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Resultate der Asthmastudie im KV-Bezirk Trier

10.01.2005
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Pharmazeutische Betreuung

Resultate der Asthmastudie im KV-Bezirk Trier

von Sandra Mangiapane1, Stephan Mühlig2, Peter Ihle3, Ingrid Schubert3 und Martin Schulz1, Berlin

Die Pharmazeutische Betreuung von Asthma-Patienten führt zu einer Verbesserung der Lebensqualität, der Compliance und des Gesundheitszustandes. Zudem nimmt die medikamentöse Versorgungsqualität zu und der Asthmaschweregrad signifikant ab.

1Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA; 2TU Dresden, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Chemnitzer Straße 46, 01187 Dresden; 3PMV Forschungsgruppe, Universitätsklinikum zu Köln, Herderstraße 52-54, 50931 Köln

Asthma bronchiale gehört mit einer Prävalenz von 5 bis 6 Prozent bei Erwachsenen und 10 Prozent bei Kindern nach wie vor zu den verbreitetsten chronischen Erkrankungen in Deutschland. Trotz enormer Fortschritte in der Forschung und Entwicklung neuer und immer effektiverer Therapieverfahren konnten Morbidität und Mortalität der Erkrankung in den letzten Jahren nicht bedeutend verringert werden (5). Dafür werden in erster Linie Defizite beim Selbstmanagement und der Therapiemitwirkung der Patienten verantwortlich gemacht. Diese haben nicht nur negative Auswirkungen für den einzelnen Asthmatiker, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Konsequenzen. So führen eine unzureichende Kontrolle und Therapie zu einer Verschlimmerung der Krankheitssymptomatik, Erhöhung der Anzahl von Asthmaanfällen und langfristig zu einem ungünstigeren Krankheitsverlauf. Damit sind wiederum erhöhte Folgekosten, wie Notarzteinsätze und Hospitalisierungen verbunden. Mittelbar werden die körperliche Leistungsfähigkeit, soziale Aktivität und subjektive Lebensqualität der Patienten deutlich beeinträchtigt (10).

Die Pharmazeutische Betreuung (Pharmaceutical Care) stellt in diesem Zusammenhang ein wichtiges Konzept zur Versorgungsoptimierung dar. Dieses langfristige und kontinuierliche Beratungs- und Betreuungsangebot zielt darauf ab, individuelle arzneimittelbezogene Probleme des Patienten zu identifizieren sowie die kompetenz- oder einstellungsbedingten Defizite im Selbstmanagement auszugleichen und zu lösen. Die Betreuung soll eine rationalere Anwendung von Arzneimitteln ermöglichen. Durch die aktive Kooperation von Patient, Apotheker und Arzt werden die krankheitsspezifische Lebensqualität, die Compliance und das Selbstmanagement des Patienten deutlich verbessert. Dies wurde in Deutschland erstmals mit der kontrollierten Studie der ABDA zur Pharmazeutischen Betreuung von Asthma-Patienten in Hamburg nachgewiesen (9, 12).

Das Projekt “Pharmazeutische Betreuung von Asthma-Patienten im KV-Bezirk Trier“ wurde von Oktober 2001 bis Mai 2003 gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Trier (KV Trier), der Bezirksärztekammer Trier, der AOK Rheinland-Pfalz, der Barmer Ersatzkasse und der Apothekerschaft (Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz und ZAPP der ABDA) durchgeführt. Die Konzeption wurde von Anfang an als Modell für ein regionales Disease Management Projekt-Asthma verstanden.

Ziel der Untersuchung

Ziel war es, zu prüfen, inwieweit sich durch eine intensive Zusammenarbeit zwischen Patient, Apotheker und Arzt im Rahmen der Pharmazeutischen Betreuung folgende Ergebnisse erzielen lassen:

  • Erhöhung des Wissensstands und der Kenntnisse der Patienten über die Erkrankung und die sachgerechte Anwendung von Arznei- und Hilfsmitteln,
  • Verbesserung des Selbstmanagements des Patienten,
  • Stärkung der Compliance und Motivation (Selbstwirksamkeit) des Patienten
  • Steigerung der krankheitsspezifischen Lebensqualität des Patienten,
  • Verbesserung klinischer Parameter, wie Lungenfunktion und Asthma-Schweregrad,
  • Optimierung der medikamentösen Versorgungsqualität,
  • Kosteneinsparungen im Sinn einer Verringerung an Arbeitsunfähigkeits- und Krankenhaustagen als Konsequenz der Verbesserung des Gesundheitszustandes der Patienten.

