maßnahmen wie ambulante Herzgruppe, Bewegungstraining, Entspannungstraining oder Diätberatung liegen im ersten Jahr nach der Rehabilitation im Argen. Nur wenige Patienten konnten sich zum Durchhalten aufraffen. Diese wurden aber auch belohnt, und zwar zum Beispiel mit einem signifikant niedrigerem Anteil pathologischer Glucosewerte (28 versus 40 Prozent).

Völler und Kollegen fordern eine Strategie zur engmaschigen ambulanten Nachsorge, um die hohe Zahl erneuter klinischer Ereignisse zu reduzieren. Patienten nach erlittenem Myokardinfarkt sowie bestehender Linksherzinsuffizienz bedürften besonderer Beachtung, sie tragen das höchste Risiko für einen Rückfall.

Quelle:

  1. Völler, H., et al., Long term course of cardivascular risk factors following cardiac in-patient rehabilitation. Eur. Heart J. (Suppl.) (1999) P 3550.
  2. Völler, H. et al., Lanzeitverlauf kardiovaskulärer Risikofaktoren nach stationärer Rehabilitation bei KHK-Patienten. Ztg. Kardiol. 88 (1999) Suppl., 1:1215.

 

KOMMENTAR

Gesundheit beginnt im Kopf

von Elke Wolf

Aufpäppeln von Herzpatienten in einer Rehaklinik und der Effekt nach einem Jahr: Das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis ist milde ausgedrückt alles andere als optimal. Die Erkenntnisse, die die PIN-Studie liefert, sind ernüchternd. Zwar gebieten die Maßnahmen der Rehabilitation den Risikofaktoren für kurze Zeit eindrucksvoll Einhalt. Die mentale Bereitschaft der Patienten aber, nach dem stationären Aufenthalt aktiv gegen die Krankheit anzugehen, hängt nach wie vor am Tropf.

Gesundheit beginnt im Kopf, das wussten schon die alten Chinesen. Es reicht nicht aus, mit hoch potenten Arzneistoffen die fehlgesteuerten Mechanismen im Körper auszugleichen. Des Übels Wurzel sitzt tiefer, eine Änderung des Lebensstils ist vonnöten. Aber: Nichts löst sich in Rauch auf. Wer zum Beispiel dreißig Jahre lang fleißiger Zigarettenraucher war, dem wird es trotz der Warnung Herzinfarkt extrem schwer fallen, von seinem Laster zu lassen.

Hier liegt die Chance der Apotheker. Die Pharmazeutische Betreuung verknüpft das Rezept mit einer individuellen Rundum-Beratung. Als kompetenter Ansprechpartner vor Ort kann der Pharmazeut mit viel Sensibilität auf den Patienten und seinen Lebensstil eingehen, und zwar unentwegt und nicht nur für die kurze Zeit eines Rehaklinik-Aufenthalts. So lösen sich die Zigaretten vielleicht doch in Nichts auf.Top

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