Pharmazeutische Zeitung online

Viel mehr als nur das richtige Medikament

02.08.1999
Datenschutz bei der PZ

-PharmazieGovi-VerlagASTHMA-MANAGEMENT

Viel mehr als nur das
richtige Medikament

von Brigitte M. Gensthaler, Berchtesgaden

Viele Asthma-Patienten schätzen den Schweregrad ihrer Erkrankung fälschlicherweise zu leicht ein und können ihre Therapie nicht anpassen. Andere meinen, die Bronchialerkrankung sei eher unangenehm als gefährlich. Und manche Eltern befürchten, dass Asthma-Medikamente, besonders Cortison, für ihr Kind zu stark seien. Dies sind einige der vielen Irrtümer, die Asthmatikern das Leben schwer machen.

Hier kann die pharmazeutische Betreuung ansetzen und den Patienten zu mehr Lebensqualität verhelfen. "Fühlen Sie sich verantwortlich für die Lösung der arzneimittelbezogenen Probleme ihres Patienten." Und: "Scheuen sie sich nicht, dem Arzt Informationen mitzuteilen, denn oft weiß er nicht, wie es dem Patienten wirklich geht." Damit leiteten Dr. Jens Schneider, Vizepräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer, und Dr. Gerd Schauerte vom Asthmazentrum Berchtesgaden ein eineinhalbtägiges Seminar zur Pharmazeutischen Betreuung von Asthma- und Allergiepatienten ein, das von den beiden Organisationen angeboten wird. Neben aktuellem Wissen und vielen praktischen Hinweisen gab es Übungen mit Dosieraerosolen und Pulverinhalatoren.

Mythen machen Angst

Derzeit leiden etwa zehn Prozent der Schulkinder und fünf Prozent der Erwachsenen an Asthma - Tendenz steigend. Als Ammenmärchen entlarvte Dr. Josef Lecheler, Leiter des Jugenddorfes, die Meinung, ein kindliches Asthma "wachse sich aus". Diese Konstitution bleibe lebenslang bestehen. Ebenso falsch ist die Ansicht, dass Patienten oder deren Eltern neurotisch veranlagt seien oder seelische Belastungen das Asthma verursacht hätten. Vorwürfe an Eltern oder Mütter kranker Kinder seien schädlich für die Bewältigung der Krankheit.

Warum nimmt die Prävalenz zu? Schauerte nannte ein vermehrtes Angebot an Innenraumallergenen wie Tierhaaren oder Hausstaubmilben und eine erhöhte Belastung von Innenräumen durch Luftschadstoffe, zum Beispiel durch Rauchen. Vor allem bei Einzelkindern wird ein mangelndes Training des Immunsystems aufgrund seltener viraler oder bakterieller Infekte postuliert. Dringender Rat des Arztes: Allergenkontakt beim Säugling minimieren, das heißt Rauchen reduzieren, Zahl der Kuscheltiere einschränken, neue Matratze fürs Kind kaufen und mit einem Encasing überziehen.

Tipps für die Vorbeugung

Für alle Allergiker gilt: keine Haustiere. Auch Pollen- und Hausstaubmilbenallergiker würden irgendwann gegen Tierhaare sensibilisiert, sagte Dr. Ulrich Dorsch.

Die Sanierung des Haushaltes in puncto Hausstaubmilben muss immer beim Bett anfangen: keine Schaumstoffmatratze, kein Rosshaar. Kopfkissen und Oberbett alle drei Monate bei mindestens 60 °C waschen. Den effektivsten Schutz bieten Encasings, spezielle Milbenallergen-dichte Schutzbezüge, die ebenfalls regelmäßig gewaschen werden müssen. Vorsicht: Manche Encasings werden nach mehrmaligem Waschen durchlässig für Partikel. Über den Schutzbezug kommt immer ein Baumwoll-Laken.

