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Auf geht's ins neue Jahrtausend

17.01.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagPHARMACON DAVOS

Auf geht's ins neue Jahrtausend

von Christiane Berg, Ulrich Brunner und Hartmut Morck, Davos

Zwei markante Daten machten die diesjährige Fortbildungswoche der Bundesapothekerkammer vom 16. bis 21. Januar 2000 zu einem besonderen Ereignis. Erstens: Der Davoser Pharmacon feierte in diesem Jahr seinen dreißigsten Geburtstag. Und zweitens: Die Bundesapothekerkammer nahm den ersten wissenschaftlichen Kongress im Jahr 2000 zum Anlass für eine Retrospektive über die vergangenen Jahrzehnte und für einen Ausblick in die Zukunft.

Den Auftakt einer abwechslungsreichen Fortbildungswoche in den Graubündner Alpen bestritten in diesem Jahr zwei Wissenschaftler, die sich mit ihrem Rückblick über die 2000-jährige Geschichte der Arzneimittel und einem Ausblick in das nächste Jahrzehnt gleichzeitig von ihrem Publikum verabschiedeten: Professor Dr. Thorsten Beyrich von der Universität Greifswald nach fast zehnjähriger Zugehörigkeit als Mitglied der Wissenschaftlichen Beirates der Bundesapothekerkammer und Professor Dr. Dr. Ernst Mutschler, Frakfurt, als Referent.

"Das Arzneimittel ist inzwischen nicht nur ein hochspezifischer rationaler Reparaturbaustein geworden. Die Menschen erwarten heute vom Pharmakon auch ein volles Leben", resümierte Beyrich in seinem Eröffnungsvortrag. Diesem könne die moderne Pharmakotherapie dennoch nicht immer gerecht werden, schränkte Mutschler in seinem Referat ein. "Wir verfügen heute über Medikamente, um die uns unsere Urgroßeltern und Großeltern zutiefst beneidet hätten. Die Kehrseite der Medaille sind aber noch immer erhebliche therapeutische Defizite, gerade bei den entzündlichen Erkrankungen und Krebs."

Aufbruch ins neue Jahrtausend

Der Tod der 23-jährigen Studentin, die Ende letzter Woche dem Lassa-Fieber zum Opfer fiel, habe wieder einmal gezeigt, dass unser Repertoire an Arzneimitteln noch lange nicht vollständig ist. Nicht nur bei Infektionen mit Viren oder multiresistenten Bakterien, sondern zum Beispiel auch bei vielen Stoffwechselkrankheiten, Asthma oder Psychosen stehe bis heute keine kausale Therapie zur Verfügung.

Die Arzneimittelforschung habe in den letzten Jahren dennoch riesige Fortschritte gemacht. Vor allem, weil heute dank Kombinatorischer Chemie und Hochdurchsatzscreening bis zu 10.000 Substanzen pro Tag getestet werden können. Es sei jedoch mühsam und vor allem viel zu teuer, wenn Wissenschaftler wahllos Strukturen synthetisierten und auf ihre pharmakologischen Eigenschaften prüften. "Die Kunst ist es, die richtige Substanz auszusuchen", betonte der Referent. Dabei helfe heute die Gentechnik. Inzwischen können Teile des menschlichen Erbguts entschlüsselt, und mit deren Hilfe neue Zielstrukturen entwickelt werden.

Chimäre und humanisierte Antikörper

Mittlerweile können Forscher monoklonale Antikörper herstellen, die kaum noch antigen wirken. Antikörper bestehen aus einem Effektor- und Erkennungsteil. Bei den chimären Antikörpern tauschte man murine (mauseigene) Regionen im Effektorteil gegen menschliche aus. Einen weiteren Fortschritt stellen humanisierte Antikörper dar. Bei ihnen wurde nicht nur der Effektorteil, sondern auch der Erkennungsteil humanisiert. Solche Präparate werden kaum noch vom Körper als fremd erkannt und vom Immunsystem bekämpft.

