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Sicher verhüten mit Hormonring

03.02.2003
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Sicher verhüten mit Hormonring

von Brigitte M. Gensthaler, München

Mit großem Medienrummel startet in Deutschland ein neues Kontrazeptivum, das mehr Unabhängigkeit als die „Pille“ verspricht. Am 1. Februar kommt der Vaginalring NuvaRing® mit den Hormonen Etonogestrel und Ethinylestradiol auf den Markt.

Ohne tägliche Pilleneinnahme so sicher wie die Mikropille, leicht und bequem anzuwenden, weniger Zwischenblutungen: Dieses gute Zeugnis stellten die Experten dem neuen Kontrazeptivum der Firma Organon, Oberschleißheim, bei der Einführungspressekonferenz Ende Januar in München aus.

Mit dem biegsamen durchsichtigen Kunststoffring steht ein weiteres, nicht peroral applizierbares Kontrazeptivum zur Verfügung. Alle bisher verfügbaren Systeme enthalten nur ein Gestagen: das Implantat Implanon® Etonogestrel, die Spirale Mirena® Levonorgestrel und die „Dreimonatsspritzen“ zum Beispiel Norethisteron-Enantat oder Medroxyprogesteron-Acetat. Diese Arzneiformen bieten eine Alternative für Frauen, die langfristig verhüten wollen oder mit der täglichen Pilleneinnahme nicht zurecht kommen. Manche sind jedoch beunruhigt über das veränderte Blutungsverhalten oder stören sich an Zwischenblutungen, berichtete Privatdozent Dr. Ulrich Karck von der Universitätsfrauenklinik Freiburg. In jedem Fall muss ein Arzt die Systeme anwenden.

Konstante Serumspiegel

Anders bei dem neuen Vaginalring, der 11,7 mg Etonogestrel und 2,7 mg Ethinylestradiol enthält. Aus diesem Reservoir werden über drei Wochen täglich 120 mg Gestagen und 15 mg Estrogen abgegeben und über die Vaginalschleimhaut resorbiert. Nach anfänglichen geringen Schwankungen pendeln sich nach rund fünf Tagen konstante Serumspiegel von etwa 1500 pg Etonogestrel und 20 pg Ethinylestradiol pro ml Serum ein. Dadurch wird das Follikelwachstum von Beginn an gestoppt und die Ovulation unterdrückt, betonte Professor Dr. Winfried Rossmanith vom Diakonissenkrankenhaus in Karlsruhe. Nach Entfernen des Rings kommt es im nächsten Zyklus wieder zu Follikelwachstum und Ovulation.

Auch die Handhabung ist einfach: Die Frau setzt den Ring selbst ein, belässt ihn drei Wochen in der Scheide und zieht ihn dann heraus. Meist tritt nach zwei bis drei Tagen die Abbruchblutung ein. Nach einem „ringfreien“ Intervall von einer Woche wird ein neuer Ring eingesetzt. Der vierwöchige Zyklus bleibt somit erhalten.

Eine exakte Platzierung in der Scheide ist für die kontrazeptive Wirkung nicht wichtig. Da der Ring flexibel ist, „passt“ er jeder Frau, auch nach mehrfachen Geburten. Nur bei ausgeprägter Scheidensenkung könnte er leichter herausrutschen. Wird er versehentlich, zum Beispiel mit einem Tampon, herausgezogen, kann die Frau ihn mit warmem Wasser abspülen und wieder einsetzen. Keine Desinfektionsmittel anwenden.

Gute Zykluskontrolle

In Zulassungsstudien mit fast 2400 Frauen, die durchschnittlich 13 Zyklen lang NuvaRing® anwandten, lag die Inzidenz von Schmierblutungen bei 5 Prozent, diejenige von Durchbruchblutungen unter 1 Prozent, erklärte Professor Dr. Cosima Brucker von der Universitätsfrauenklinik Ulm. Verglichen mit niedrig dosierten oralen Kontrazeptiva war die Zykluskontrolle besser.

In einer einjährigen Studie mit mehr als 1100 Frauen war das Verhütungsmittel in rund 12.100 Zyklen wirksam und verträglich (1). Der Pearl-Index lag bei 0,65. Von den insgesamt sechs Schwangerschaften beruhten drei vermutlich auf Anwendungsfehlern. Schmier- und Zwischenblutungen waren selten (in 2,6 bis 6,4 Prozent der Zyklen). Die Abbruchblutung kam bei praktisch allen Frauen. Immerhin knapp 30 Prozent brachen die Studie vorzeitig ab, die Hälfte wegen unerwünschter Wirkungen. Nur vier von zehn Frauen verspürten keinerlei Nebenwirkungen. Die anderen nannten am häufigsten Vaginitis, Kopfschmerzen und Leukorrhoe.

Die Akzeptanz des neuen Systems war ausgezeichnet. Fast alle Studienteilnehmer bestätigten, dass der Ring einfach einzulegen und zu entfernen ist. 82 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Partner spürten den Ring während des Geschlechtsverkehrs nicht. Die weitaus meisten Männer waren dennoch mit der Methode einverstanden. 96 Prozent der Frauen würden sie weiterempfehlen. Diese Meinung teilten auch zwei Drittel der Frauen, die die Studie abgebrochen hatten.

Blutung verschieben

Für den Ring gelten verständlicherweise die gleichen Kontraindikation wie für orale Kontrazeptiva, zum Beispiel venöse und arterielle Thrombosen. Vaginalinfekte traten nicht häufiger auf, betonte Karck. Eine gleichzeitige antimykotische Behandlung ist möglich. Wechselwirkungen mit Spermiziden oder Kondomen wurden nicht beobachtet.

In gleicher Weise kann man eine Periodenblutung zeitlich steuern. Wenn die Blutung hinausgezögert werden soll, setzt man zwei Ringe nacheinander ohne Intervall ein. Nach Angaben in der Fachinformation (2) bleibt der kontrazeptive Schutz auch bei vierwöchiger Anwendung eines Rings erhalten. In einer kleinen offenen Crossover-Studie unterdrückte er die Ovulation sogar über fünf Wochen (3). Eine so lange Anwendungszeit ist allerdings keinesfalls zu empfehlen. Die kontrazeptive Wirkung ist auch gesichert, wenn der Ring für maximal drei Stunden entfernt und anschließend für mindestens 24 Stunden wieder in die Scheide eingelegt wird.

Im Kühlschrank lagern

Wichtig für die Apotheke: Das System ist nur zwei Jahre im Kühlschrank haltbar. Nach der Abgabe kann es vier Monate bei Raumtemperatur gelagert werden und muss dann verworfen werden (2). Daher soll der Apotheker das Abgabedatum und das Datum, bis zu dem der Ring eingelegt werden darf, auf der Packung notieren.

Im Handel sind Packungen mit einem oder mit drei Ringen. Nach Angaben der Firma Organon übernimmt die Gesetzliche Krankenversicherung - wie für alle Kontrazeptiva - auch die Kosten des Verhütungsrings bei Frauen bis 20 Jahren. Frauen über 18 Jahre müssen die Zuzahlung leisten.

 

Literatur

  1. Roumen, F. J. M. E., et al., Efficacy, tolerability and acceptability of a novel contraceptive vaginal ring releasing etonogestrel and ethinylestradiol. Human Reproduction Vol. 16, Nr. 3 (2001) 469 – 475.
  2. Fachinformation NuvaRing®; Stand 12. Juni 2001.
  3. Mulders, T., Dieben, T., Anwendung eines neuartigen kombinierten kontrazeptiven Vaginalrings NuvaRing zur Ovulationshemmung. Übersetzt aus: Fertil. Steril. 75, Nr. 5 (2001) 865 – 870.

 

Nicht verwechseln Das neue Abgabesystem unterscheidet sich grundsätzlich von dem seit einigen Jahren erhältlichen Vaginalring (Estring®), bei dem das Hormon 17b-Estradiol nur lokal wirkt. Das Präparat wird zur Behandlung postmenopausaler Beschwerden im Genitaltrakt, zum Beispiel bei trockener Scheide und Schleimhautatrophie, eingesetzt. Ein systemischer Effekt wurde nicht beobachtet.

 

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