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Profitieren Sportler von Kreatin-Substitution?

06.10.2003
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Profitieren Sportler von Kreatin-Substitution?

von Tobias Hückel, Dresden

Kreatin wird im Internet und in Fitnessstudios als „Super-Energielieferant“, „Energy-Supplement“ und Mittel zum „Energie- und Muskelaufbau“ vermarktet. Auch in der Apotheke wird nach Kreatin gefragt. Welche Wirkungen sind bewiesen und was ist bei der Anwendung zu beachten?

Kreatin ist eine körpereigene Substanz, die im Körper aus den Aminosäuren Arginin, Glycin und Methionin gebildet (täglich etwa 2 g) oder über die Nahrung aufgenommen wird (Fleisch enthält circa 5 g/kg, Fisch 2 bis 10 g/kg). So entsprechen 5 g Kreatin dem Gehalt von circa 1,1 kg rohem Rindfleisch (1). Der physiologische tägliche Bedarf beträgt 2 bis 4 g pro Tag.

Das biochemische System Kreatin/Kreatinphosphat ist zugleich Energiespeicher und -lieferant in der Zelle. Durch die Übertragung der Phosphatgruppe ermöglicht es eine schnelle Regeneration von Adenosintriphosphat (ATP) im Muskel, was für kurzzeitige intensive Belastungen sehr wichtig ist. Nach 30 Sekunden sind die Kreatinphosphat-Reserven verbraucht. Sie sind zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr nötig, da nun die anaerobe, später aerobe Glykolyse einsetzt und ihrerseits die Energiebereitstellung gewährleistet (2). Die hierdurch bereitgestellte chemische Energie steht für vielfältige Aufgaben zur Verfügung, wie Kontraktion von Skelett- und Herzmuskeln oder die Aufrechterhaltung des internen Zellmilieus durch energetische Versorgung von Ionenpumpen.

Sinnvoll nur bei anaerober Belastung

Seit etwa zwölf Jahren wird im Leistungssport die Supplementierung von Kreatin zur Leistungssteigerung diskutiert und in umfangreichen Studien getestet (3, 4). Dabei konnte festgestellt werden, dass sich durch mehrtägige Zufuhr definierter Kreatinmengen die Konzentration im Plasma und Muskel erhöht. Ein Anstieg des muskulären Kreatingehaltes um 15 bis 25 Prozent verbessert nachweislich die Kraftausdauer und Intervallleistungsfähigkeit. Dies ist für Sportarten wie Sprint- und Sprungdisziplinen, Kraftsport, Schwimmen, Radsport durchaus von Bedeutung. Das gilt jedoch nur für kurzzeitige, maximale anaerobe Belastungen – vor allem bei schneller Wiederholungsfrequenz. Eine Verbesserung der aeroben Belastbarkeit oder Ausdauerleistungsfähigkeit wurde bisher in keiner Untersuchung nachgewiesen (5), ebenso wenig wie ein positiver Effekt bei Patienten mit rheumatoider Arthritis, die einen erniedrigten Kreatinkinasespiegel aufweisen.

2001 revidierte das BgVV (jetzt Bundesinstitut für Risikobewertung) – mit Blick auf eine neue gesundheitliche Bewertung der Kreatinaufnahme durch das Scientific Committee on Food der Europäischen Kommission (SCF) – sein Dosierungsschema und empfiehlt jetzt generell keine Einstiegsdosis von 20 g mehr. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass bis zu 3 g Kreatin pro Tag als risikolos anzusehen sind (6).

Obwohl bisher keine schwer wiegenden Nebenwirkungen bekannt sind, kann eine generelle Unbedenklichkeit nicht bescheinigt werden. So liegen bisher keine Daten darüber vor, wie sich eine Supplementierung auf Herz, Gehirn oder Hoden, in denen Kreatin ebenfalls physiologisch nachweisbar ist, auswirkt. Bei hohen „Loading-Dosen“ um 20 g/Tag muss mit Durchfall, Erbrechen und/oder Kopfschmerzen gerechnet werden (5). Weitere Nebenwirkungen sind eine sinkende endogene Kreatin-Synthese, steigendes Körpergewicht durch Wassereinlagerungen, reduzierte intrazelluläre Verfügbarkeit von Magnesium sowie muskuläre Hypertonisierungen, was zu erhöhter Krampfanfälligkeit führen kann (7). Hohe Kreatindosen können außerdem die Absorption von Wasser verzögern, so dass auf Grund der Dehydratationsgefahr eine Kreatinzufuhr vor einem Wettkampf bei großer Hitze nicht ratsam ist (5).

Supplementierung belastest Nieren

Kontraindiziert ist Kreatin für Nierenkranke und Diabetiker, da höhere Konzentrationen im Harn von Konsumenten darauf hindeuten, dass die Nieren stärker belastet werden. Bei Nierengesunden, die eine kurzfristige Supplementierung gut zu tolerieren scheinen, steht die Untersuchung von längerfristigen Nebeneffekten noch aus. Da viele junge Erwachsene neben Kreatin auch erhebliche Mengen an Eiweißpräparaten zum vermeintlichen Muskelaufbau einnehmen, sind die Nieren durch die hohe Proteinfracht ohnehin bereits stark belastet (2).

Kreatinhaltige Nahrungsergänzungsmittel stehen nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen des Internationalen Olympischen Komitees (8). In der Vergangenheit mussten jedoch einige Präparate aus dem Verkehr gezogen werden, die mit anabolen Steroiden „verunreinigt“ waren und zu unerwarteten Dopingfällen geführt haben (7). Gefunden wurden auch Verunreinigungen mit Dicyandiamid, Dihydrotriazin und Kreatinin, die aus einem unvollständigen oder ineffizienten Herstellungsprozess herrühren. Diese werden für Durchfälle und weitere unerwünschte Nebenwirkungen verantwortlich gemacht.

Fazit

Die hochdosierte orale Kreatinzufuhr – in den publizierten Studien viermal 5 g/Tag über fünf Tage – kann eine individuell unterschiedliche Zunahme des Kreatingehalts in der Muskulatur bewirken. Etwa 20 Prozent des in die Muskelzellen aufgenommenen Kreatins sind als Kreatinphosphat messbar. Nicht aufgenommenes Kreatin wird über die Nieren ausgeschieden. Der ATP-Gehalt der Muskulatur bleibt unverändert.

Eine kurzfristige, hochdosierte Kreatineinnahme bewirkt jedoch nicht bei allen Menschen eine signifikante Erhöhung des Gehaltes in der Muskulatur sowie eine Steigerung der Resyntheserate von Kreatinphosphat in der Erholungsphase nach intensiver Muskelarbeit. Offensichtlich profitieren nur diejenigen von einer oralen Supplementierung, deren Muskulatur noch nicht mit Kreatin „gesättigt“ ist. Ein anaboler Effekt für Kreatin konnte nach der derzeitigen Datenlage bisher nicht nachgewiesen werden. Entscheidend für die Leistungsfähigkeit der Muskulatur ist nicht die Höhe des Kreatingehalts, sondern die des Gehalts an Kreatinphosphat. Dieser kann durch Erhöhung der Speicherkapazität (Krafttraining) in bestimmten Grenzen erhöht werden (1).

Nach heutigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand kann eine Kreatinzufuhr nur bei maximalen anaeroben Kurzzeitbelastungen vor allem bei rascher Wiederholungsfrequenz (schnelle Rephosphorylierung von ADP durch Kreatinphosphat) die Leistungsfähigkeit beeinflussen. Im Ausdauerbereich sind auch bei hoher Zufuhrmenge keine oder gegenteilige Effekte zu erwarten. Dass einige Ausdauersportler sich nach der Einnahme eher schlapp als fit fühlen, kann darauf beruhen, dass das Transportsystem für Kreatin gleichzeitig Natrium in die Zellen befördert, wodurch im Endeffekt vermehrt Wasser einlagert wird (9).

Literatur

  1. gin.uibk.ac.at/thema/sporternaehrung/kreatin.html
  2. Fit oder fett durch Kreatin?, Eu.l.e.n-Spiegel, 8. Jg., Nr. 1 (2002) 8
  3. DGE-Arbeitskreis „Sport und Ernährung“, DGE-Info 12 (1999) 117
  4. König, D., Berg, A., Kreatin – harmloses Lebensmittel oder Dopingsubstanz mit Nebenwirkungen?, Ernährungs-Umschau 6 (2000) 23
  5. DGE-Beratungsstandards, 6. Kreatin in der Sporternährung
  6. Mitteilung des BgVV vom 12. Juli 2001 zur Einstufung kreatinhaltiger Produkte als Lebensmittel
  7. Dtsch. Apoth. Ztg. 48 (2001) 51
  8. www.dshs-koeln.de/biochemie/rubriken/07_info/ioc_list_03.pdf
  9. Mertschenk, B., et al Gesundheitliche Bewertung von Kreatin als Nahrungsergänzungsmittel, Deutsche Lebensmittel-Rundschau 97 (2001) 250
     

Anschrift des Verfassers
Tobias Hückel
Geschäftsstelle der Sächsischen Landesapothekerkammer
Pillnitzer Landstraße 10
01326 Dresden
t.hueckel@SLAK.de
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