Wertvolle Dienste bei der Synthese und beim Testen neuer Arzneistoffe leisteten transgene Lebewesen oder Knock-out-Tiere. Bei den Knock-out-Tieren wurde gezielt ein Gen abgeschaltet. Diese Versuchstiere dienen dann als wichtige Krankheitsmodelle.

Vielversprechende Antidementiva

"Für mich sind Demenzerkrankungen neben Tumoren die größte Herausforderung des neuen Jahrhunderts", betonte Mutschler im zweiten Teil seines Vortrags. Er ist davon überzeugt, dass der Forschung in den nächsten Jahren entscheidende Fortschritte gelingen. Wissenschaftler hätten inzwischen zum Beispiel zwei verschiedene Enzymsubtypen entdeckt, die bei der Bildung des Amyloid-Plaques bei Alzheimer-Patienten eine wesentliche Rolle spielen. Die b-Secretase katalysiert die schädliche Plaquebildung, dagegen ist die a-Secretase an einem Umwandlungsprozess des Amyloids beteiligt, in dessen Folge sich neurorpotektive Stoffe bilden. Ziel der Wissenschaftler sei es nun, Substanzen zu finden, die selektiv die b-Secretase blockieren.

Ein weiterer vielversprechender Ansatzpunkt sind laut Mutschler die zerebralen NMDA-Rezeptoren. Wird der NMDA-Rezeptor aktiviert, so öffnet sich ein Ionenkanal und Calcium kann in die Zelle einströmen; ein wichtiger Prozess bei der Reizverarbeitung. Bleibt der Kanal jedoch zu lange offen, gelangt zu viel Calcium in die Zelle und diese stirbt ab. Dies geschieht beispielsweise bei Schlaganfall- oder Alzheimerpatienten. Beim gesunden Organismus verfügt der Kanal quasi über zwei Sicherheitsvorkehrungen. Einerseits versperrt ein Magnesium-Ion den Kanal, andererseits müssen zur Erregung zwei Neurotransmitter, Glutamat und Glycin, ausgeschüttet werden.

Für die Pharmakotherapie, zum Beispiel bei Demenz oder Schlaganfall, ergeben sich daraus zwei Therapieansätze: Mit Arzneimitteln, die das Magnesium im Ionenkanal ersetzen, ließe sich der Kanal wieder verschließen. Dabei ist von Vorteil, dass der Wirkstoff nur in den Kanal gelangt, wenn dieser geöffnet ist. Zusätzlich könnte auch mit Glycin-Antagonisten ein unphysiologischer Calcium-Einstrom gestoppt werden; zum Beispiel akut nach einem Schlaganfall.

Neuraminidase- und Capsoid-Hemmer

Erst vor kurzem seien Wissenschaftler zwei entscheidende Schritte im Kampf gegen virale Erreger gelungen, berichtete der Pharmakologe. Grippeviren gelangen nur aus der Wirtszelle und können sich so weiter vermehren, wenn sie über das Enzym Neuraminidase verfügen. Mit den gerade eingeführten Neuraminidase-Hemmern Oseltamivir und Zanamivir könne man nun gezielt eine Virusgrippe bekämpfen.

Als vielversprechende Waffe im Kampf gegen Rhinoviren, bezeichnete der Mutschler die Capsoid-Inhibitoren wie Pleconaril. Die Substanz verhindert, dass sich das Virus von seiner schützenden Eiweißhülle löst. Der Erreger kann jedoch nur in eine Zelle eindringen, wenn er sich zur seines "Mantels" entledigte.

"Vergessen Sie nicht, dass jede wirksame Pharmakotherapie nur Hilfe auf Zeit bedeutet - nicht mehr, und auch nicht weniger. Diese Erkenntnis führt zu Bescheidenheit." Mit diesen Worten verabschiedete sich Mutschler als Referent von seinem Auditorium. Und dieses bedankte sich bei ihm - nicht nur für seinen Abschlussvortrag - mit standing ovations.Top

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