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Abciximab machte 1995 den Anfang

11.07.2005  00:00 Uhr
PZ-Innovationspreis

Abciximab machte 1995 den Anfang

von Elke Wolf, Rödermark

Ein neues Prinzip der Thrombozytenaggregationshemmung war es, das die sechsköpfige Jury 1995 überzeugte, den ersten PZ-Innovationspreis an Abciximab (ReoPro®) zu vergeben. »Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die zweithäufigste Todesursache«, sagte Professor Dr. Hartmut Morck damals bei der Preisverleihung mit Blick auf die Wichtigkeit effektiver Therapie- und Präventionsmaßnahmen auf diesem Gebiet.

Abciximab (c7E3) ist ein monoklonales Antikörperfragment, das mit hoher Affinität und Selektivität an den Glykoprotein-IIb/IIIa-Rezeptoren der Thrombozyten bindet. Damit ist die Bindung von Fibrinogen an diesen Rezeptor untersagt. Die Vernetzung der Blutplättchen zu einem Thrombus unterbleibt.

Thrombozyten tragen auf der Zelloberfläche etwa 30.000 bis 50.000 gp-IIb/IIIa-Rezeptoren. Diese binden den »Thrombozytenkleber« Fibrinogen erst nach Aktivierung zum Beispiel durch Thrombin oder ADP. Dadurch ändert sich ihre Konformation. Fibrinogen bildet dann zwischen mehreren aktivierten Thrombozyten Brücken aus und induziert so die Bildung des Plättchenthrombus. Interessant: Bei Hochrisikopatienten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetikern lassen sich vermehrt aktivierte Thrombozyten nachweisen.

 

Wissen Sie's noch? Zehnmal hat die Pharmazeutische Zeitung bereits den PZ-Innovationspreis vergeben und damit seit 1995 das jeweils innovativste Arzneimittel eines Jahres gewürdigt. Können Sie sich noch an die ehemaligen Preisträger erinnern? Die PZ wird in einer Serie die zehn Kandidaten der letzten Jahre vorstellen, bevor dann auf dem Deutschen Apothekertag in Köln die Innovation 2005 gekürt wird. Worauf beruht das neue Wirkprinzip? Waren die Arzneistoffe im Nachhinein wirklich wegweisend? Und haben sie gehalten, was man sich zu ihrer Markteinführung versprochen hat? Das sind die Fragen, die die PZ in dieser Serie beantwortet.

 

Die Substanz der Firma Lilly ist indiziert, um kardiale ischämische Komplikationen während oder nach perkutaner transluminaler Koronarangioplastie (PTCA, Ballondilatation) bei Patienten mit hohem Risiko für einen akuten Verschluss des behandelten Gefäßes zu vermeiden. Das betrifft unter anderem Patienten mit instabiler Angina pectoris oder einem Herzinfarkt. Bei circa 10 Prozent der Fälle kommt es in den ersten 48 Stunden nach PTCA zu kardialen ischämischen Komplikationen, 30 bis 40 Prozent entwickeln innerhalb der ersten 6 Monate eine Restenose. Patienten ohne aktivierte Blutplättchen erleiden in der Regel keine Wiederverschlüsse, während sie umgekehrt bei denjenigen mit aktivierten Thrombozyten fast immer auftreten.

Um einer Restenose entgegenzuwirken, galt bis dahin die kombinierte Gabe von Acetylsalicylsäure und Heparin als Mittel der Wahl. Klinische Studien zeigten, dass sich durch die Anwendung von Abciximab zusätzlich zur üblichen Standardmedikation mit Acetylsalicylsäure und Heparin die Gesamtzahl ischämischer Ereignisse wie Restenose, Notfall-Bypass oder Tod um etwa 35 Prozent senken lässt. Die zu erwartenden Nebenwirkungen liegen auf der Hand und entsprechen im Wesentlichen denen anderer Thrombozytenaggregationshemmer: Die Blutungsneigung ­ meist an der Einstichstelle ­ ist um das Doppelte erhöht (entspricht etwa 5 Prozent). Betroffen sind vor allem Patienten mit niedrigem Körpergewicht. Dieser Effekt lässt sich durch gewichtsabhängige Dosierung von Abciximab verringern.

Mittlerweile existieren Untersuchungen, die Abciximab den Rang als Mittel der Wahl neben Acetylsalicylsäure und Heparin bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom streitig machen. Therapieschemata, bei denen die Dreierkombination eingesetzt wird, müssten überdacht werden, so die Autoren einer Multicenterstudie mit 7800 Patienten. Abciximab hatte in dieser Studie keinen Vorteil gegenüber der ASS-Heparin-Kombination. Dagegen gibt es Beobachtungen, dass Abciximab beim akuten Schlaganfall nützlich sein könnte.

Eines steht jedoch fest: Das monoklonale Antikörperfragment mit dem wenig aussagekräftigen Kürzel c7E3 war der erste Vertreter der neuen Substanzklasse der Glykoprotein-IIb/IIIa-Antagonisten und war Wegbereiter für Tirofiban (Aggrastat®) oder Eptifibatid (Integrilin®), die ebenfalls die gemeinsame Endstrecke der Thrombozytenaggregation hemmen. Top

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