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Schlafmachende Schwämme

02.08.1999
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-PharmazieGovi-Verlag

Schlafmachende Schwämme

von Claudia Richter, Würzburg

Die Anwendung von Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmitteln reicht zurück bis in die Zeit der prähistorischen Urvölker. Bereits dort wurden Narkotika und berauschende alkoholische Getränke für Kultzwecke verwendet. Den Gebrauch schmerzstillender Pflanzen kannte Ägyptern, Inder, Perser und Chinesen. Auch die Indianer verwendeten den Tabak als Narkotikum, und die Inkas setzten Coca-Extrakte zur Analgesie ein und um sich zu berauschen.

Die Statue einer Mohngöttin aus Kreta im 13. Jahrhundert v.Chr. ist Zeugnis für die frühe Verwendung der Pflanze. Sie trägt eine Krone aus Schlafmohnkapseln, die bereits senkrechte Einschnitte zur Opiumgewinnung zeigen. Bei den Griechen spielten Schlaf- und Schmerzmittel ebenfalls eine herausragende Rolle. So nennt Gaius Plinius der Ältere (circa 23/24 bis 79 n.Chr.) in seinem Werk "Naturalis Historia" unter anderem den Mandragorawein und unterscheidet das Einsatzgebiet: soll Schlaf erzeugt werden, reicht allein schon das Einatmen des Weins; für eine analgesierende Wirkung wird der Wein als Trank verabreicht. Als Lokalanästhetikum gibt er den Stein von Memphis (eine Paste aus Marmorstaub und Essig, welche auf die Haut aufgestrichen diese unempfindlich gegen Schmerzen machen sollte) sowie die Asche von Krokodilshaut an.

Großen Einfluß auf Antike und Mittelalter übte Galen (129 bis 199 n.Chr.) aus, der in seinem Werk das gesamte medizinische Wissen zusammenfaßte. So warnt er vor dem leichtfertigen Gebrauch narkotischer Mittel, besonders vor den Anodyna aus Opium, Hyoscyamus oder Mandragora, da sie die Körperbeschaffenheit schädigen. Sie sollen nur eingesetzt werden, falls durch Insomnie und Kräfteverfall Todesgefahr bestehe. Denn sie besäßen nicht die Eigenschaft der "wirklichen Schmerzmittel", die die Schmerzursache durch eine Veränderung des Säftegleichgewichts beseitigten.

Nach Galen kühlen die Hypnotika aufgrund ihrer kalten Qualität den Körper ab und betäuben ihn, so daß sie überdosiert zum Tod führen würden. Deshalb soll man die Narkotika eher gering dosieren und erwärmende Stoffe zusetzen, da der Schaden für den Patienten dadurch geringer sei.

In den medizinischen Schriften des Mittelalters wurden die Hypnotika weiter tradiert. Sie kamen in Form von Umschlägen und Pflastern, Ölen und Salben, Räucherungen, Zäpfchen bis hin zu Tränken und Pillen zur Anwendung. Wie Daniel de Moulin und Gundolf Keil auch anhand chronikalisch-narrativer Quellen zeigen konnten, entwickelte die vorsalernitanische Chirurgie im ausgehenden Frühmittelalter die Vollnarkose. Als entsprechende Arzneiformen erscheinen der Schlaf- und der Weckschwamm.

Der Schlafschwamm, lateinisch "spongium somniferum" – häufiger wird der Plural "spongia somnifera" verwendet – ist ein mit Opium-, Alraunen-, Bilsenkraut- und Schierlings-Auszügen getränkter Badeschwamm. Die Herstellung erfolgt durch Vollsaugen des Schwamms mit den alkaloidhaltigen Preßsäften dieser Drogen. Man trocknet den Schwamm an der Sonne oder an einem warmen Ort und erhält so die Aufbewahrungsform des Narkotikums.

Vor der Operation wird der trockene Schwamm in warmes Wasser gelegt, bis er sich vollgesogen hat. Dann legt man ihn über Nase und Mund des Patienten, damit er durch den Schwamm atmen muß. Die Wirkungsweise ist aber wohl weniger eine Inhalationsnarkose mittels der Dämpfe als vielmehr eine Resorptionsnarkose. Die Flüssigkeit wird über Mund-, Nasen- und Rachenschleimhaut resorbiert. Auch kommt eine Teilresorption des verschluckten Narkotikums im Magen in Frage.

