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Dem Virus auf den Fersen

02.09.2002
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Influenza

Dem Virus auf den Fersen

von Eva Müller, Berlin

Mit der echten Virusgrippe oder Influenza ist nicht zu spaßen. In Deutschland fordert sie mehr Todesopfer als der Straßenverkehr. Moderne Impfstoffe bieten einen wirksamen Schutz gegen die gefährliche Infektionskrankheit. Doch die Akzeptanz für diese Präventionsmaßnahme ist immer noch zu niedrig.

Die Influenza ist eine akute respiratorische Infektionskrankheit. Nach einer drei bis vier Tage anhaltenden schweren Symptomatik folgt eine oft mehrwöchige Rekonvaleszenzzeit. Das besondere Risiko dieser Erkrankung liegt in der massiven Schwächung des Immunsystems: Sekundärinfektionen wie Entzündungen in Lunge oder Herzen sind oft für den Tod des Influenzapatienten verantwortlich. Pro Jahr erkranken etwa 10 bis 15 Prozent der Weltbevölkerung an der Grippe. In Deutschland sterben jährlich bis zu 15.000 Menschen an Influenza und ihren Folgen.

Im Rahmen des 2. International Symposium on Influenza diskutierten Vertreter aus Medizin, Wirtschaft und Politik am 24. August in Berlin, wie man diese gefährliche Infektionskrankheit in den Griff bekommen könnte. Denn obwohl durch die Entwicklung hoch potenter Vakzine die technischen Voraussetzungen für die Verhinderung von Influenzaepidemien zur Verfügung stehen, scheinen diese Präventionsmaßnahmen keine Akzeptanz bei der Bevölkerung zu finden: Nur circa 15 Prozent der Personen, für die eine Impfung dringend empfohlen wird (siehe Kasten), sind geimpft.

Der Aufklärungsbedarf ist hoch

„Man muss den Menschen dort abholen, wo er ist,“ verlangte Dr. Rita Süssmuth, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, und definiert damit mangelhafte und vor allem falsch platzierte Aufklärung als Hauptursache dafür, dass die Influenza noch immer nicht als lebensbedrohliche Krankheit wahrgenommen wird. Aufklärung dürfe nicht nur beim Arzt stattfinden. Arbeitsplatz und Schule, wo das Angebot der Grippeschutzimpfung obligatorisch sein sollte, sind ihrer Meinung nach die richtigen Orte für großflächige Informationsmaßnahmen. Zusätzlich sollte man die Medien verstärkt einsetzen, um Menschen direkt in ihren Haushalten zu erreichen. Denn nur Information auf allen Ebenen könne zum Erfolg führen.

Wie groß der Informationsbedarf tatsächlich ist, verdeutlichten die von Dr. Johannes Hallauer, Charité Berlin, präsentierten Zahlen zur Durchimpfungsrate in deutschen Krankenhäusern. In einem Bereich, an dem man das Bewusstsein für diese Problematik eigentlich erwartet, sind insgesamt nur 9,4 Prozent der Beschäftigten durch den arbeitsmedizinischen Dienst der Krankenhäuser geimpft. Mitverantwortlich für diesen extrem niedrigen Wert macht er unter anderem die mangelnde Unterstützung durch die Krankenhausleitung, aber auch wieder das zu geringe und unspezifische Informationsangebot. „Aus Sicht der uns anvertrauten Patienten ist diese Situation gefährlich,“ meinte Hallauer und belegte dies mit der nachweislich höheren Patientenmortalität in nicht-impfenden Krankenhäusern.

Hallauer sprach auch die Möglichkeit an, Patienten direkt im Krankenhaus über die Grippeschutzimpfung zu informieren und zu impfen. Obwohl es sich bei diesen Menschen um eine stark gefährdete Risikogruppe handelt, wird dieser Ansatz vor allem aus budgetären Gründen nicht einmal diskutiert.

Eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung kommt den niedergelassenen Ärzten zu. Aus eigener Erfahrung wusste Dr. Andreas Huth, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Frankfurt an der Oder, zu erklären, warum sowohl Impfangebot als auch Impfberatung oft noch zu kurz kommen. Mangelnde Erfahrung und damit verbundene organisatorische Probleme stehen im Vordergrund. Aber auch zu niedrige Honorare für Präventionsberatung und die Impfleistung selbst machen es vielen Ärzten unmöglich, diesen beiden Feldern genügend Zeit einzuräumen.

Der Wettlauf mit der Zeit

Die antigenen Eigenschaften des Grippevirus verändern sich ständig. Die Zusammensetzung des Influenza-Impfstoffes muss daher jährlich neu definiert werden. Um rechtzeitig mit der Impfstoffproduktion beginnen zu können, müssen neue Virustypen möglichst früh entdeckt werden. Nationale Referenzzentren (NRZ) und die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) stehen dafür in wöchentlichem Kontakt mit Ärzten und Kliniken und überwachen anhand von klinischen Befunden und virologischen Daten zirkulierende Virustypen und -subtypen. In enger Zusammenarbeit mit der WHO ist es dann meist im Februar bis März möglich, eine Empfehlung für die Zusammensetzung der neuen Impfstoffe herauszugeben.

Musste man bis dahin dem Virus ständig auf den „Fersen“ sein, so beginnt jetzt für die Impfstoffhersteller der Wettlauf mit der Zeit. Denn als optimaler Zeitpunkt für die Impfung wird der darauffolgende Herbst (ab September) empfohlen. Es verbleibt also ein halbes Jahr für die Impfstoffherstellung, die Begutachtung und Bewertung des neuen Impfstoffs durch die zuständigen Kontrollbehörden, die staatliche Chargenfreigabe und letztlich die rechtzeitige Bereitstellung des Impfstoffes für Großhändler und Apotheken. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahl der Impfstoffhersteller weltweit sehr begrenzt ist. Neben dem Zeitfaktor ist daher die Kapazität ein empfindlicher Punkt bei der Vakzineherstellung.

Grippeschutz für immungeschwächte Menschen

Neben den herkömmlichen Impfstoffen werden seit kurzem auch Vakzine speziell für immungeschwächte Menschen hergestellt (zum Beispiel Fluad® von Chiron Behring). Durch den Zusatz von Adjuvanzien ist bei diesen neuen Präparaten die Immunantwort auf den Impfstoff signifikant verstärkt. Vor allem älteren Menschen, deren Immunsystem nicht mehr ausreichend reagieren kann, wird diese Art der Prävention empfohlen. Da solche Vakzine auch einen verstärkten Schutz gegen veränderte Viren (Antigendrift) bieten, die während einer Influenzasaison auftreten können, kommt ihnen besonders in Hinsicht auf eine mögliche Pandemie große Bedeutung zu.

Risikogruppen für eine Influenzainfektion*

  • Menschen über 60
  • Kinder bis zu einem Lebensalter von 5 Jahren
  • Menschen aller Altersgruppen mit chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-, Lungen-, Leber-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen (Diabetes) oder Immunsuppression
  • Personen mit erhöhter Gefährdung, z.B. Personal in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr, und medizinisches Personal

*) nach Angaben der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) Top

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