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Steroide umstritten bei COPD

04.04.2005  00:00 Uhr

Steroide umstritten bei COPD

von Conny Becker, Berlin

Auf den ersten Blick scheinen sich die Krankheitsbilder bei Asthma und chronisch-obstruktiver Bronchitis mit Lungenemphysem (COPD) zu ähneln. Die Erkrankungen müssen jedoch unterschiedlich angegangen werden, vor allem was den Einsatz von Steroiden betrifft.

»Bei Asthma-Patienten lässt sich die Normalfunktion wiederherstellen. COPD dagegen ist eine destruktive Erkrankung, die irreversibel ist«, sagte Dr. Michael Barczok, Ulm, auf einer von Ratiopharm unterstützten Veranstaltung in Berlin. »Der einzige Faktor, der bei der COPD die Lebensqualität und die Lebenserwartung beeinflusst, ist das Rauchen«, fuhr der Ulmer Pneumologe fort und nannte damit den Hauptrisikofaktor für Entstehung und Progress der Erkrankung.

Behandelt werden sollte die chronisch obstruktive Bronchitis je nach Schweregrad anhand des Stufenplans der Deutschen Atemwegsliga. Demnach kommen anfangs bei Bedarf Anticholinergika und/oder β2-Sympathomimetika zum Einsatz, bei fehlender Besserung kann zusätzlich Theophyllin helfen oder aber ein Therapieversuch über drei Monate mit inhalativen Glucocorticoiden gestartet werden. Schließlich kann im Schweregrad III auch eine Sauerstoff-Langzeittherapie indiziert sein. In der Praxis gehen viele Mediziner laut Barczok jedoch nicht nach Stufenplan vor, sondern verschreiben meist schon ab Stufe I ein Glucocorticoid. »Steroide sind in der Dauertherapie der COPD aber umstritten, da die Responderrate lediglich 10 bis 25 Prozent beträgt«, erklärte der Referent. So sei die pathologisch zu Grunde liegende zelluläre Entzündung bestenfalls marginal durch Steroide beeinflussbar. Sowohl auf Grund der anfallenden Kosten als auch der Nebenwirkungen sollten Mediziner sie zurückhaltender einsetzen, das heißt, nur bei einer Entgleisung in Kombination mit Antibiotika über eine Woche oder bei Schweregrad II und III, wenn die klinische Symptomatik nach den drei Testmonaten verbessert ist.

 

Schulungen für Patienten Nachdem seit Ende vergangenen Jahres ein Disease-Management-Programm Asthma/COPD verabschiedet wurde, müssen die Beteiligten nun auch die entsprechenden Anforderungen erfüllen. Dazu zählt auch die Schulung der Leistungserbringer und der Patienten. Entsprechende Schulungsprogramme für Asthmatiker (NASA) und COPD-Patienten (COBRA) hat der Berufsverband der Pneumologen Deutschlands, die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und die Deutsche Atemwegsliga gemeinsam mit der Firma Ratiopharm entwickelt und evaluiert. Sie bestehen aus einzelnen Modulen, sodass der Pneumologe oder Hausarzt die Schulung auf die jeweilige Patientengruppe abstimmen kann. Patienten in einem DMP sind künftig dazu verpflichtet, sich schulen zu lassen, erstattet wird dies dann von den Krankenkassen. Apotheker dürfen derzeit allerdings keine DMP-Schulungen anbieten, die zum Schulungsset gehörige PowerPoint-Präsentation auf CD zur Unterstützung eigener Schulungen aber bei der Firma bestellen.

 

»Zunächst sollte man prüfen, ob ein Betamimetikum nicht ausreicht«, riet Barczok. Hier bevorzugt er langwirksame Substanzen wie Formoterol gegenüber kurzwirksamen wie Salbutamol, bei dem durch die häufigen Anwendungen die Gefahr einer Tachykardie höher sei. Der Patient müsse wissen, dass trotz maximaler Bronchienerweiterung jede Form von Belastung eine Atemnot provoziert. In einem solchen Fall sollte er erst einmal stehen bleiben und etwa 20 Sekunden ruhig durchatmen, das heißt, das kurzwirksame Spray zwar bedarfsgesteuert, aber nur in Ruhe anwenden.

Rauchen macht Therapie sinnlos

Als den besten Tipp für COPD-Patienten bezeichnete der Mediziner neben Rehamaßnahmen zum Muskelaufbau die Nikotinkarenz. »Die Therapie hat keinen Sinn, wenn die Patienten weiter rauchen.« Sollten sie dennoch nicht von ihrer Sucht lassen können, gelte es, zumindest einen Abstand von drei bis vier Stunden nach Inhalation des β2-Sympathomimetikums einzuhalten. Denn sonst treffen die toxischen Rauchpartikel auf eine maximal erweiterte Lunge. »Dann wird die Therapie eine Beihilfe zum Lungenselbstmord«, sagte Barczok. Top

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