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Doping oder harmlose Nahrungsergänzungsmittel

07.02.2000
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-PharmazieGovi-VerlagPROHORMONE

Doping oder harmlose Nahrungsergänzungsmittel

von Wilfried Dubbels, Heeslingen

Eigentlich ist in Deutschland alles geregelt. Es gibt Arzneimittel, die nach dem Arzneimittelgesetz zugelassen sein müssen, und Lebensmittel, die den Anforderungen des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes entsprechen. Doch es gibt auch Mittel, die weder das eine noch das andere sind. Sie umgehen die aufwendige und teure Zulassung als Arzneimittel, zählen aber nicht zu den Lebensmitteln. Zu dieser Grauzone der Nahrungsergänzungsmittel gehören auch die Prohormone.

Eine Gefahr für den Verbraucher stellen Stoffe dar, die eindeutig den Arzneimitteln mit pharmakologischer Wirkung zuzuordnen wären, die aber auf dem internationalen und deutschen Markt nicht als Arzneimittel erfaßt wurden. Diese Produkte sind in Deutschland weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel verkehrsfähig. Der Versandhändler macht sich strafbar, wenn er versucht, solche Produkte als Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland einzuschleusen. Dies gilt ganz besonders für die sogenannten Testosteron-Precursoren als Prohormone.

Hormone vom Airport

Der Prohormon-Boom wurde durch Dehydroepiandrosteron (DHEA) ausgelöst. Die Substanz wird in den USA inzwischen sogar in Duty Free Shops auf Flughäfen als sogenannte Life Style Droge gegen das Altern angeboten. Vor einigen Monaten wurde die Testosteron-Vorläufersubstanz Androstendion intensiv als Mittel für Muskelwachstum, zur Leistungssteigerung und Verbesserung des Sexuallebens sowie des Wohlbefindens beworben. Mittlerweile befindet sich eine ganze Flut von Prohormonen auf dem amerikanischen Markt, die langsam auf uns zuschwappt.

Da es auf dem internationalen Markt keine einheitliche Regelung für diese Supplemente gibt, müssen die europäischen Behörden dringend handeln.

DHEA gilt als Hauptvertreter der schwach wirksamen Androgene der Nebennierenrinde und bildet sich als Zwischenstufe bei der Biosynthese von Testosteron und Estrogen. DHEA wird vom Körper altersabhängig sezerniert. Der größere Teil des im Blut zirkulierenden DHEA stammt aus der Nebennierenrinde, nur ein kleiner Teil ist testikulären Ursprungs. Relativ wenig DHEA wird in der Körperperipherie, zum Beispiel in der Muskulatur, in Testosteron umgewandelt. Insgesamt schüttet der männliche Körper weniger DHEA aus als der weibliche.

Das Prohormon aktiviert die 5-Alpha-Steroidreduktase, das Enzym das Testosteron zu Dihydrotestosteron (DHT) reduziert. Obwohl DHT in der Pubertät von großer Bedeutung für die Entwicklung vom Knaben zum Mann ist, hat die Substanz beim erwachsenen Mann eher nachteilige Wirkungen wie Prostatavergrößerung, Haarausfall und Akne. Da DHEA leicht in Estrogen umgewandelt wird und damit dessen Spiegel nachhaltig erhöhen kann, ist es dem Aufbau fett- und wasserfreier Muskelmasse nicht förderlich.

Bei Frauen im Klimakterium kann dieser Effekt durchaus erwünscht sein. Zum Beispiel enthält ein verschreibungspflichtiges deutsches Medikament gegen Wechseljahrsbeschwerden DHEA. Das Präparat muss jedoch in den Muskel injiziert werden. Die Bioverfügbarkeit nach peroraler Gabe ist wissenschaftlich nicht belegt.

Alle Veröffentlichungen über Androstendion basieren auf wissenschaftlichen Arbeiten, die bereits 1960 in der ehemaligen DDR angefertigt wurden. Ab 1982 setzte man das Präparat als Dopingmittel ein, um die Athleten auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Eine Woche vor den Meisterschaften wurden alle dem Dopingkommitee bekannten Steroide mit anaboler Wirkung abgesetzt und gegen Androstendion ausgetauscht, um die anabolikafreie Phase bis zum Test zu überbrücken.