Einschlusskriterien

Die optimale Patienten-Stichprobengröße wurde in Anlehnung an die Fallzahlberechnung in der Hamburger Asthma-Studie durchgeführt (Konsensusannahmen nach Cohen 1998). Die erforderliche Patientenzahl wurde auf circa np = 250 Patienten geschätzt. Dabei wurde ein Minimum von na = 40 Apotheken angestrebt.

Die Stichprobengewinnung auf Ebene der öffentlichen Apotheke erfolgte über Ansprache durch die Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz auf Basis des Kammerregisters (148 Apotheken im KV-Bezirk Trier). Von allen Apotheken hatten eingangs 57 (38,5 Prozent) ihre Teilnahme zugesagt, von denen wiederum 39 Apotheken mit der Betreuung von Asthma-Patienten begonnen haben.

 

Eingesetzte Instrumente zur Patientenrekrutierung
  • gezielte Ansprache von Asthma-Patienten in den teilnehmenden Apotheken und Arztpraxen
  • Handzettel und Plakate in Apotheken und Arztpraxen
  • Artikel im AOK-Magazin „Bleib gesund“
  • wiederholte Anzeigen und Berichte über das Projekt in der Lokalpresse
  • Telefonaktion (Apotheker und Ärzte beantworteten unter einer Service-Nummer Fragen zum Projekt)
  • Radiosendung zum Projekt
  • Projektapotheker und ZAPP informierten 4 Tage am Asthma-Mobil des Deutschen Allergie und Asthma-Bundes in der Fußgängerzone von Trier über das Projekt

 

Trotz unterschiedlicher Rekrutierungsinstrumente und verstärkter Öffentlichkeitsarbeit (Kasten) konnte auf Patientenebene die angestrebte Fallzahl von np = 250 nicht voll erreicht werden. Es wurden 183 Patienten rekrutiert, von denen 128 bis zum Projektende teilnahmen (Tabelle).

 

Tabelle: Teilnehmerzahl über die Zeit

  Projektanmeldungt1t2t3 Apotheken (na) 57 39 34 33 Patienten (np) 183 183 136 128

 

Vorab wurden folgende Einschlusskriterien für die Teilnahme der Apotheken, Arztpraxen und Patienten definiert:

  • Einschlusskriterien für Apotheken: Niedergelassen im KV-Gebiet Trier, Bereitschaft und Motivation zur Teilnahme, Teilnahme an der zertifizierten Asthma-Schulung (Curriculum der Bundesapothekerkammer) sowie an der Einführungsveranstaltung für das Projekt, Benennung mindestens eines/einer Apothekers/Apothekerin, der/die das Projekt in der Apotheke hauptverantwortlich durchführt.
  • Einschlusskriterien für Patienten: Ärztlich gesicherte Diagnose „Asthma bronchiale“, Alter 18 bis 65 Jahre, Deutschsprachigkeit (einschl. Lesen und Schreiben), Bereitschaft, zumindest für den Untersuchungszeitraum von 12 Monaten eine Stammapotheke zu akzeptieren, Einwilligungserklärung (6) zur Speicherung und Auswertung der Patientendaten (Datenschutz).
  • Einschlusskriterien für Ärzte: Teilnahmebereitschaft, Zugehörigkeit zum KV-Bezirk Trier.

