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Porträt einer alten chinesischen Heilpflanze

10.04.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-Verlag

SAFLOR

Porträt einer alten chinesischen Heilpflanze

von Tadeusz Blaszczyk, Hamm

Saflor ist eine uralte Färber- und Ölpflanze. Carthamus gilt aber auch als wichtige Heilpflanze in der chinesischen Phytotherapie. Inzwischen wurde die Droge auch in der Bundesrepublik kultiviert.

Schon im Altertum diente Saflor in Ägypten zur Tuchfärberei (4). Später färbten auch die Römer mit entsprechenden Pflanzenauszüge ihre Gewänder gelb bis dunkelrot. Erst im 17. Jahrhundert kam die Pflanze nach Europa (13). Hier diente sie bis 1900 als nätürliche Quelle für roten Farbstoff, bis die Anilinfarben sie verdrängten. Saflor wird noch heute als Lebensmittelfarbe verwendet.

Eine ganz andere Bedeutung hat Saflor in Asien. Aus seinem Herkunftsland in Kleinasien hatte sich die Pflanze nach Indien und China verbreitet, wo sie sich als bewährtes Heilmittel in der Phytotherapie etablierte.

Bereits seit dem 11. Jahrhundert ist Saflor in der chinesischen Phytotherapie bekannt. Weltweit am meisten Saflor produziert Indien. Die Pflanze wird hier vor allem als Nutzpflanze zur Produktion von Safloröl angebaut. Inzwischen wurde Saflor mit der zunehmenden Popularität Traditioneller Chinesischer Medizin auch in Europa wieder entdeckt.

Anspruchslos und dekorativ

Carthamus tinctorius L. (Familie der Asteraceae) ist eine einjährige dekorative und anspruchslose Pflanze, deren Höhe circa 40 bis 90 cm beträgt. Die Blätter sind eiförmig, nackt und am Rande gezähnt. Die Blattzähne bilden feine Spitzen. Die oberen Blätter sind eher lanzettenartig geformt. Der Blütenstand ist rot bis gelbrot und durch scharf geformte Blattspitzen in Form eines Kopfes geschützt. Die einzelnen Blüten haben eine röhrenförmige Gestalt. Unter dem Blütenstand, geschützt durch die scharf geformten Blätterspitzen, befindet sich der Samen. Die Pflanze ist gut verwurzelt.

Flavonone färben die Blüten rot

Flos Carthami wurde vor allem von japanischen und chinesischen Forscher untersucht. Schon 1930 entdeckte die japanische Chemikerin Chika Kuroda den roten Farbstoff Carthamin (7). Dessen Gehalt beträgt in der getrockneten Saflorblüte rund 0,4 Prozent (21). Die genaue Struktur der Verbindung wurde aber erst in den 80er Jahren von Onodera, Obara und Takahashi aufgeklärt (10, 11, 17, Abbildung).

Carthamin ist ein rötliches Pulver, das sich in Wasser und Ethanol kaum löst. Es ist das wichtigste Pigment der Saflorblüten und die Ausgangssubstanz zur natürlichen Produktion verschiedener Derivate. Unter Einwirkung von 10-prozentiger Phosphorsäure hydrolysiert Carthamin und es bilden sich die Flavonone Carthamidin, Isocarthamidin sowie Glucose (11). Durch Oxidationsprozesse von Carthamin (gelber Farbstoff) entsteht Carthamon (roter Farbstoff) (17).

In der Anfangsphase der Blütenzeit enthält die Blüte vor allem Carthamin, das ihr die gelbe Farbe gibt. Durch Oxidation färbt sich die Blüten dann auf Grund des steigenden Carthamongehalts allmählich rot (21).

Das Chalkon-Glykosid Carthamin gehört zur Gruppe der Flavonoide. Chalkone sind gelbe bis rote natürliche Pflanzenfarbstoffe, die vor allem bei den Korbblütern vorkommen. Weiterhin wichtige chemische Bestandteile von Saflorblüten sind Safflor Yellow A und B. Auch hierbei handelt es sich um natürliche gelbe Farbstoffe mit dem chemischem Bau eines Chalkons. Zusätzlich enthält Flos Carthami die Farbstoffe Safflomin A und B.

Außer Chalkon-Farbstoffen isolierten Wissenschaftler aus den Blüten von Flos Carthami auch andere bioaktive Substanzen wie Luteolin, b-Sitosterol, Stigmasterol und ein Phytosterol mit einem Pregnan-Skelett (12, 16). Ferner wurden Polyacetylenen und sechs Carbonsäuren beschrieben (16).

