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Problembewusstsein schaffen

03.10.2005  00:00 Uhr

Medikationsfehler

Problembewusstsein schaffen

von Christiane Berg, Hamburg

Zwar mangelt es an Studien zu den klinischen Auswirkungen von Medikationsfehlern, dennoch zählen Medikationsirrtümer auch in Deutschland zu den »Topten« der häufigsten Todesursachen. Die PZ sprach mit Harald Erdmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft »Medikationsfehler« des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker ­ ADKA über mögliche Vermeidungsstrategien.

PZ: Nach Meinung Ihrer Arbeitsgemeinschaft wird die Bedeutung von Medikationsfehlern in Deutschland noch immer unterschätzt. Wie wollen Sie Kollegen, Ärzte und Pflegepersonal für dieses Thema sensibilisieren?

Erdmann: Wir wollen Problembewusstsein schaffen. Zum einen durch die monatliche Veröffentlichung eines aktuellen Medikationsfehlers in der Zeitschrift »Krankenhauspharmazie«. Zum anderen durch das Erkennen und Erfassen von Medikationsfehlern in einem Meldebogen. Dieser kann seit Januar dieses Jahres als Onlineversion unter www.adka.de aufgerufen werden und ermöglicht anonyme Meldungen. Wir erhoffen uns eine verbesserte »Fehlerkultur«, bei der nach den Ursachen und nicht nach den »Schuldigen« geforscht wird. Wir müssen weg von einer individuellen zu einer systemischen Perspektive, da individuelle Fehler häufig systemische Ursachen haben.

PZ: Wie ist die Resonanz auf den Meldebogen? Liefert sein Einsatz bereits erste Erkenntnisse?

Erdmann: Die Resonanz ist groß. Rückmeldungen haben wir nicht nur aus dem klinischen, sondern auch aus dem niedergelassenen Bereich. Bislang liegen mehr als 100 Meldungen vor. Erste Ergebnisse zeigen, dass mit circa 66 Prozent falsche Dosierungen neben Doppelverordnungen (13 Prozent) und falscher Applikation (4 Prozent) die häufigsten Fehlerarten sind.

PZ: Der Erfassungsbogen fragt nicht nur nach der Art, sondern auch nach dem Ort und dem Grund des Fehlers. Lassen sich auch hier bereits erste Schlüsse ziehen?

Erdmann: Ja. Mit 91 Prozent wurde als Fehlerort am häufigsten die Station genannt. Zu 42 Prozent sind Fehlmedikationen auf fehlende Fachkenntnisse von Ärzten und Pflegepersonal, zu 8 Prozent auf falsche mündliche Anordnungen, zu 4 Prozent auf Rechenfehler und zu jeweils 2 Prozent auf Arbeitsüberlastung beziehungsweise auf die falsche Interpretation von Handschriften zurückzuführen. Ähnlich häufig spielen akustische (Sound-Alike) und optische Verwechslungen (Look-Alike) eine Rolle.

PZ: Sie wollen Maßnahmen zur Vermeidung von Medikationsfehlern entwickeln. Wie könnten entsprechende Strategien aussehen?

Erdmann: Einige Vermeidungsstrategien sind bereits etabliert beziehungsweise in der Entwicklung. So ist die Zentralisierung der Herstellung von Arzneimitteln mit besonderem Gefährdungspotenzial wie Zytostatika in Deutschland bereits weitgehend die Regel. Doch ist das nur der Anfang. Vor allem bedarf es des vermehrten Einsatzes beziehungsweise der Stärkung der Funktion des »Apothekers auf Station«. Von der Arzneimittel-Anamnese bis hin zur Entlassungs-Medikation: Der Krankenhausapotheker muss mehr als bislang in Entscheidungsprozesse des therapeutischen Teams einbezogen werden. Wir Apotheker dürfen nicht länger zulassen, dass uns ureigenste pharmazeutische Bereiche vorenthalten beziehungsweise aus den Händen genommen werden.

PZ: Auch und gerade Irrtümer durch Look- und Sound-Alikes sollten sich doch durch den Krankenhausapotheker vermeiden lassen.

Erdmann: Ja, denn er kennt die verschiedenen Verpackungen und kann durch eine entsprechende Präparateauswahl in der Arzneimittelliste vorbeugende Maßnahmen treffen. Weitere Vermeidungsstrategien könnten die räumliche Trennung von Präparaten mit Verwechslungspotenzial sein sowie die Kennzeichnung der Präparate durch Aufkleber oder entsprechende Beschriftung.

PZ: Einige Studien zeigen, dass es vor allem bei der Zubereitung, Verabreichung und Kennzeichnung intravenöser Arzneimittel zu Medikationsfehlern kommt. Wie können Krankenhausapotheker hier zur Verbesserung der Patientensicherheit beitragen?

Erdmann: Wie bei Zytostatika kann die zentrale Herstellung weiterer applikationsfertiger Parenteralia in der Krankenhausapotheke einen zusätzlichen Sicherheitsgewinn bieten. Vor allem Fehler durch Inkompatibilitäten, mangelnde Stabilität oder Hygiene, falsche Lösungsmittel oder falsche Beschriftungen lassen sich so vermeiden. Bei einigen Unit-dose-Systemen wird Verabreichungsfehlern durch Barcodierung vorgebeugt. Fertige und individuell verpackte Einzeldosen werden direkt von der Krankenhausapotheke auf die Station geliefert, wo vor der Applikation der Barcode der Unit-doses und der des Patientenarmbandes gegengecheckt wird.

PZ: Können auch elektronische Verordnungssysteme helfen, Medikationsfehler zu vermeiden?

Erdmann: Die so genannten Computerized Physician Order Entry (CPOE)-Systeme tragen sicherlich zur Vermeidung von Medikationsfehlern bei. Der erfolgreiche Einsatz dieser Systeme hängt jedoch maßgeblich von der Akzeptanz und der Schulung der Anwender ab. Außerdem zeigen diese Systeme oftmals Wechselwirkungen oder Kontraindikationen an, die im klinischen Alltag keine Rolle spielen. Es besteht die Gefahr, dass die wirklich wichtigen Warnungen durch »Reizüberflutung« übersehen werden. Auch weisen einige Datenbanken Lücken auf, indem sie bestimmte Warnhinweise von vorneherein nicht anzeigen beziehungsweise die Möglichkeit der Erfassung patientenrelevanter Daten wie Körpergröße, Alter, Gewicht, individuelle Laborwerte oder medizinische Besonderheiten nicht gegeben ist. Diese Systeme werden in Deutschland zur Zeit nur an einigen wenigen Kliniken erprobt.

PZ: Grundsätzlich wäre doch die Benennung eines Pharmakovigilanzbeauftragten zweckmäßig, wie es in Pharmaunternehmen bereits gesetzlich vorgeschrieben ist.

Erdmann: Ja. Neben der Erkennung und Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen oder Arzneimittelrisiken ist die Erkennung, Erfassung und Vermeidung von Medikationsfehlern Teilgebiet des Aufgabenbereiches eines Pharmakovigilanzbeauftragten. Pharmakovigilanz beinhaltet Risikomanagement und -kommunikation, Vorbeugung von Therapiefehlern, Vermittlung von Arzneimittel-Informationen und Förderung der rationalen Arzneimitteltherapie: Die Berufung eines Pharmakovigilanzbeauftragten auch im Krankenhaus wäre also sinnvoll. Für diese Aufgabe eignen sich Krankenhausapotheker vorzugsweise mit der Fachweiterbildung Klinische Pharmazie. Krankenhausapotheker sollten unbedingt Initiative in Sachen Pharmakovigilanz zeigen und auf entsprechende personelle und finanzielle Investitionen drängen. Die gesetzliche Verankerung der Berufung eines Pharmakovigilanzbeauftragten auch in Krankenhäusern würde ich begrüßen.

PZ: Versprechen Sie sich eine Reduktion vermeidbarer Medikationsirrtümer auch durch die elektronische Gesundheitskarte?

Erdmann: Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu mehr Arzneimittelsicherheit, denn mit ihrer Hilfe können strukturierte Patientendaten zu Alter, Geschlecht und Gewicht, zur weiteren Medikation, zu Allergien und zur Art der Applikation oder Dosierung des verordneten Medikamentes gekoppelt werden. Ganz abgesehen davon, dass auch Risiken durch falsch interpretierte Handschriften vermindert werden. Die Informationsweitergabe zur Arzneimitteltherapie wird optimiert. Versorgungsdefizite an den Sektorengrenzen werden überwunden. Das setzt natürlich die offene Kommunikation zwischen Patienten, Ärzten, Krankenhaus- und Offizinapothekern voraus. Top

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