Stofftiere kann man bei 60 °C waschen oder für zwei Tage einfrieren und dann waschen oder absaugen und abbürsten. Um Schimmelpilzbefall zu reduzieren, sollte man das Schlafzimmer auf 18 bis 20 °C heizen und Blumen und Tiere daraus verbannen. Weiterhin wichtig: Luftfeuchte reduzieren, drei- bis viermal täglich stoßlüften, kein Teppichboden, wischbarer Bodenbelag. Alle Maßnahmen gegen Hausstaubmilben reduzieren auch Schimmelpilze, sagte Dorsch. Und: "Alle Präventivmaßnahmen erfordern einen gewissen Aufwand; eine Patentlösung in Form von Geräten gibt es nicht."

Therapie anpassen dank Peak-Flow

Beweisend für ein Asthma ist die Lungenfunktion. Dabei hängt die Vitalkapazität vom Körperbau ab. Schauerte wußte eine Faustregel: Wieviele Tetrapack Milch passen in den Brustkorb? Dies entspricht dem Volumen der Lunge.

Große Bedeutung im Alltag hat der Peak-Expiratory-Flow (PEF), die maximale Spitzengeschwindigkeit beim Ausatmen. Der Wert hilft, den aktuellen Asthmaschweregrad zu erkennen und die Therapie nach dem Ampelschema anzupassen. Zugrunde gelegt wird die prozentuale Abweichung des aktuellen Messwertes vom persönlichen Bestwert. Den Bestwert ermittelt man im Zustand der Broncholyse, also nach Gabe eines beta-Sympathomimetikums, betonte Schauerte. Wenn Kinder wachsen oder Patienten ein anderes Peak-Flow-Meter benutzen, müssen sie ihren Bestwert neu feststellen.

Abends ist der PEF normalerweise besser als morgens. Viele Patienten kennen aber auch Tricks, um den Wert zu manipulieren. Nach Einatmen durch das Gerät erreicht man einen höheren Wert. Manche stellen den Zeiger nicht ganz zurück auf die Ausgangsposition oder helfen durch Schütteln nach. Tipp: Lassen sie sich zeigen, wie der Patient sein Peak-Flow-Meter benutzt.

Schulung ist das A und O

"Die Hamburger Asthma-Studie zeigt, dass die pharmazeutische Betreuung vom Patienten angenommen wird und erfolgreich ist." Beginnen könne man auch mit konsequenter intensivierter Beratung des Patienten, ermutigte Schneider die Seminargruppe und gab bei der Besprechung der einzelnen Applikationshilfen viele nützliche Hinweise.

Die meisten Patienten wollen sehen, wie man ein Dosieraerosol anwendet. Dann heißt es: Vormachen. Benutzen die Patienten mehrere Aerosole, wissen erschreckend viele nicht, welches ihr Dauermedikament und welches das Notfall-Spray ist. Eine farbliche Markierung kann bei der Unterscheidung helfen. Tipp: zuerst das Sympathomimetikum inhalieren, die Broncholyse abwarten und dann das Corticoid inhalieren. Ein Dosieraerosol soll einmal pro Woche gereinigt werden: Patrone entnehmen, Plastikteil in warmem Wasser schwenken und trocknen lassen. Beim Wechsel auf ein FCKW-freies Spray sollte man den Patienten darauf hinweisen, dass dieses Spray anders schmeckt und eine "weichere" Sprühwolke erzeugt als das gewohnte Aerosol.

Bei Pulverinhalatoren mit Steroiden ist kein Spacer nötig, da aufgrund der geringeren Teilchenbeschleunigung weniger Wirkstoff im Mund-Rachenraum abgelagert wird. Anschließend den Mund spülen oder immer vor dem Essen oder dem Zähneputzen inhalieren. Sorge bereitet manchen Patienten der Turbohaler®, da man die Inhalation nicht spürt. Ein guter Service der Apotheke: Mit dem Turbohaler-Usage-Trainer kann der Patient richtiges Inhalieren in der Apotheke üben. Alle Pulverinhalatoren müssen vor Feuchtigkeit geschützt werden; je nach Präparat gibt es Schutzkappen und -boxen.Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa