Pharmazeutische Zeitung online

Natürliche Tränen nachahmen

03.10.2005  00:00 Uhr

Natürliche Tränen nachahmen

von Conny Becker, Berlin

Für trockene und müde Augen stehen seit rund zwei Wochen neue Präparate zur Verfügung. Ihr Inhaltsstoff, ein Polysaccharid aus dem Tamarindensamen, gleicht dem natürlichen Muzin des Tränenfilms und zeigte sich in Studien der Hyaluronsäure überlegen.

Computerarbeit, übermäßige Lektüre, trockene und zirkulierende Luft aus Klimaanlagen oder Zigarettenrauch ­ alltägliche Faktoren, die zu müden, trockenen Augen führen können. »Je nach Studie leiden 5,2 bis 63\ Prozent der Bevölkerung an diesem Krankheitsbild«, sagte Professor Dr. Manfred R. Tetz von der Augentagesklinik Spreebogen in Berlin auf einer Presskonferenz von Pfizer Consumer Healthcare. Von einer mangelhaften Benetzung der Binde- und Hornhaut (Keratokonjunktivitis sicca, KCS) sind häufiger Frauen als Männer betroffen und dabei vor allem Über-50-Jährige, da im Alter die Tränenproduktion abnimmt. Ursachen können auch Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, Polyarthitis, das Sjögren-Syndrom und ein Lupus erythematodes sein oder auch die Einnahme von oralen Kontrazeptiva, Schlaf- oder Beruhigungsmitteln, so der Augenarzt. Häufig führt eine chronische bakterielle Lidrandentzündung zu trockenen Augen.

Der die Horn- und Bindehaut feuchthaltende Tränenfilm ist in drei Schichten aufgebaut: Die erste besteht aus Schleimstoffen, den Muzinen. Diese Glykoproteine halten über verzweigte Zuckerreste Wasser fest. Darauf folgt die wässrige Schicht, die den größten Anteil der Tränenflüssigkeit ausmacht und schließlich von einem dünnen Film aus Lipiden abgedeckt wird, die die Oberflächenspannung des Tränenfilms herabsetzt und vor Verdunstung schützt. Sezerniert werden die Lipide aus Drüsenschläuchen im Lidrand. »Bei drei Viertel der Patienten liegt eine Störung in der Fettschicht vor«, sagte Tetz.

Künstliche Tränen mit neuem Stoff

Kann die Ursache für trockene Augen nicht gefunden oder beseitigt werden, wird symptomatisch therapiert. Neben Allgemeinmaßnahmen wie häufigem Lüften, Luftbefeuchten, Meiden von Gebläse und Klimaanlagen, ausreichend Schlaf und Verzicht auf Zigaretten ist die Verwendung von künstlicher Augenflüssigkeit Mittel der Wahl. Idealerweise ahmt das Tränenersatzmittel alle drei Schichten des Tränenfilms nach, so Tetz. Daher enthalte Visine® Trockene Augen neben den Filmbildnern Carbomer und Povidon auch mittelkettige Triglyceride, um die Verdunstung zu verringern.

Die eigentlich neue Substanz der Produktserie, das TSP genannte Polysaccharid aus dem Samen des Tamarindenbaums, ist dagegen 0,5-prozentig in Visine® Müde Augen enthalten, die es auch in wiederverschließbaren unkonservierten Tagesdosisbehältnissen gibt, ebenso wie Visine® Intensiv mit 1 Prozent TSP, das für Patienten mit sehr trockenen Augen gedacht ist. Die Benzalkoniumchlorid-freien Präparate sind auch für Kontaktlinsenträger geeignet.

TSP ähnelt in seiner Struktur dem Aufbau des Muzins, das heißt, es besitzt einen hydrophoben Teil, der in das Epithel ragt, und eine Saccharidkette aus β-1,4-D-Glucose, die Xylose und Galactoxylose als Substituenten trägt und daher verzweigt ist.

Auf Grund seiner Struktur hat TSP gute mukoadhesive Eigenschaften, so Professor Dr. Chris Patrick Lohmann, Direktor der Augenklinik rechts der Isar der TU München. Dies bestätigte eine Crossoverstudie mit zwölf KCS-Patienten, die jeweils entweder eine Lösung mit radioaktiv-markierter 0,4-prozentiger Hyaluronsäure oder mit 0,5-, 1- oder 2-prozentigem TSP applizierten. Zwei Stunden nach Auftragen verblieb mit rund 40 Prozent etwa doppelt so viel 1-prozentiges TSP auf der Augenoberfläche wie von der Hyaluronsäure (2-prozentig: 67 Prozent). 0,5-prozentiges TSP zeigte ähnliche Werte wie die Vergleichslösung.

In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 30 KSC-Patienten besserten sich innerhalb von 90 Tagen unter TSP 1-prozentig zudem drei der vier häufigsten Symptome ­ Probleme beim Blinzeln, Augenbrennen, Fremdkörpergefühl ­ signifikant. Verglichen wurde mit 0,2-prozentiger Hyaluronsäure; TSP 0,5-prozentig zeigte sich nur tendenziell besser. Auch Augenschmerzen waren unter TSP 1-prozentig stärker gelindert, jedoch nicht signifikant.

Des Weiteren sei die viskoelastische Eigenschaft der TSP-Formulierungen vorteilhaft, so Lohmann. Denn das tixotrope TSP weist beim offenen Auge die nötige Viskosität auf, verflüssigt sich aber beim Lidschlag. In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen haben zudem einen die Wundheilung beschleunigenden Effekt nachgewiesen, so der Referent. Top

© 2005 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa