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Apotheker beraten in Afghanistan

29.03.2004
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Fachapotheker für Toxikologie und Ökologie

Apotheker beraten in Afghanistan

von Bernd Klaubert und Klaus Schad, München

Apotheker, die sich an einem Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr im Fach Toxikologie und Ökologie weitergebildet haben, nehmen an internationalen Bundeswehreinsätzen in Bosnien, im Kosovo und in Afghanistan teil. Mit pharmazeutischem Know-how prüfen sie auf Kontaminanten in Lebensmitteln, Trinkwasser, Bedarfsgegenständen, aber auch in Chemikalien- und Drogenfunden.

Als Apotheker und staatlich geprüfter Lebensmittelchemiker untersucht, bewertet und begutachtet ein so genannter Sanitätsoffizier Apotheker in den Zentralen Instituten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr die verschiedensten Proben. Sowohl Lebensmittel, Trink-, Roh-, Brauch- und Badewasser als auch Bedarfsgegenstände und Arzneimittel – selten sogar Böden, Stäube oder die Luft – kommen in sein Labor. Toxikologisch interessant sind insbesondere akut gesundheitsgefährdende Substanzen wie Organophosphate (zum Beispiel Pestizide und chemische Kampfstoffe), Cyanide sowie die Metalle Arsen und Thallium. Darüber hinaus muss der Fachapotheker auch auf viele persistente organische Kontaminanten wie DDT, Aldrin, Hexachlorbenzol, polychlorierte Biphenyle oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe achten (1), die zwar in Deutschland längst verboten, in den Krisenregionen der Welt jedoch immer noch anzutreffen sind. Darüber hinaus analysiert er in den mobilen Einsatzlaboratorien Drogen sowie Rückstände (zum Beispiel Schwermetalle, Restlösemittel) in Arznei- und Rohstoffen.

Bei Auslandseinsätzen werden Soldaten mit Lebensmitteln und Trinkwasser versorgt, die den gleichen Normen und Richtlinien standhalten müssen wie in Deutschland. Schließlich sollen die Soldaten qualitativ hochwertige, ernährungsphysiologisch wertvolle und gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittel erhalten (2). Prüfen kann dies nur ein Sachverständiger, der neben guten analytischen und toxikologischen Kenntnissen die notwendige „Spürnase“ besitzt.

Arbeit unter Extrembedingungen

Nach den Ereignissen des 11. Septembers und Beschlüssen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen wurden im Januar 2002 die ersten deutschen Soldaten der International Security Assistance Force (ISAF) nach Kabul in Afghanistan verlegt. Als Teil der Sanitätseinrichtungen befindet sich seit März 2002 auch ein mobiler lebensmittelchemischer Laborcontainer in Kabul – als Arbeitsplatz für Apotheker.

In Afghanistan erschweren äußere Rahmenbedingungen die Tests der Proben im mobilen Laborcontainer: Hier sind viele Wasserversorgungssysteme nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt vorhanden; jahrhundertealte Wasserleitungen aus den Bergen Kabuls wurden in den Kriegen zerstört – nur noch circa 10 Prozent der Bevölkerung kann mit sauberem Trinkwasser versorgt werden. Die Dürre der letzten Jahre – seit 1998 hat es kaum nennenswerte Niederschläge gegeben – hat die Obst- und Gemüseerträge drastisch geschmälert. Als wesentliche Einnahmequelle blieb für die Bauern meist nur noch der Mohnanbau übrig. Verständlich also, dass der Aufbau einer leistungsfähigen Wasserversorgung oberste Priorität hatte.

Sauberes Trinkwasser garantieren

Im Laborcontainer untersuchten Apotheker daher zunächst Roh- und Trinkwasser. Charakteristisch für alle Wasserproben aus Kabul sind sehr hohe Mineralstoffkonzentrationen. Pestizide und Schwermetalle konnten in keiner der untersuchten Wasserproben in nennenswerter Menge nachgewiesen werden, was auf Grund fehlender Industrie und Landwirtschaft nicht verwunderlich erscheint. Erwähnenswert sind jedoch Funde von Desinfektionsnebenprodukten wie Chloroform und Bromoform in Konzentrationen von bis zu 100 µg/l. Die Grenzwerte der deutschen Trinkwasserverordnung (Summengrenzwert 2002: 10 µg/l) (3) wurden dabei auf Grund der hohen Außentemperaturen und der aus mikrobiologischer Sicht unumgänglichen Chlorung deutlich überschritten. Berücksichtigten die Experten jedoch toxikologische Vorschriften (4), die internationale Bewertung durch die WHO (5) sowie für den Auslandseinsatz der Bundeswehr geltende Sonderregelungen (2), konnten sie das Wasser als Trinkwasser freigeben.

Wie bedeutsam eine effiziente Trinkwasseruntersuchung sein kann, zeigte sich auf dem deutschen Stützpunkt in Termes, Usbekistan. Dort konnten die Sachverständigen bei Routineuntersuchungen Spuren von DDT und dessen Abbauprodukten im Rohwasser nachweisen. Vermutlich entstammte das extrem persistente DDT (die Halbwertszeit im Boden beträgt circa 15 Jahre) aus Schädlingsbekämpfungsmitteln. Da das getestete Rohwasser darüber hinaus fäkal kontaminiert und somit möglicherweise mit Parasiten belastet war, konnte qualitativ einwandfreies Trinkwasser nur mittels Umkehrosmose in einer mobilen Wasseraufbereitungsanlage gewonnen werden.