Pharmakologischer Alleskönner

Die pharmakologischen Eigenschaften des Saflor sind in zahlreichen Tierversuchen, biochemischen und mikrobiologischen Untersuchungen nachgewiesen worden. Der Extrakt von Flos Carthami wirkt stark exzitatorisch auf die Gebärmutter. Die Uteruskontraktionen sind besonders bei schwangeren Tieren sehr stark ausgeprägt (22). Die Zahl der Follikel sowie die Menge an sezernierten Estrogen steigt nach Gabe der Saflorblüten (18).

Flos Carthami beeinflusst den Blutkreislauf. Eine aus den Blüten hergestellte wässrige Lösung bewirkt eine signifikante Blutdrucksenkung und beschleunigt in geringem Maße die Herzfrequenz. Bei höheren Dosen sinkt dagegen die Herzfrequenz (21). Im Tierversuch stieg die Blutzirkulation in den Kranzgefäßen nach intravenöser Injektion signifikant (22). Dabei kam es zu einem leichten Blutdruckabfall ohne verminderte Sauerstoffversorgung des Herzens. Die herzprotektiven Eigenschaften von Saflor wurden ebenfalls experimentell bei künstlich erzeugtem akuten Durchblutungsmangel der Kranzgefäße belegt. Wahrscheinlich wirkt der Farbstoff Safflor Yellow kardioprotektiv (21).

Carthamin und Safflor Yellow hemmen die Thrombozytenaggregation und steigern die Plasminaktivität im Blut (21).Eine Injektionen von Safflor Yellow A in das Bauchfell zeigte eine starke analgetische Wirkung (6). In der Literatur wird ebenfalls von entzündungshemmenden Eigenschaften berichtet (6).

Injektionen von Safflor Yellow A erhöhten die Barbital- und Chloral-induzierte Inhibition des ZNS. Die Coranin-induzierte Krampfbereitschaft sankt signifikant (9). Die Verfasser suggerieren hirnprotektive Eigenschaften von Safflor Yellow, besonders bei cerebralen Ischämien (22). Zudem senkten Saflorblüten sowie Safloröl im Experiment signifikant den Cholesterolspiegel im Blut (22).

Noch wenig erforscht ist die antimikrobielle Wirkung der Saflorblüten. Flos Carthami zeigte im Versuch starke antimikrobielle Wirkung gegen Staphylococcus aureus und Staphylococcus pyogenes (16).Zudem wirkte eine 10-prozentige wässrige Lösung der Blüten stark antimykotisch, speziell gegen Aspergillus-fumigatus-Stämme (1).

Klinische Anwendung

Flos Carthami wird in der chinesischen Phytotherapie meist in Verbindung mit anderen Traditionellen Chinesischen Arzneien (TCA) angewandt. Deswegen betreffen die meisten klinischen Mitteilungen die Anwendung dieser Heilpflanze als Decoctum mit mehreren anderen Arzneien. Bislang fehlen auch Doppelblindstudien zur Wirksamkeit von Flos Carthami.

Die Wirksamkeit der Heilpflanze einwandfrei nachzuweisen, ist schwierig. Hong Hua (Flos Carthami) ist eine sehr zuverlässige und nebenwirkungsarme TCA in der täglichen Praxis eines Arztes, der mit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) arbeitet. Sie wird häufig in Teemischungen gegen Menstruationsstörungen wie Amenorrhoe oder Dysmenorrhoe angewandt.

Eine Schwangerschaft sollte jedoch unbedingt ausgeschlossen werden, da Flos Carthami aufgrund seiner stark exzitatorischen Wirkung in der Schwangerschaft absolut kontraindiziert ist. Auch während der Periode sollte die Droge nicht verwendet werden.

Flos Carthami ist eine hochgeschätzte Heilpflanze in der Behandlung von verstärkten Uterusblutungen nach der Geburt und bei ausbleibender Lochienausscheidung im Wochenbett. Additiv zur hormonellen Therapie mit Progesteron wird Flos Carthami in der Therapie der proliferierender Mastopathie verordnet.

