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Problemorientiertes Lernen im Pharmaziestudium

18.06.2001
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UNIVERSITÄT MÜNSTER

Problemorientiertes Lernen im Pharmaziestudium

von Holger Neye und Eugen J. Verspohl, Münster

Zur Umsetzung der neuen Approbationsordnung und speziell für die Ausbildung von Pharmaziestudenten im Fach Klinische Pharmazie werden neue Unterrichtsmethoden gefordert. Dabei steht Problemorientiertes Lernen (PoL) im Vordergrund. PoL ist eine interaktive Lehrmethode, bei der sich Studenten in kleinen Gruppen nach definierten Regeln mit einem theoretischen Fallbeispiel auseinandersetzen.

PoL wurde zuerst in das Medizinstudium integriert. Inzwischen wird es aber auch in anderen Studiengängen angewandt. Das Institut für Pharmazeutische Chemie an der Universität Münster führte PoL zunächst auf freiwilliger Basis im Wintersemester 99/00 im Rahmen des Pharmakologisch-toxikologischen Demonstrationskurses ein, um zu prüfen, wie sich diese Methode im Curriculum integrieren lässt.

Mit der neuen Approbationsordnung und dem Fach Klinische Pharmazie wird ein Trend im Selbstverständnis des Apothekers deutlich, der ganz konkret auf eine Patientenorientierung abzielt. Neue Studienordnungen unterstreichen den gewollten Praxisbezug der Ausbildung, ohne den wissenschaftlichen Aspekt aus dem Auge zu verlieren. Die neue Unterrichtsmethode ermöglicht es, konstruierte praxisrelevante Fälle zu behandeln und die kommunikativen Fähigkeiten der Studenten zu fördern (1).

PoL wurde erstmals 1976 als "problem based learning" beschrieben (2). In der Medizinerausbildung hat die Unterrichtsmethode schon weite Verbreitung gefunden; so wurde in Maastricht das gesamte Curriculum umgestellt. Auch an anderen Universitäten führte man Modellstudiengänge ein (3). Im Pharmaziestudium sollen nun die ersten Projekte anlaufen (4).

Was ist PoL?

In Unterrichtsstunden wird anhand eines konkreten Falles (Problems) in Gruppen von sieben bis neun Studenten gelernt. PoL ist keine Diskussionsrunde, sondern hier werden Fallbeispiele nach bestimmten Regeln erarbeitet, die man als 7-Schritte-Programm oder "seven jump" bezeichnet.

Bei der Präsentation wird der Fall zunächst vorgelesen und unbekannte Vokabeln erklärt. Der Fall kann auch in Form einer Videosequenz oder eines Anamnesebogens vorgestellt werden.

Bei der Problemdefinition formulieren die Studenten dann eine Überschrift, die das Thema begrenzt. Beispiel: "Ein Kind hat bei intensivierter Insulintherapie einen hypoglykämischen Schock erlitten" oder "Der Asthmapatient hat einen zu hohen Dosieraerosolverbrauch".

Beim Brainstorming sollte jeder Student seine Gedanken zu dem Thema äußern. Die Ideen werden zum Beispiel an der Tafel notiert, es darf jedoch in dieser Runde nicht kommentiert oder diskutiert werden.

Bei der anschließenden Hypothesenbildung diskutieren die Studenten ihre Äußerungen und können für den dargestellten Fall eine Lösung anbieten. Dabei werden Wissensdefizite (Detailkenntnisse über Therapien und Wirkstoffe) deutlich.

Die Teilnehmer formulieren Lernziele selbst, um die aufgezeigten Wissenslücken zu schließen. Im Eigenstudium werden die Lernziele verfolgt. Hierbei wird besonders der Einsatz neuer Medien gefordert. In der abschließenden Besprechung des Falls in der folgenden Unterrichtsstunde wird auf die Lernziele eingegangen. Sie dient dazu, unter den Studenten das neue Wissen abzugleichen. Der Tutor kann kontrollieren, ob die Lernziele erreicht wurden.

Der Praktikumsleiter übernimmt beim PoL die Rolle eines passiven Tutors. Seine Aufgabe ist es, den korrekten Ablauf des Sieben-Punkte-Programms zu überwachen. Er kann sich eventuell durch (provokante) Fragen beteiligen. Besonders bei der Formulierung der Lernziele sollte der Tutor darauf achten, dass möglichst keine globalen Themen, sondern eng umgrenzte Probleme formuliert werden. Als Zeitrahmen haben sich zwei Unterrichtsstunden pro Einheit bewährt. In der ersten Unterrichtsstunde besprechen die Studenten zunächst den Fall. Die weiteren Schritte folgen in der zweiten Stunde.

Was kann PoL leisten?

In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass PoL als Unterrichtsmethode dem konservativen, frontalen Lehren bezüglich der Wissensvermittlung ebenbürtig ist. Für die Etablierung von PoL in das Praktikum der allgemeinen Pharmakologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Köln wurden die Kurse evaluiert und das Fachwissen der Studenten durch eine abschließende Klausur überprüft. In der Klausur, die zu 50 Prozent aus Multiple-Choice-Fragen und zu 50 Prozent aus offenen Fragen bestand, schnitten die PoL-Studenten im Vergleich zu einem Kollektiv konventionell unterrichteter Studenten im Durchschnitt mindestens gleichwertig ab. Es zeigte sich in den freien Fragen ein Trend zu einem besseren Ergebnis (5).

In einer länderübergreifenden Studie wurde der Wissenszuwachs bei Medizinstudenten über einen Zeitraum von sechs Studienjahren verglichen. Eine holländische, eine deutsche und vier italienische Universitäten nahmen an dem Maastricht-Progress-Test teil. Beim Vergleich der Studenten im sechsten Studienjahr zeigte sich keine Differenz. Der Wissenszuwachs schien jedoch bei den per PoL unterrichteten Studenten linear zu sein, was durch ein unterschiedliches Curriculum erklärt werden kann (6).

Eigene Erfahrungen

Im Pharmakologisch-toxikologischen Demonstrationskurs an der Universität Münster etablierte man PoL deshalb nicht als Ersatz für bestehende Seminare, sondern ermittelte zunächst die Akzeptanz der Lernmethode bei Studierenden und Tutoren. PoL wurde dazu als Semesterarbeit für jeweils zwei Gruppen auf freiwilliger Basis angeboten. Jede Gruppe behandelte vier Fälle, stellte den Kommilitonen am Ende des Semesters die Unterrichtsmethode vor und berichtete über ihre Erfahrungen. Mit einem Fragebogen ermittelte man die Akzeptanz unter den Studenten in den Kleingruppen.

Bei der Auswertung der Fragebögen fielen folgende Sachverhalte positiv auf: die Akzeptanz und Motivation der Studenten, die Praktikabilität aus Sicht der Studenten und die Praxisnähe. Negativ beurteilte man dagegen die Praktikabilität aus Sicht der Tutoren - hier wurde besonders der personelle und zeitliche Aufwand in Frage gestellt, die räumlichen Voraussetzungen sowie die Situation des Tutors. Die hier per definitionem passive Rolle des Lehrkörpers war für Lehrende und Lernende ungewohnt.

Nach den drei inzwischen absolvierten Semestern (sieben Gruppen) stellte sich heraus, dass die von den Studenten formulierten Lernziele zu den einzelnen Themen ähnlich blieben, somit also durch die Ausarbeitung der Fälle bezogen auf den Wissensstand der Studenten reproduzierbare Lernziele zu erwarten sind. Hier ist zu betonen, dass die Fallbeispiele an den jeweiligen Kenntnisstand der Studenten angepasst werden sollten. So werden die Studenten weder über- noch unterfordert. Eine Übernahme von Fällen aus dem medizinischen Curriculum erschien wenig sinnvoll.

Mittlerweile konnte man in Münster die räumlichen Voraussetzungen verbessern. Die Studenten wünschten sich häufig, PoL schon früher in das Studium und auch in andere Fächer zu integrieren. Bisher konnte PoL aber nur als Zusatzangebot in den pharmazeutischen Lehrplan integriert werden. Wegen der räumlichen und besonders der zeitlichen Voraussetzungen könnte PoL nur mit einer kompletten Umstellung des Demonstrationskurses oder durch Einbinden studentischer Tutoren in die Ausbildung als eigener Block aufgenommen werden. Da bisher der Pharmakologisch-toxikologische Demonstrationskurs im letzten Studiensemester angeboten wird, gestaltet sich die Rekrutierung studentischer Tutoren problematisch. Dennoch machte man in Münster mit dem Zusatzangebot ausnahmslos positive Erfahrungen und konnten zeigen, dass PoL auch im Pharmaziestudium eine sinnvolle Methode ist. Der Unterricht wird praxisnäher und kommunikativer, wie es die Arbeitsgruppe Klinische Pharmazie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft für die Ausbildung seit längerem fordert.

 

Literatur

  1. Neye, H., Verspohl, E. J., Problem Based Learning in the Pharmacological Curriculum, Arch Pharm Med 333:Suppl 2 (2000) 74.
  2. Barrows, H. S., Tamblyn, R. M., An Evaluation of Problem Based Learning in Small Groups Utilising a Simulated Patient. J Med Education 20 (1976) 482 - 486.
  3. Internetseite der Universität Witten/Herdecke: www.uni-wh.de
  4. Werner, A. B., Problem-orientiertes Lernen, Student und Praktikant 17 (2000).
  5. Herzig, S., Antepohl, W., Ein hochschuldidaktisches Oxymoron? Handbuch Hochschullehre MB A3.3 (06-1998) S. 1 - 27.
  6. Alabano, M. G., et al., An International Comparison of Knowledge Levels of Medical Students: the Maastricht Progress Test. Medical Education 30:4 (1996) 239 - 245.

 

Anschrift der Verfasser:
Dr. Holger Neye und Professor Dr. Eugen J. Verspohl
Institut für Pharmazeutische Chemie
Hittorfstraße 58-62
48149 Münster
E-Mail: neye@uni-muenster.de

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