Studiendesign und Methodik

Da die Wirksamkeit der Pharmazeutischen Betreuung von Asthma-Patienten bereits in der Hamburger Asthma-Studie belegt werden konnte, wurde zur Auswertung der klinischen und patientennahen Parameter ein einfacheres Prä-Post-Design mit Messwiederholung gewählt. Es wurden drei Kernbesuche für die Patienten in der Apotheke beziehungsweise beim behandelnden Arzt vorgesehen (Untersuchungsbeginn = t1; 6 Monate post = t2; 12 Monate post = t3), während derer die Hauptmessungen durchgeführt wurden. Zusätzlich wurden zwei Beratungsgespräche zwischen t1 und t2 in der Apotheke angeboten (4 Wochen = B2 und 8 Wochen post = B3). Zwischen t2 und t3 waren bewusst keine fixen zusätzlichen Beratungsgespräche im Studienprotokoll vorgesehen, da weiterhin geprüft werden sollte, ob die im ersten Halbjahr erzielten Effekte auch ohne vorgegebene Zwischengespräche stabil blieben.

Zur Evaluation der gesundheitsökonomischen und versorgungsrelevanten Faktoren wurde nicht die gesamte Stichprobe (183 Patienten), sondern nur das Kollektiv der teilnehmenden Versicherten der AOK Rheinland-Pfalz und der Barmer Ersatzkasse untersucht (55 Patienten), weil als Datengrundlage pseudonymisierte Abrechnungsdaten dieser beiden Krankenkassen verwendet wurden. Es wurde eine Datenauswertung aus den beiden 12-Monatszeiträume retro- und prospektiv zum Studienstart durchgeführt. Um die Verordnungsdaten aus dem Vorjahr und dem Studienjahr klar voneinander zu trennen, wurden nicht die vollständigen 365 Tage vor Rekrutierung mit den 365 Tagen nach Rekrutierung verglichen, sondern jeweils nur ein „sicheres“ 180-Tage-Assessment-Intervall.

Da sich die kleinere Stichprobe (AOK und Barmer) a priori im Klassifikationsmerkmal „Krankenversicherung“ vom Rest der Stichprobe unterscheidet, konnte kein Test auf Repräsentativität dieser Stichprobe durchgeführt werden. Es wurde aber untersucht, ob sich die AOK- und Barmer-Patienten hinsichtlich personengebundener und/oder studienrelevanter Variablen, wie Alter, Geschlecht und Asthma-Schweregrad, vom Restkollektiv unterschieden.

Um die Effekte der Pharmazeutischen Betreuung messen beziehungsweise erzielte Effekte gegen generelle zeitliche Effekte (säkulare Trends) abgrenzen zu können, ist es aus methodischer Sicht wünschenswert, zusätzlich zur Interventionsgruppe eine Kontrollgruppe von Apotheken und Asthma-Patienten zur Verfügung zu haben. In diesem Zusammenhang wurde insofern methodisches Neuland betreten, als dass erstmals eine Sekundärdaten-Kontrollgruppe aus der Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen gebildet wurde. Diese Datenbasis ist als Zufallsstichprobe aus Versicherten der AOK Hessen angelegt und folgt von ihrer konzeptionellen Ausgestaltung einem Methodenforschungsprojekt „Versichertenstichprobe aus der Gesetzlichen Krankenversicherung“ (4, 11). Jedem Studienpatienten wurden 10 Asthma-Patienten der Kontrollgruppe als Vergleichs-Partner gegenübergestellt, so dass die Kontrollgruppe insgesamt 550 Patienten (im Vergleich zu 55 Patienten in der Interventionsgruppe) umfasste. Die Kriterien, nach denen die Auswahl der Matching-Partner erfolgte, sind dem folgenden Kasten zu entnehmen. Die Daten der betreuten AOK Rheinland-Pfalz- und Barmer-Patienten wurden mit der Kontrollgruppe über den oben beschriebenen Zeitraum verglichen.

 

Matching-Kriterien
  • identisches Geschlecht
  • Altersdifferenz ± 5 Jahre
  • Datum des Rekrutierungszeitraums des Matchpartners in der Studiengruppe
  • gleiche Verordnungsmenge an Anti-Asthmatika (ATC: R03 nach Tagesdosen) im Untersuchungszeitraum

 

Ergebnisse

Klinische und patientennahe Outcomes

Die Auswertung der patientennahen und klinischen Daten erfolgte mit SAS® Version 8.2, proc mixed model. Es wurde untersucht, ob sich die Mittelwerte der untersuchten Variablen (Lebensqualität, Wissen, Lungenfunktion et cetera) über die Zeit signifikant verändern und in welchem zeitlichen Verlaufsmuster und unter welchen kontextuellen Einflüssen Unterschiede auftreten (Interaktion zwischen Geschlecht und Zeit, das heißt, geschlechtsspezifische Effekte über die Zeit). Im Folgenden werden ausschließlich die Ergebnisse im Zeitverlauf dargestellt (Tabelle).

 

Tabelle: Ergebnisse (Mittelwerte) im Zeitverlauf

  t1t2t3p (global) Asthma-Schweregrad (1-4) 1,99 1,74 1,71 0,0018 Grad der Atemnot (0-4) 2,24 2,03 1,98 0,0496 FEV1 (l) 2,83 2,88 2,89 0,484 Vitalkapazität (VK) (l) 3,77 3,84 3,76 0,2558 Tiffeneau (FEV1/VK) (%) 75,66 75,61 76,19 0,4858 Peak-flow-Wert (l/min) 402,87 436,59 433,35 0,0005 Symptome (0-3) 3,13 2,23 2,47 0,0003 Wissen (FB) 18,86 23,41 24,15 < 0,0001 FLA (FB) 44,44 48,28 49,82 < 0,0001 Selbstwirksamkeit (FB) 45,84 52,27 54,28 < 0,0001 Compliance (Morisky-FB) 6,66 7,12 7,14 < 0,0001 Inhalationstechnik (DA) (max. 7 Pkt.) 5,23 6,39 6,55 < 0,0001 Inhalationstechnik (PI) (max. 7 Pkt.) 5,45 6,57 6,51 < 0,0001

FB= Fragebogen; DA= Dosieraerosol (± Spacer); PI= Pulverinhalator; FLA= Fragebogen zur Lebensqualität bei Asthma

 

Insgesamt ist zu erkennen, dass unter den beim Arzt gemessenen objektiven medizinischen Parametern (Asthma-Schweregrad, Grad der Atemnot, FEV1, VK) die geringsten positiven Veränderungen zu verzeichnen sind. Allein der vom Arzt bestimmte Asthma-Schweregrad weist eine konsistente signifikante Abnahme von t1 zu t2 auf, der bei t3 stabil bleibt. Demgegenüber zeigen die Veränderungen in der subjektiven Symptomatik, der krankheitsspezifischen Lebensqualität und der in der Apotheke gemessenen Peak-flow-Werte statistisch und klinisch signifikante Verbesserungen über die Zeit.

Auch die erhobenen Kompetenz- und Einstellungsparameter zeigen ausnahmslos eine signifikante Verbesserung: Vor allem die bei der Pharmazeutischen Betreuung im Mittelpunkt stehende Arzneimittelanwendung (Handhabung und Inhalationstechnik) verbessert sich deutlich und anhaltend. Ähnliches gilt für das krankheitsspezifische Wissen. Aber auch die zentralen Einstellungsparameter Selbstwirksamkeit und Compliance weisen einen kontinuierlich signifikant positiven Veränderungseffekt auf.

Die durch die vorgegebenen Beratungsgespräche (Interventionen) im ersten Halbjahr erzielten Ergebnisse blieben im zweiten Halbjahr erhalten beziehungsweise zeigen sogar Tendenzen einer weiteren Verbesserung. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Pharmazeutische Betreuung von Asthma-Patienten relativ geringe Effekte auf die physiologischen Kennwerte der Lungenfunktion zeigt, sich aber sehr positiv auf die patientennäheren Outcomes, wie krankheitsspezifische Lebensqualität, krankheitsspezifisches Wissen, Compliance und Selbstmanagement auswirkt.

Gesundheitsökonomische und versorgungsrelevante Outcomes

Zur Evaluation der gesundheitsökonomischen und versorgungsrelevanten Faktoren wurde nicht die gesamte Stichprobe (183 Patienten) sondern nur das Kollektiv der teilnehmenden Versicherten der AOK Rheinland-Pfalz und der Barmer Ersatzkasse untersucht (55 Patienten). Diese unterschieden sich hinsichtlich personengebundener und/oder studienrelevanter Variablen, wie Geschlecht und Asthma-Schweregrad, nicht vom Restkollektiv.