Nach Gabe von Androstendion steigt der Testosteronspiegel kurzfristig an. Dabei wird das natürliche Gleichgewicht von Testosteron und Epitestosteron jedoch nicht gestört, da Androstendion schnell eliminiert wird. Praktisch für die Doper: So ließ sich die Leistung aufrechterhalten, ohne dabei mit einem positiven Dopingtest aufzufallen. Zu DDR-Zeiten wurde Androstendion nasal appliziert. Die perorale Wirksamkeit von Androstendion ist aufgrund der fehlenden Alkylgruppe am C-17 begrenzt. Das gilt für fast alle Prohormone mit Steroidgerüst. Androstendion wirkt wesentlich stärker androgen und anabol als DHEA, jedoch schwächer als Testosteron.

Androstendion verfügt über einen negativen Feedback-Mechanismus, der auch durch die Supplementierung ausgelöst werden könnte. Denkbar wäre, dass das stärker androgen und anabol wirkende Testosteron von den Rezeptoren verdrängt wird und die Steroidrezeptoren downreguliert werden. Ein Szenario, das jeder Leistungssportler vermeiden sollte.

Androstendion hat eine sehr kurze Halbwertszeit und kann daher nur kurzfristig den Testosteronspiegel erhöhen. Um den Testosteronspiegel nachhaltig zu beeinflussen, müsste die Substanz mehrmals täglich verabreicht werden. Die Folge: Wirkungsverlust und damit ein Teufelskreis, wie ihn Wissenschaftler auch bei den dokumentierten Anabolika beobachteten. Dennoch gibt es kaum wissenschaftliche Studien.

Die Untersuchungsergebnisse von Douglas King von der Iowa State University in Ames, USA machen jedoch alle Hoffnungen zunichte, mit Androstendion ein harmloses Nahrungsergänzungsmittel zur Leistungssteigerung gefunden zu haben. Die Studie beweist vielmehr, dass Androstendion weder kraftsteigernd wirkt, noch das Muskelwachstum fördert. Die Nebenwirkungen sind schwerwiegender als vermutet. Bei Patienten, die das Prohormon erhielten, sanken die HDL--Spiegel, und sie litten unterGynäkomastie, starker Akne, Prostatavergrößerung und Haarausfall.

Kurz nach dem Comeback von Androstendion tauchte mit Androstendiol ein weiterer Testosteron-Precursor auf dem Markt auf. Auch diese Substanz ist im menschlichen Plasma allenfalls in Spuren nachweisbar. Androstendiol entsteht als Zwischenstufe bei der Umwandlung von DHEA in Testosteron und ist somit wie Androstendion ein direkter Vorläufer des Testosterons. Auch zu dieser Substanz fehlen bis dato wissenschaftlich fundierte Daten. Alle postulierten Wirkungen basieren nicht auf seriösen Arbeiten, sondern sind rein spekulativ.

Prohormone der neuesten Generation, wie Norandostendion und Norandrostendiol, werden nicht in Testosteron, sondern in Nortestosteron umgewandelt. Beim Nortestosteron fehlt die Methylgruppe des Testosterons an Position 19. Aufgrund dieser Konfiguration kann unser Körper Nortestosteron weder direkt zu Estrogen noch zu DHT umbauen.

Nortestosteron ist unter Leistungssportlern als Nandrolon bekannt. Nandrolon gilt als Wirkstoff des wohl am besten wissenschaftlich dokumentierten Anabolikums Deca Durabolin. Die Konvertierung von Norandrostendion beziehungsweise Norandrostendiol wird durch die Aktivität der 17-ß-Hydroxysteroid-Dehydrogenase beziehungsweise 3-ß-Hydroxysteroid-Dehydrogenase in der Leber limitiert.

Wissenschaftliche Daten zu Resorptionsquoten, Bioverfügbarkeit und Risiken bei peroraler Verabreichung liegen auch für diese Prohormone nicht vor.

Drogenfreien Leistungssportlern werden die Prohormone in den USA als legale Alternative zu den steroidalen Anabolika angeboten. Der amerikanische Powerlifter Bull Stewart ist einer der bekanntesten Fälle, der 1998 für Aufsehen sorgte: Sein Urin enthielt Metabolite des Nandrolons. Für Stewart, einen "lifetime drug free athlete", brach daraufhin die Welt zusammen. Ihm wurde eine zweijährige Sperre auferlegt. Erst 1999 fanden Wissenschaftler heraus, dass Norandrostendion und Norandrostendiol dieselben Metaboliten im Urin hinterläßt wie Deca Durabolin.

Sollte "unser" Dieter Baumann auch in die "Prohormonfalle" getappt sein, wird ihm das als Ausrede kaum nutzen. Inzwischen stehen auch die Prohormone auf der Dopingliste.

Anschrift des Verfassers:
Wilfried Dubbels,
St. Viti Apotheke,
Bremerstraße 1,
27404 Heeslingen
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