Die Applikationsform des Schwammes kann leicht wieder in die Aufbewahrungsform umgewandelt werden. Also durch Sonnen- und Wärmeeinwirkung wird der Schwamm getrocknet, und kann somit häufiger verwendet werden, wobei natürlich die Konzentration der Alkaloide abnimmt.

Das Anwendungsgebiet des Schlafschwammes erstreckt sich auf zwei Gebiete. Zum einen will man einem Kranken, der an Schlaflosigkeit leitet, den nötigen Schlaf verschaffen, zum anderen macht man sich das schlafmachende Prinzip des Schwammes vor einer Operation zu nutze, damit die Schmerzempfindung beim Patienten aufgehoben ist.

Der erste Bestandteil, nämlich das Opium des "schwarzsamigen" Schlafmohns (Papaver somniferum L.) mit einer hohen Wirkstoffkonzentration, wird von Pfalzpaint ausführlich behandelt: Man kann das Opium in der Apotheke erwerben, was daraufhin deutet, daß der tätige Wundarzt zwar die meisten Kräuter vorrätig hatte, es aber auch Ausnahmen wie beim Opium gab. Die Schlafschwämme des Mittelalters enthielten ausnahmslos Opium beziehungsweise einen Mohnextrakt.

Die Anwendung war nicht ungefährlich: Da man die Konzentration an dem alkaloidreichen Preßsaft nur schwer oder gar nicht kontrollieren konnte, erreichte man schnell die Grenzen einer sicheren Schmerzbetäubung. Verabreichte man zu wenig des Extrakts, war eine Vollnarkose mit kompletter Ausschaltung der Schmerzempfindung nicht gewährleistet. Bei zuviel Wirkstoff konnte man den Patienten aus der Bewußtlosigkeit (trotz Austausch des Schlaf- gegen einen Weckschwamm) nicht mehr ins Wachsein zurückholen oder er erlitt bleibende Narkoseschäden.

Besonders letzter Punkt war Ursache, daß man den Schlafschwamm nach massiven Warnungen der Straßburger Wundärzte ab 1500 nicht mehr einsetzte. Weiterer Bestandteil der Spongia somnifera ist das Bilsenkraut, genauer der Saft der frischen Samen und des Krautes. Welche Art des Bilsenkrauts Pfalzpaint verwendet hat, ist nicht eindeutig zu klären. Doch kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, daß er nicht das in der Antike eingesetzte Weiße Bilsenkraut (Hyoscyamus albus L.), sondern eine in den deutschen Landen heimische Art verwendete. Hier ist vor allem an das Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger L.) zu denken.

Der Saft der Alraunenblätter war eine weitere Zutat; daneben wurden der Saft unreifer Maulbeeren sowie "thalm krawth und wurtz" (anscheinend Kraut und Wurzel der Tollkirsche) verwendet. Der "Wutschierling" (butzerling) ist ein Synonym für den Wasserschierling (Cicuta virosa L.). Allerdings kommt auch der Gefleckte Schierling (Conium maculatum L.) in Betracht, da dieser in den südlicheren Ländern zum Einsatz kam. Der Saft von "eppe" ist der Efeu (korrekt: "Eb-heu", "Ep-heu" = Hedera helix L.), der bereits im Altertum als schmerzlindernd galt.

Auch die schlafmachende Wirkung des Gartenlattichs (Lactuca sativa L.) war bekannt. Mit Kellerhalskörnern bezeichnete man die Früchte des Seidelbasts (Daphne mezereum L.). Als Wiederaufwachmittel dienten Baumwollzapfen, also Tamponaden, die mit einer Mischung von gestoßenen Fenchelfrüchten mit Essig und Baumöl (Olivenöl) getränkt und in die Nase appliziert wurden.