Der Vergleich der beiden Assessment-Intervalle der AOK-Rheinland-Pfalz/Barmer-Stichprobe retro- und prospektiv zum Studienstart im Vergleich zur gematchten Sekundärdaten-Kontrollgruppe aus der Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen ergab folgende Ergebnisse:

a) Arzneimittel

Die Ergebnisse sind in der folgenden Tabelle und Abbildung 2 in der Druckausgabe dargestellt. Bezogen auf die Behandlungsprävalenz ist bei den kurzwirkenden inhalativen ß-Sympathomimetika in der Interventionsgruppe ein Rückgang von 9 Prozent, bei den Matched Pairs der Kontrollgruppe von 6 Prozent zu beobachten. Überproportional nahm der Anteil der mit langwirkenden inhalativen b-Sympathomimetika behandelten Asthma-Patienten in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe zu (I: 36 Prozent, K: 4 Prozent). Entsprechend stieg die Behandlungsprävalenz bei den inhalativen Glukokortikoiden in der Interventionsgruppe noch von 73 Prozent auf 93 Prozent, in der Kontrollgruppe nahm sie im Vergleichszeitraum um 5 Prozent ab. Der Anteil der Theophyllinempfänger ging in der Interventionsgruppe um 13 Prozent zurück, bei den Kontrollen blieb er mit 39 Prozent stabil.

 

Tabelle: Veränderung Arzneimittelempfänger

 Interventionsgruppe (I)
nI = 55
Kontrollgruppe (K)
nK = 550
   Substanzklasse 180 Tagevor 180 Tagenach 180 Tagevor 180 Tagenach Veränderung I (%) Veränderung K (%) Kurzwirkende β-Sympathomimetika inhalativ 78 71 74 69 -9 -6 Langwirkende β-Sympathomimetika inhalativ 51 69 43 44 36 4 Inhalative Glukokortikoide 73 93 63 60 28 -5 Inhalative Anticholinergika 27 27 25 22 0 -10 Theophyllin 42 36 39 39 -13 0 Antileukotriene 9 11 4 4 20 0 β-Symathomimetika oral 9 9 10 8 0 -20 Glukokortikoide oral 35 24 24 23 -32 -3

 

b) AU- und Krankenhaustage

Im Vorjahr der Studie wurden 15 Prozent (8 von 55) der Patienten in der Interventionsgruppe und 9,5 Prozent (52 von 550) der Patienten in der Kontrollgruppe eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) wegen Asthma ausgestellt. Im Jahr nach Rekrutierungsbeginn waren es zwei Patienten (3,6 Prozent) in der Interventionsgruppe und 32 (7,8 Prozent) in der Kontrollgruppe. Die mittlere Anzahl an AU-Tagen pro Patient hat sich in der Interventionsgruppe nicht verändert (in beiden Zeiträumen 13 AU-Tage/Patient), in der Kontrollgruppe ist ein leichter Anstieg von 21,1 auf 23,6 AU-Tagen/Patient zu erkennen. Diese Zahlen müssen rein deskriptiv verstanden werden, da auf Grund der niedrigen Anzahl an Patienten eine kausale Ableitung nicht möglich ist.

Es ergab sich keine Veränderung hinsichtlich asthmabedingter Krankenhausaufenthalte, da die Patienten der Interventionsgruppe im KV-Bezirk Trier weder vor noch nach Rekrutierung auf Grund ihrer Asthmaerkrankung im Krankenhaus waren.

Diskussion

Da die Wirksamkeit der Pharmazeutischen Betreuung von Asthma-Patienten bereits in der Hamburger Asthma-Studie belegt werden konnte, wurde für das vorliegende Projekt ein einfacheres Prä-Post-Design mit Messwiederholung gewählt. Dies kann, trotz der mit diesem Design verbundenen Einschränkungen der Aussagekraft für den Effektivitätsaspekt, insofern als angemessen gelten, als ein Fokus der Untersuchung auf die Verbesserung der Versorgungsqualität und auf gesundheitsökonomische Aspekte gelegt wurde.