In der täglichen Praxis wird der Arzt sehr häufig mit Bauchschmerzen unklarer Genese konfrontiert. Dabei treten häufig tastbare Resistenzen in Bauchhöhle oder Bauchdecke auf. Das Krankheitsbild begleiten oft Magen- und Darmmotalitätsstörungen. Die Ursache dieser Beschwerden kann sowohl organisch als auch funktioneller Natur sein. Diese Symptomatik wird in der angelsächsischen Literatur als abdominal mass zusammengefasst. Bei der Behandlung dieser Symptome hat sich Flos Carthami (auch als Einzelmittel) besonders bewährt.

Mit Saflor lassen sich aber auch Hämatome und schmerzhafte Schwellungen nach Verletzungen oder Operationen (mit oder ohne Gefahr einer Thrombosebildung) behandeln. Bereits eine vier- bis fünftägige Therapie mit 10 g Saflorblüte als Decoctum bringt dem kranken Patienten eine spürbare Linderung. Flos Carthami wird ebenfalls bei der chronisch atrophischen Gastritis angewandt (15). Aufgrund seiner motilitätsfördernden Wirkung wird Saflor zur Behandlung der spastischen Obstipation verordnet. Dementsprechend ist die Droge bei Durchfällen kontraindiziert.

In der Literatur wird über gute Ergebnisse bei der Behandlung von Polycythaemia vera berichtet (23). Flos Carthami kommt auch bei Erkrankungen des ZNS wie cerebrovaskulärer Insuffizienz, Zerebralarteriosklerose und seniler Demenz zum Einsatz. Bereits eine einwöchige Therapie mit Flos Carthami als Einzelmittel beseitigt Spannungsgefühl in den unteren Extremitäten, mit oder ohne das Krankheitsbild einer venösen Insuffizienz.

Auch viele Augenkrankheiten, deren Ursache in der Gefäßveränderung mit Vaskulitis oder Arteriosklerose liegt, stehen auf der Indikationsliste. Das wichtigste Anwendungsgebiet in der Augenheilkunde sind jedoch traumatische Erkrankungen (8, 19).

Auch bei koronaren Herzkrankheiten kann Flos Carthami zusätzlich zu den klassischen Medikamenten in Kombination mit anderen TCA verabreicht werden (20). Verschiedene Untersuchungen belegen die positiven Ergebnisse dieser Therapie (23). Zudem ist die Droge bei supraventrikulären und ventrikulären Extrasystolen sowie Leitungsblock des Herzens indiziert.

Flos Carthami wird zur Behandlung von chronischen Kopfschmerzen und Migräne angewandt. Ferner kommt die Pflanze häufig als ein Bestandteil chinesischer Rezepte zur Therapie von Infekten der oberen Luftwege (3), Schmerzzuständen bei Leberkarzinom (5) sowie diversen psychosomatischen Beschwerden mit Beklemmungsgefühlen in der Brust zum Einsatz.

Chinesische Medizin

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist die älteste Volksheilkunde der Menschheit, die sich auf die empirische Basis stützt. Sie charakterisiert sich durch synthetische Denkweise im Behandlungsprozess und besitzt eine eigene Diagnostik und Klinik, die mit der Westlichen Medizin nichts gemein hat. Jede Traditionelle Chinesische Arznei (TCA) besitzt eine eigene Pharmakologie, die exakt ihre Eigenschaften bestimmt.

Die Pharmakologie von Flos Carthami (chinesich Hong Hua) ist folgendermaßen bestimmt:

  • Geschmacksrichtung: scharf
  • Temperaturverhalten: warm
  • Funktionskreisbezug: Herz und Leber
  • Wirkungsbereich: Xue beleben und die Regel in Gang bringen (Huo Xue Tong Ji), Xue-Stau lösen und Schmerz stillen (Sun Yu Zhi Tong)
  • therapeutische Dosis und Applikationsform: 3 bis 9 g als Decoctum

Flos Carthami wird meist als Decoctum eingenommen und wie folgt zubereitet: 3 bis 9 g getrocknete Flos Carthami werden in circa 200 ml Wasser 20 Minuten gekocht. Danach werden die Blüten abgeseiht und das Decoctum ohne Zusatz von Zucker oder Honig schluckweise warm getrunken.

Saflor gedeiht auch in Mitteleuropa

Saflor ist eine typische subtropische Pflanze, die trotzdem genauso gut bei mitteleuropäischen Klimaverhältnisse wächst. Daher ist die heimische Produktion eine echte Alternative zum teuren Import.

Anbauversuche in Deutschland und die Analyse heimischer Saflorblüten haben gezeigt, dass die Heilpflanzen aus Mitteleuropa denen aus China ebenbürtig sind. Deutsche Carthamusblüten enthalten sogar mehr Carthamin als Pflanzen aus China. Der Anbau von Saflor ist einfach und unproblematisch.

Anschrift des Verfassers:
Tadeusz Blaszczyk
Kamenerstr. 114
59077Hamm

Literatur

(1) Blaszczyk, T., et al., Screening for antimycotic properties of 56 Traditional Chinese Drugs, Phytotherapy Reasearch (im Druck).
(2) Deming, Ch., et al., Oberservations on treatment of pediatric epilepsy with a herbal antiepileptic tablet, Journal of TCM, Vol 10 (1990) 192.
(3) Deming, Ch., et al., Clinical and experimental studies on paediatric pneumonia treated by lung easing tablets, Journal of TCM, Vol 9 (1989) 128 - 131.
(4) Franke, W., Nutzpflanzenkunde, Thieme Stuttgart, New York 1992, S. 175, 446.
(5) Guiman, W., et al., The application of TCM to the management of hepatic cancerous pain, Journal of TCM, Vol 14 (1994) 132 - 138.
(6) Huang, Z., et al., Pharmacologial studies on sfflor yellow from safflower, Chin. Trad. Herb Drugs, Peking, Vol 15 (1984) 348 - 350.
(7) Kuroda, C., The constitution of Carthamin, Nippon Kagaku Zasshi, 51 (1980) 337.
(8) Liling, B., et al., Combinations of traditional chinese and western medicine in treating acute posterior multifocal placoid pigment epitheliopathy. Journal of TCM, Vol 13 (1993) 268 - 276.
(9) Lingdi, T., Shijuan, Y., Composite Acupuncture Treatment of mental retardation in children. Journal of TCM, Vol. 15 (1995) 34 - 37.
(10) Obara, H., et al., Synthesis of 3-(p-hydroxy cinnamoyl)-5-methyl-filicinic acid and dehydro-3,3-diacetyl-5,5-methylenedifililcinic acid, Bul. Chem. Soc. Japan, Vol. 53 (1980) 289 - 290.
(11) Obara, H., Onodera, J., Structure of Carthamin, Chemistry letters (1979) 201 - 204.
(12) Palter, R., A new steroid from Safflower, Phytochemistry, Vol. 11 (1972) 819 - 822.
(13) Podbielkowski, Z., Rosliny uzytkowe, Wydawnistwo Szkolne i Pedagogiczne, Warszawa (1992) 472.
(14) Qingqi, W., Advances in treatment of Epilepsy with TCM. Journal of TCM, Vol 16 (1996) 239 - 237.
(15) Shan, M., et al., Treatment of 910 cases of atrophic gastritis with Wei You decoction. Journal of TCM, Vol 10 (1990) 168 - 171.
(16) Takahashi, M., Osawa, K., Studies on the components of Carthamus tinctorius L. Tohoku Yakka Daigaku Kenkyu Nenpo, Vol 28 (1981) 79 - 83.
(17) Takahashi, Y. et al., Constitution of two coloring matters in the flower petols of C. tinctorius L. Tetrahedron Lett. Oxford, Vol 23 (182) 5163 - 5166.
(18) Wenpei, L., et al., Effects of TCM on ovarian follicle development in the rabbit. Journal of TCM, Vol 8 (1988) 147 - 150.
(19) Xiangcai, X., et al., The English-Chinese Encyclopedia of practical TCM, Vol 17 (1994) Higher Education Press Shandong, 75, 99, 113, 123, 124, 129, 158, 172, 196, 203, 210, 214.
(20) Xiufen, L., et al., Dr. Gao Zhuofengós experiences in treatment of Arrythmia, Journal of TCM, Vol 1 (1995) 18 - 24.
(21) Xu, Guojun, Zhong Guo Yao Cai Xue. Zhong Guo Yi Yao Ke Ji Chu Ban She, Beijing 1996 989 - 990.
(22) Yeung, H., Handbook of Chinese Herbs, Institute of Chinese Medicine, Rosemead 1996, 229.
(23) Zhang, Zh., Recent advances in chinese herbal drugs, Science Press Beijing (1991) 228, 254.
(24) Zhiwu, W., et al., Behcet disease clinical report of 88 cases treated with herbal decoctions, Journal of TCM, Vol 3 (1983) 223 - 226.

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