Mit dem Schlafschwammrezept beschrieb Pfalzpaints nicht zum ersten Mal inhalative beziehungsweise resorptive Narkose. Diese reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück. Das Schlafschwammrezept des Codex Montecassino stammt aus Süditalien und auf wenige Zutaten begrenzt, wobei man alle Hauptwirkstoffe auch in späteren Rezepten wiederfindet. Herkunftsort ist das Kloster des Hl. Benedikt, das sowohl für die Überlieferung vorsalernitanischer als auch salernitanischer Medizin eine zentrale Rolle spielte.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine kurze Legende über die Operation eines mächtigen Mannes: Kaiser Heinrich II., der bis 1024 über das Heilige Römische Reich herrschte, reiste 1014 zur Krönung nach Italien und wurde von einer schweren Lithiasis befallen. Er pilgerte auf den Mons Cassinensis, um dort durch die Fürsprache des Hl. Benedikt von seinen Schmerzen befreit zu werden. Als er jedoch erfuhr, daß die Gebeine des Heiligen an einem anderen Ort aufbewahrt wurden, kehrte er enttäuscht in das nahe Hospital zum Übernachten zurück. Dort erschien ihm im Schlaf der Hl. Benedikt mit einem Messer in der Hand. Er schnitt den Stein heraus, ließ die Wunde verheilen und legte Heinrich den Stein in die Hand.

Tilmann Riemenschneider hat diese Legende auf dem Grabmal Heinrichs und Kunigundes im Dom zu Bamberg als Flachrelief gestaltet. Im Hintergrund ist ein Becher zu sehen, der möglicherweise das Gefäß für einen Betäubungstrank darstellen sollte.

Weitere Narkoserezepte stammen auch aus dem "Antidotarium Bambergense" (9. Jh.), der "Bamberger Chirurgie" aus Salern sowie dem wichtigen "Antidotarium Nicolai". Der okzitanische Chirurg Guy de Chauliac (Ende des 13. Jh. bis 1368) sowie die beiden deutschen Wundärzte Heinrich von Pfalzpaint und Hans von Gersdorff (circa 1455 bis 1529) bringen in ihren Lehrbüchern ebenfalls modifizierte Schlafschwammrezepte.

Auch der berühmte Schnitt- und Augenarzt Caspar Stromeyer (circa 1518 bis 1567) erinnert sich in seinem herniologischen Geheimbuch noch an den Schlafschwamm, obwohl im 16. Jh. mit ziemlicher Sicherheit keine Narkose dieser Art mehr durchgeführt wurde. Gründe dafür lagen zum einen in der zu ungenauen Dosierung und damit schlechten Steuerbarkeit, die zu Intoxikationen und auch Todesfällen führte.

Weitere Ursache für die Abkehr von Operationsnarkosen war die wieder aufgegriffene Rezeption antiker Autoritäten in der Renaissance und die daraus resultierende Hochschätzung des Klassischen Altertums, das keine Narkose kannte, sowie die Geringschätzung des Mittelalters, das die Narkosetechnik entwickelt hatte.

Claudia Richter hielt diesen Vortrag in einem Seminar der Pharmazeutischen Biologie an der Universität Würzburg. Das Referat steht in engem Zusammenhang mit ihrer Promotionsarbeit, die als fächerübergreifende Dissertation unter Leitung von Professor Dr. Franz C. Czygan, Lehrstuhl für Pharmazeutische Biologie Universität Würzburg, und Professor Dr. Dr. Gundolf Keil vom Institut für Geschichte der Medizin Universität Würzburg, entsteht. Frau Richter arbeitet über die ‚Wündärznei‘ des Deutschordensritters Heinrich von Pfalzpaint, der im 15. Jahrhundert unter anderem auf der Marienburg in Preußen im Dreizehnjährigen Krieg des Deutschen Ordens gegen den Preußischen Bund und den König von Polen (1454 bis 1467) als Wundarzt tätig war. Nach Pfalzpaints Angaben entstand das Werk im Jahr 1460 und enthält neben zahlreichen wundchirurgischen Beschreibungen eine große Anzahl von Rezepten. Ein Kapitel behandelt die Anwendung eines Schlafschwamms. Durch dieses Kapitel angeregt gibt Frau Richter einen Überblick über Schlaf- und Schmerzmitteln der Antike und den daraus im Mittelalter entwickelten narkoseartigen Zubereitungen.Top

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