Erwartungsgemäß fallen die statistisch messbaren Veränderungen der klinischen Parameter aus mehreren Gründen eher schwach aus. Zum einen unterliegen medizinische Messgrößen einer ausgeprägten natürlichen Schwankungsbreite, die eine valide Messung von Veränderungen über die Zeit, insbesondere bei multizentrisch und nicht validierten Untersuchungen, erschwert. Zum anderen sind bei Beratungsinterventionen generell eher geringe klinische Effekte zu erwarten, die sich nicht unmittelbar in einer Verbesserung der Lungenfunktion niederschlagen müssen, aber trotzdem eine spürbare Erleichterung für die Patienten bewirken. Dies zeigte sich auch in vorangegangenen deutschen und europäischen Untersuchungen (1, 2, 3, 8, 12). Insofern ist gerade die statistisch signifikante Verbesserung des Asthma-Schweregrades als überraschend klarer Erfolg der Zusammenarbeit zwischen Apotheker, Arzt und Patient zu werten. Zudem weisen die Ergebnisse aller übrigen Messgrößen einen Verbesserungstrend auf, der zwar nicht signifikant ist, aber eindeutig und gleichsinnig verläuft. Auch die signifikante und anhaltende Verbesserung der Peak-flow-Werte spiegelt eine Verbesserung der Lungenfunktion wider, die auf die Pharmazeutische Betreuung zurückgeführt werden kann.

Die erhobenen patientennahen Parameter zeigen ausnahmslos eine signifikante Verbesserung. Vor allem die Arzneimittelanwendung (Inhalationstechnik) verbesserte sich drastisch und nachhaltig. Ähnliches gilt für das krankheitsspezifische Wissen. Aber auch die zentralen Einstellungsparameter Selbstwirksamkeit, Lebensqualität und Compliance weisen einen kontinuierlichen signifikanten positiven Veränderungseffekt auf. Demnach wirkt sich das Betreuungsangebot sowohl auf die Einstellung der Patienten zu ihrer Erkrankung als auch auf ihr Selbstmanagement positiv aus.

Ein immer wieder auftretendes Problem ist der Selektions-Bias, der auf der freiwilligen Teilnahme der Patienten beruht. Es ist bekannt, dass häufig schwer kranke Patienten, die stark von intensiven Beratungs- und Betreuungsprogrammen profitieren würden, nicht daran teilnehmen. Dies betrifft nicht nur Studien zur Pharmazeutischen Betreuung, sondern auch die seitens der Krankenkassen angebotenen Disease-Management-Programme und ärztlichen Schulungsmaßnahmen.

Auch für die vorliegende Studie haben sich vorwiegend Patienten mit geringerem Schweregrad (Mittelwert t1:1,99 ± 0,88) gemeldet. Problematisch ist dies für die Analyse der gesundheitsökonomischen und versorgungsrelevanten Parameter, insbesondere der asthmabedingten Krankenhaustage, da diese eher bei höheren Schweregraden ins Gewicht fallen. Dies sollte für zukünftige Interventionen, zum Beispiel im Rahmen von Disease-Management-Programmen oder Programmen zur integrierten Versorgung, berücksichtigt werden, indem zum Beispiel Patienten mit der Krankenhausentlassungsdiagnose „Asthma“ (ICD J45) – möglichst unmittelbar nach der Entlassung – in die Pharmazeutische Betreuung aufgenommen werden.

Hinsichtlich der Qualität der Arzneimittelversorgung kann als besonders erfreulich angesehen werden, dass eine Reihe von Patienten der Interventionsgruppe, die bei Eintritt in das Projekt langwirkende b2-Sympathomimetika und inhalative Glukokortikoide benötigt hätten, diese aber nicht erhielten, im Laufe des Projekts auf diese Arzneimittel eingestellt wurden. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigt sich somit ein deutlicher Trend zu einer leitliniengerechteren Therapie, der über den generellen zeitlichen Trend hinaus geht und somit als Erfolg verbucht werden kann.

