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Omega-3-Fettsäuren bei Depressionen

09.08.2004
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Kurzbewertung

Omega-3-Fettsäuren bei Depressionen

von Thilo Bertsche und Martin Schulz, Berlin

Omega-3-Fettsäuren beziehungsweise ihre Ester senken bei Postinfarktpatienten nachweislich die Sterblichkeit. Da die Fettsäuren zudem Patienten mit bestimmten psychiatrischen Erkrankungen zu mangeln scheinen, könnten sie auch bei Depressionen therapeutisch einsetzbar sein.

In Ländern mit hohem Fischölkonsum diagnostizieren Ärzte seltener depressive Erkrankungen als in Ländern, in denen wenig Fisch verzehrt wird (1). Daneben weist der Blutspiegel depressiver Patienten erniedrigte Werte von Eicosapentaensäuren auf, zudem wurden bei ihnen Funktionsstörungen im Stoffwechsel ungesättigter Fettsäuren festgestellt (2). IN roten Blutzellmembranen oder im Plasma wurden erniedrigte Spiegel ungesättigter Fettsäuren lokalisiert (3). Auch bei anderen psychiatrischen Erkrankungen konnten Defizite an ungesättigten Fettsäuren beobachtet werden. So konnte bei Schizophrenie ein Mangel an Arachidonsäure, Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) nachgewiesen werden, bei Depressionen ein Mangel an EPA und DHA (4). In Zellmembranen depressiver Patienten waren die Gesamt-Omega-3-Fettsäureanteile, vor allem die von DHA, gegenüber Gesunden signifikant reduziert (5). Eine epidemiologische Untersuchung an einer Kohorte von 380 Frauen ergab, dass eine einprozentige Zunahme an Plasma-DHA mit einer 59-prozentigen Reduktion von dokumentierten depressiven Symptomen assoziiert war (6).

Anhaltspunkte für Wirkmechanismen

Diese Forschungsergebnisse lassen eine klinische Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren bei psychiatrischen Erkrankungen wie depressiven Störungen vermuten. Ein eindeutiger Mechanismus für diese mögliche antidepressive Wirksamkeit ist bisher allerdings noch nicht belegt. Es wird angenommen, dass auch Effekte von Omega-3-Fettsäuren auf Interleukine oder Prostaglandin E2 zu einer antidepressiven Wirkung beitragen könnten. Eine Veränderung der Multidrug-Resistance, speziell in Bezug auf P-Glykoprotein (PGP), könnte eine Wirksamkeitsverstärkung klassischer Antidepressiva durch Omega-3-Fettsäuren erklären (5).

Einsatz bei Major Depression

In einer achtwöchigen placebokontrollierten Doppelblindstudie (3) erhielten 28 Patienten mit Major Depression Omega-3-Fettsäuren (6,6 g pro Tag) additiv zu ihrer bisherigen Therapie. Dabei besserte die Omega-3-Fettsäuretherapie die anhand der Hamilton-Rating-Scale for Depression (HRSD) gemessenen Symptome signifikant gegenüber Placebo und wurde zudem von den Patienten gut vertragen.

Auch bipolare Störungen gebessert

Omega-3-Fettsäuren sollen neuronale Signaltransduktionswege in einer ähnlichen Weise wie Lithium oder Valproinsäure, zwei effektive Therapeutika in der Behandlung bipolarer Störungen, inhibieren. In einer viermonatigen Doppelblindstudie untersuchten Stoll und Kollegen, ob Omega-3-Fettsäuren in der Therapie bipolarer Funktionsstörungen die Stimmung stabilisieren können (7). Dabei verglichen sie Omega-3-Fettsäuren (9,6 g pro Tag) mit Placebo (Olivenöl) zusätzlich zur Standardtherapie bei 30 Patienten mit bipolaren Funktionsstörungen. Anhand der Kaplan-Meier-Auswertung konnten sie zeigen, dass Patienten unter Omega-3-Fettsäuren eine signifikant längere Remission aufwiesen als diejenigen unter Placebo. Auch bezüglich anderer Studienparameter erzielten die gut verträglichen Omega-3-Fettsäuren ein besseres Ergebnis als Placebo.

EPA bei unipolaren Störungen

Ein Ester der Eicosapentaensäure wurde als zusätzliche Therapie bei Patienten mit unipolaren depressiven Funktionsstörungen untersucht (1). 20 Patienten, darunter 17 Frauen, mit der Diagnose Major Depression nahmen an dieser vierwöchigen doppelblinden Parallelgruppenstudie teil. Die Patienten erhielten parallel zur antidepressiven Medikation zusätzlich den EPA-Ester oder Placebo. Der Ester verbesserte ab der zweiten Woche signifikant sowohl die depressive Stimmung, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle als auch die Schlaflosigkeit.

