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Forschung an alten Wirkstoffen schützen

24.11.2003
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Forschung an alten Wirkstoffen schützen

von Conny Becker, Frankfurt am Main

Auch lang bekannte Arzneistoffe bergen neue Einsatzmöglichkeiten, wie die Anwendung des Analgetikums Acetylsalicylsäure zur Herzinfarktprophylaxe zeigt. Dennoch gilt für eine Zulassungserweiterung bei alten Substanzen kein neuer Patentschutz, was diese klinische Forschung finanziell unattraktiv macht.

Wie kann man neue Erkenntnisse aus der Arzneimittelforschung bei Stoffen, deren Patentschutz bereits abgelaufen ist, wirkungsvoll schützen? Dies war die zentrale Frage im 8. Socratec-Gespräch, zu dem Professor Dr. Henning Blume ins Biozentrum der Universität Frankfurt eingeladen hatte. Für Firmen, die an bekannten Wirkstoffen forschen, sei der Weg zu neuen Indikationen aufwendig, sagte Dr. Rainer Brandau, Geschäftsführer der Firma Desitin in Hamburg, und stellte klar, dass therapeutischer Fortschritt nicht nur mit neuen Molekülen und Wirkmechanismen zu erreichen sei.

Ziel sei es vielmehr, Therapiemöglichkeiten zu erweitern und zu optimieren sowie vorhandene Lücken zu schließen – und dies sei auch mit schon bestehenden Arzneistoffen möglich. So existiert etwa für das Antiepileptikum Carbamazepin seit kurzem auch die Indikation zur Prophylaxe manisch-depressiver Phasen, wenn die Lithium-Therapie versagt oder kontraindiziert ist.

Die neuen Indikationen erfordern zum Teil andere Wirkstoffmengen, Applikationswege oder eine neue Arzneiform, wie das Beispiel Lamotrigen zeigt: Die als Psychopharmakon bekannte Substanz befindet sich derzeit in klinischen Prüfungen zum Einsatz bei Status epilepticus und Fieberkrämpfen bei Kindern, wobei sie jedoch nicht mehr peroral, sondern nasal appliziert wird, berichtete Brandau. Dabei ist der nachfolgende klinische Nachweis der neuen Indikation sehr kostenintensiv, und daher forderte der Referent, diesen Forschungs- und Entwicklungsaufwand zu honorieren. Seiner Ansicht nach darf es für Innovationen bei einem schon als Generikum auf dem Markt befindlichen Arzneistoff kein Aut idem für die neue Indikation geben, da dies die pharmazeutische Forschung an bekannten Arzneimitteln bald zum Erliegen bringen würde.

Ähnliche Befürchtungen äußerte Professor Dr. Walter E. Müller, Universität Frankfurt am Main, in Bezug auf Phytopharmaka. Kostenintensive klinische Forschung werde nur von wenigen Unternehmen geleistet, dennoch nähmen sämtliche Firmen, die einen ähnlichen Extrakt auf dem Markt haben, Studienerfolge für das eigene Präparat in Anspruch. „Phytopharmaka kann man jedoch nicht über einen Kamm scheren“, so der Pharmakologe. Es gebe so viele Trittbrettfahrer, da „der Gesetzgeber hier sehr großzügig nach unten hin war“. Bei pflanzlichen Arzneimitteln gehe es nicht nur um einen Wirksamkeitsnachweis für eine bestimmte Droge, sondern immer auch um den jeweiligen Extrakt. Daher müssten Präparate, für die keine Studien vorliegen, nachbewertet und Wirksamkeitsnachweise produktspezifisch gesehen werden. Hierdurch würde jedoch ein Großteil der Präparate wegfallen.

Innovation ohne Patent

Einen konkreten Lösungsweg konnte auch Dr. Axel Sander aus Frankfurt nicht liefern. So seien in Deutschland in der Regel lediglich neue Arzneistoffe patentrechtlich geschützt. Auch in der Novellierung des EU-Rechtes ist nur vorgesehen, Innovationen bei Arzneimitteln zu schützen, deren Patent noch besteht. Meldet eine pharmazeutische Firma künftig innerhalb der ersten acht Jahre nach Zulassung einen Antrag für eine weitere signifikant innovative Indikation an, so wird sich der Patentschutz von zehn auf elf Jahre erhöhen. Innovative Indikationen bei alten Substanzen werden in dem Entwurf jedoch nicht bedacht, so der Rechtsanwalt.

Glück haben in Deutschland nur solche Altwirkstoffe, die noch vor 1976 zugelassen wurden und nachfolgend eine fiktive Zulassung besaßen. Erst mit der Neuordnung des Arzneimittelrechts waren neue Präparate zehn Jahre geschützt und fielen unter die automatische Verschreibungspflicht, was als Grund gilt, keinen weiteren Schutz zu gewähren.

So konnte etwa Memantine, das ehemals gegen Spastiken eingesetzt wurde, einen Patentschutz für die neue Indikation Alzheimer erlangen und somit den erheblichen finanziellen Aufwand von rund 50 Millionen Euro leisten, erklärte Professor Dr. Dr. Ernst Mutschler, Frankfurt. Ohne diese Unterstützung, hätte die neue Indikation für Memantine vielleicht gar nicht erschlossen werden können, vermutete der Pharmakologe.

In den angeregten Diskussionen waren sich die Vertreter aus Industrie, Hochschule und Fachverbänden darin einig, dass Forschung an alten Arzneistoffen schützenswert sei, da diese als lang erprobte Substanzen den Patienten dienten. So sind etwa Nebenwirkungen hier besser abschätzbar.

Solange der Schutz jedoch nicht gesetzlich geregelt ist, könne sich eine Firma nur mit einer für die neue Indikation geänderten Formulierung eine relative Marktexklusivität sichern, wie das Beispiel des Retardpräparates Venostasin® zeige. Ist die Arzneiform nämlich gleich oder sehr ähnlich, darf der behandelnde Arzt in eigener Verantwortung ein günstigeres Generikum, das für die neue Indikation nicht zugelassen ist, off-label verschreiben. Die Krankenkassen werden sich daran vermutlich nicht stören, müssen sie doch weniger erstatten. Wichtig für den Apotheker sei es jedoch zu wissen, dass er ein verschriebenes Originalpräparat nicht nach Aut idem austauschen darf, wenn das Generikum keine entsprechende Zulassung besitzt.

Forschungswüste Deutschland

Damit in Deutschland, das ehemals als „Apotheke der Welt“ galt, die Forschung nicht gegen Null geht, müssen die Bedingungen verbessert werden. Laut Professor Dr. Hans-R. Vogel vom Pharmazeutischen Institut der Universität Mainz habe Deutschland als Forschungsstandort bereits entscheidend verloren. Komplexe Rahmenbedingungen behinderten Innovationen hier zu Lande, trotz gegenteiliger Erklärungen der zuständigen Politiker. „Viele Firmen können nicht mehr seriös investieren“, resümierte Vogel. Dies ermögliche eine US-Dominanz.

In den Vereinigten Staaten besteht nämlich ein forschungsfreundlicheres Modell, das auch für längst zugelassene Arzneimittel einen Schutz bei Indikationserweiterung bereithält. Nach neuen klinischen Studien für eine Zulassungserweiterung ist hier die Marktexklusivität drei Jahre lang geschützt – eine Regelung, die in Europa noch entdeckt werden muss. Top

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