Frische Lebensmittel oft kontaminiert

Zunächst lieferten Versorgungspakete aus Deutschland die Lebensmittel für deutsche Soldaten nach Afghanistan. Im Weiteren übernahm diese Aufgabe eine zivile Firma, die vornehmlich britische Streitkräfte bei ihren Auslandsmissionen versorgt. Die Lebensmittel wurden mehrere Wochen im Voraus bestellt, wobei die Produkte aus Europa, Brasilien, Südafrika, Asien und Pakistan stammten. Äußerst problematisch waren die Obst- und Gemüselieferungen aus Pakistan. Mehrere dieser Ladungen wurden wegen deutlich wertgeminderter Qualität beanstandet und in einem Fall musste der Großteil gelagerter Äpfel, Tomaten, Gurken und Paprika sogar vernichtet werden, da eine Gesundheitsgefährdung durch Schimmelbefall nicht auszuschließen war. Grund für den schlechten Zustand der Waren sind die in Pakistan üblichen Packmaterialien – dort wird neben alten Zeitungen und Altkartonagen auch Stroh verwendet, das Ungeziefer und Kokons beherbergt. Die Lebensmittellieferungen waren darüber hinaus auch unter Sicherheitsaspekten analytisch streng zu kontrollieren, da die ISAF-Truppen Drohungen über vergiftetes Obst erhalten hatten.

Brot und Backwaren wurden von lokalen Bäckereien auch frisch bezogen, insbesondere aus traditionellen Fladenbrotbäckereien. Das Fladenbrot, ein landestypisches Erzeugnis aus Weizenmehl, Hefe und Wasser, wird in einem im Boden befindlichen so genannten „Tanduri-Ofen“ gebacken. Das verwendete Mehl stammt üblicherweise aus Pakistan, bessere Qualität auch aus Turkmenistan. Die für Getreide und Mehl typischen Mykotoxine (Ochratoxin A, Deoxynivalenol, T2-Toxin, Aflatoxine und Fumonisine) konnten mit immunologischen Methoden in keiner der untersuchten Proben in erhöhten Konzentrationen nachgewiesen werden. Durch das Backen über offenem Holzfeuer stieg zwar der Gehalt an Cadmium und Blei leicht an, dies hatte aber keine gesundheitliche Relevanz.

Chemikalienfunde identifizieren

In den mit modernster instrumenteller Analytik ausgestatteten mobilen Untersuchungslabors können Apotheker Verdachtsproben wie Salben, Tabletten, Kautabak, Drogen oder sonstige Funde der Sicherheitskräfte analysieren und toxikologisch bewerten. Insbesondere hier sind die speziellen Kenntnisse des Fachapothekers für Toxikologie und Ökologie gefragt, der im Allgemeinen unbekannte Substanzen identifizieren und bewerten können muss.

Das Spektrum der vom Apotheker zu analysierenden Proben reicht also von Lebensmitteln über Trinkwasser bis hin zu Arzneimitteln und Chemikalien. Hieran wird deutlich, dass die im Rahmen der Weiterbildung erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten eine ideale Voraussetzung sind, um auch in den extrem schwierigen Situationen multinationaler Auslandseinsätze Proben zeitgerecht und korrekt begutachten zu können. Nur so können Soldaten mit ernährungsphysiologisch hochwertigen und gesundheitlich unbedenklichen Lebensmitteln und Trinkwasser versorgt werden.

 

Weiterbildung auf dem Gebiet Toxikologie und Ökologie bei der Bundeswehr Die Bundeswehr verfügt über drei anerkannte Weiterbildungsstätten (Zentrale Institute des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Kiel, Koblenz und München), in denen beschränkt auf Sanitätsoffiziere Apotheker (Berufs- und Zeitsoldaten) eine Weiterbildung möglich ist. Grundsätzlich besteht die Bereitschaft – in Abhängigkeit von der Zustimmung der regional zuständigen Landesapothekerkammern – im Rahmen von Verbundweiterbildungen externe Weiterbildungsstätten zu unterstützen.

In den Modulen „Lebensmitteltoxikologie“ und „Spezielle Methoden der toxikologischen Analytik“ richtet das Zentrale Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr München regelmäßig die Weiterbildungsseminare aus.

Allgemeine Fragen zur Weiterbildung auf dem Gebiet Toxikologie und Ökologie sind bitte zu richten an:

Sanitätsamt der Bundeswehr
Abteilung Wehrpharmazie
Dachauer Straße 128
80637 München
Telefon (089) 12 49 78 40
(OTAp Dr. Maximilian Breitinger)

 

Literatur

  1. Z. Umweltchem. Ökotox. 11 (6) (1999) 335 - 342
  2. BMVg InspSan, InSan I 7 – Az 42-21-30/40 vom 12.11.1996
  3. Verordnung über Trinkwasser und über Wasser für Lebensmittelbetriebe i.d.F. vom 5.12.1990
  4. Merkblatt Trinkwasser: Versorgung bei Grenzwertüberschreitungen 2 - 4, 13 - 34, Fachkommission Soforthilfe Trinkwasser, BMG (1996)
  5. WHO Guidelines for Drinking Water Quality, 2nd ed., Vol 1 (1993): Recommendations, WHO Geneva

 

Anschrift der Verfasser:
Dr. Bernd Klaubert
Zentrales Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr München
Institutsleiter
Oberstapotheker Klaus Schad
Ingolstädter Landstraße 102
85748 Garching

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