Schlussfolgerungen

Insgesamt belegen die Daten erneut, dass die Pharmazeutische Betreuung von Asthma-Patienten mit einer Verbesserung der Lebensqualität und des Gesundheitszustandes verbunden ist (1, 2, 3, 8, 12). Darüber hinaus lassen sich die Selbstmanagementkompetenzen und -fähigkeiten und relevante Einstellungsfaktoren der Patienten substanziell verbessern. Auch die Änderung versorgungsrelevanter Parameter kann insgesamt als Erfolg gewertet werden, zumal erstmalig bei einer Studie zur Pharmazeutischen Betreuung eine offizielle Kooperation mit der institutionalisierten Ärzteschaft erreicht wurde und erstmalig Krankenkassen Daten zur Verfügung gestellt haben.

Obgleich die Analyse der GKV-Daten auf Grund der geringen Schweregrade und der Fallzahl an ihre Grenzen stößt und eine Kostenbewertung nicht möglich ist, lassen zumindest die Veränderungen in den Arzneimittelverordnungen die Vermutung zu, dass die medikamentöse Versorgungsqualität durch die intensive Zusammenarbeit zwischen Apotheker, Arzt und Patient verbessert werden konnte.

Folglich ergänzt die Pharmazeutische Betreuung ideal die punktuellen ärztlichen Schulungsmaßnahmen und stellt somit eine effektive Dauerbetreuung für Asthma-Patienten dar. Gerade im Kontext der Disease-Management-Programme Asthma/COPD und der Vereinbarungen zur Integrierten Versorgung sollten die Krankenkassen die Möglichkeit nutzten, ihren Versicherten diesen Service anzubieten.

 

Danksagung: Wir danken allen beteiligten Patienten, Apothekern und Ärzten für die Teilnahme an diesem Projekt. Insbesondere möchten wir Dr. Hartmut Schmall (Präsident der LAK Rheinland-Pfalz), Dr. Carl-Heinz Müller (Vorsitzender der KV Trier), Professor Dr. Bernd Krönig (Bezirksärztekammer Trier), Walter Bockemühl (Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland-Pfalz), Klaus Richter (Mitglied des Vorstandes der BARMER Ersatzkasse), Silke Klein (AOK Rheinland-Pfalz), Dr. Jürgen Tiburzy (Barmer Ersatzkasse) und unserer Monitorin-Apothekerin Elisabeth Bläsius-Hilgers für ihr großes Engagement und dem Beirat der Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen für die Möglichkeit der Datennutzung herzlich danken.

 

Literatur

  1. Cordina, M., McElnay, J.C., Hughes, C.M., Assessment of a community pharmacy-based program for patients with asthma. Pharmacotherapy. 21, 10 (2001) 1196-1203.
  2. Herborg, H., et al., Improving drug therapy for patients with asthma - part 1: Patients outcomes. J. Am. Pharm. Assoc. 41, 4 (2001) 539-550.
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  4. Ihle, P. et al.: GKV-Versichertenstichprobe. Wirtschaft und Statistik 9 (1999) 742-749.
  5. Konietzko N., Fabel H. (Hrsg.). Weißbuch Lunge. Georg Thieme Verlag. Stuttgart, New York 2000.
  6. Mülbauer K., Schulz M. et al.: Manuale zur Pharmazeutischen Betreuung. Band 2: Asthma. 3. Auflage. Govi-Verlag, Eschborn 2004.
  7. Mühlig, S., Schulz, M., Pharmaceutical Care: Asthmaschulung durch Apotheker. Eine neue Form der Patientenbetreuung durch den Apotheker. In: Walter, U., Drupp, M., Schwartz, F.W. (Hrsg.): Prävention durch Krankenkassen. Juventa Verlag, Weinheim 2002, S. 296-305.
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  10. Petermann F., Bergmann K.-C. (Hrsg.): Lebensqualität und Asthma. Quintessenz, München. 1994.
  11. PMV forschungsgruppe: Zur Versichertenstichprobe AOK Hessen / KV Hessen siehe auch www.pmvforschungsgruppe.de.
  12. Schulz, M., et al., Pharmaceutical care services for asthma patients. A controlled intervention study. J. Clin. Pharmacol. 41, 6 (2001) 668-676.

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Für die Verfasser:
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