EPA bei therapierefraktären Patienten

70 Patienten, die trotz einer Therapie mit Antidepressiva unter persistierenden Depressionen litten, erhielten randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert über zwölf Wochen pro Tag 1, 2 oder 4 g EPA-Ester (Ethyleicosapentanoat), zusätzlich zu ihrer Therapie mit Antidepressiva (2). Der Zustand der Patienten wurde anhand der HRSD, der Montgomery-Asberg-Depression-Rating-Scale und der Beck-Depression-Inventory bewertet. 46 der 52 Patienten, die Ethyleicosapentanoat, und 14 der 18 Patienten, die Placebo erhalten hatten, schlossen die zwölfwöchige Studie ab. Schwer wiegende Nebenwirkungen traten nicht auf.

Interessanterweise konnte nur die 1-g-Dosierung in allen drei Bewertungsskalen ein signifikant besseres Ergebnis im Vergleich zu Placebo erzielen. In einer Intention-to-treat-Auswertung reduzierten sich bei 29 Prozent der Placebogruppe und bei 53 Prozent der 1-g-Gruppe die Symptome nach der HRSD-Skala auf die Hälfte. Bei den Patientengruppen, die 2 oder 4 g Ethyleicosapentanoat pro Tag einnahmen, waren dagegen nur tendenziell positive Effekte zu beobachten.

DHA unwirksam bei Major Depression

Zur Behandlung einer Major Depression mit der Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure wurden 36 Patienten mit depressiven Störungen randomisiert (8). Eine Response war definiert als eine mindestens 50-prozentige Reduktion auf der Montgomery-Asberg-Depression-Rating-Scale. Sechs Wochen lang erhielten 18 Patienten täglich 2 g DHA und 17 Patienten Placebo. Die Responseraten betrugen 27,8 Prozent in der DHA-Gruppe und 23,5 Prozent in der Placebogruppe, wobei der Unterschied nicht statistisch signifikant war. Demnach konnte diese Studie keine Wirksamkeit von DHA in der Monotherapie bei Patienten mit Major Depression belegen.

Fazit

Die klinische Dokumentation von Omega-3-Fettsäuren bei depressiven Erkrankungen zeigt zwar einerseits positive Resultate, andererseits bleiben auf Grund widersprüchlicher Ergebnisse, kleiner Studienpopulationen oder fehlender direkter Vergleiche mit etablierten Antidepressiva Fragen zur Übertragbarkeit in die therapeutische Praxis offen. Zudem kann derzeit noch nicht abschließend beantwortet werden, welche Dosierung und welche Zusammensetzung an Omega-3-Fettsäuren optimale Resultate liefern. Darüber hinaus sind die Präparate für diese Indikation bisher nicht zugelassen.

Einer Selbstbehandlung mit Omega-3-Fettsäuren bei depressiven Erkrankungen ist mit Skepsis zu begegnen, zumal mit definiertem Johanniskrautextrakt gerade bei leichteren depressiven Störungen eine etablierte Therapie zur Verfügung steht. Da Omega-3-Fettsäuren jedoch erwiesenermaßen gut verträglich und derzeit keine klinisch relevanten Interaktionen bekannt sind, scheint ein ärztlich kontrollierter Therapieversuch zusätzlich zur antidepressiven Standardtherapie im begründeten Einzelfall vertretbar.

 

Literatur

  1. Nemets, B., et al., Addition of omega-3 fatty acid to maintenance medication treatment for recurrent unipolar depressive disorder. Am. J. Psychiatry 159 (2002) 477 - 479.
  2. Peet, M., Horrobin, D. F., A dose-ranging study of the effects of ethyl-eicosapentaenoate in patients with ongoing depression despite apparently adequate treatment with standard drugs. Arch. Gen. Psychiatry 59 (2002) 913 - 919.
  3. Su, K. P., et al., Omega-3 fatty acids in major depressive disorder. A preliminary double-blind, placebo-controlled trial. Eur. Neuropsychopharmacol. 13 (2003) 267 - 271.
  4. Covault, J., et al., Association of a long-chain fatty acid-CoA ligase 4 gene polymorphism with depression and with enhanced niacin-induced dermal erythema. Am. J. Med. Genet. 127 (2004) 42 - 47.
  5. Peet, M., et al., Depletion of omega-3 fatty acid levels in red blood cell membranes of depressive patients. Biol. Psychiatry 43 (1998) 315 - 319.
  6. Makrides, M., et al., Docosahexaenoic acid and post-partum depression - is there a link? Asia. Pac. J. Clin. Nutr. 12, Suppl. (2003) 37.
  7. Stoll, A. L., et al., Omega 3 fatty acids in bipolar disorder: a preliminary double-blind, placebo-controlled trial. Arch. Gen. Psychiatry. 56 (1999) 407 - 412.
  8. Marangell, L. B., et al., A double-blind, placebo-controlled study of the omega-3 fatty acid docosahexaenoic acid in the treatment of major depression. Am. J. Psychiatry 160 (2003) 996 - 998.

 

Anschrift der Verfasser:
Dr. Thilo Bertsche und Dr. Martin Schulz
Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA
Jägerstraße 49/50
10117 Berlin

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