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Eine Aufgabe für alle

25.03.2002
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SUCHTHILFE

Eine Aufgabe für alle

von Brigitte M. Gensthaler, München

"Täuschen Sie sich manchmal selbst hinsichtlich Dosis und Häufigkeit einer Arzneimitteleinnahme? Verheimlichen Sie, dass Sie etwas einnehmen? Legen Sie Vorräte an?" Solche Fragen können auf die Spur eines Medikamentenmissbrauchs oder einer Abhängigkeit führen. Ein erster Schritt auf dem Weg aus der Sucht.

Unter dem Motto "Im Netzwerk Sucht hat jeder seine Aufgabe" veranstalteten die Bayerische Akademie für Suchtfragen, die Landesapotheker- und die Landesärztekammer am 13. März ihr erstes gemeinsames Suchtforum in München. "Suchtgefährdete Menschen brauchen umfassende Unterstützung von einer Reihe von Helfern; daher ist Kooperation das Wichtigste", stellte Dr. Georg Walzel, Drogenbeauftragter der bayerischen Staatsregierung, fest. Das Gesundheitsministerium werde die Vernetzung der Suchthilfesysteme weiter unterstützen.

Nach einer bundesweiten Erhebung aus dem Jahr 2000 zum Gebrauch von psychoaktiven Stoffen sind 1,8 Millionen Menschen zwischen 18 und 69 Jahren abhängig von psychotropen Medikamenten, berichtete Dr. Gerhard Bühringer vom Institut für Therapieforschung in München. Eine Substanzabhängigkeit entwickle sich oft über 10 bis 15 Jahre. Werden die Betroffenen direkt auf ihr Problem angesprochen, wechseln viele den Arzt oder Apotheker, sagte der Psychologe. Hellhörig werden sollten die Heilberufler, wenn Patienten über typische gesundheitliche Schäden, zum Beispiel an Leber und Niere, klagen, soziale Probleme auftreten, bei Unfällen möglicherweise ein Abusus im Spiel ist oder Angehörige und Dritte Andeutungen im Gespräch machen.

Wachsame Apotheker

Die Apotheke muss als "niedrigst schwellige Anlaufstelle für Suchtfragen" besser wahrgenommen werden, forderte die Augsburger Apothekerin Christiane Fahrmbacher-Lutz. Die Kollegen sollten sich als kritische Gesundheitsberater profilieren und die Kunden auf die Folgen eines übermäßigen Arzneimittelkonsums hinweisen. An der Schnittstelle zwischen Arzt und Patient könne der Apotheker als Katalysator fungieren. Die öffentlichen Apotheken haben allein in Bayern jährlich fast 129 Millionen Kundenkontakte, rechnete die engagierte Kollegin vor - ein weiterer Grund, ihre Kompetenz stärker zu nutzen, um Menschen mit Suchtproblemen zu erkennen und zu einer Therapie zu motivieren.

  

Das Netzwerk Sucht stärken Um den Austausch bei der Betreuung von Suchtpatienten zu fördern, wurde 1997 die Bayerische Akademie für Suchtfragen in Forschung und Praxis e.V. (BAS) gegründet. Eines ihrer Ziele: Sie will Ärzte, Apotheker und Drogenberater zusammenbringen. Dazu wurden auf regionaler Ebene Dreiergruppen mit je einem Angehörigen dieser Berufsgruppen gebildet, die als Multiplikatoren interdisziplinäre Arbeitskreise in ihrer Region organisieren. Die Dreiergruppen selbst treffen sich zweimal jährlich bei zentralen Tagungen des "Netzwerks Sucht" und tauschen Erfahrungen aus. In einem Internetforum können sie zudem aktuelle Fragen und Probleme besprechen. "Wir suchen in vielen Regionen noch Netzwerkpartner", warb Fahrmbacher-Lutz, die als Apothekerin dem Vorstand der BAS angehört. Weitere Informationen zur Arbeit der BAS unter www.bas-muenchen.de.

  

Auch die Gesprächskreise Arzt - Apotheker dienen diesem Ziel, folgerte Dr. Jens Schneider, Vizepräsident der BLAK, aus eigenen Erfahrungen in Augsburg. Die Beteiligten könnten zum Beispiel problematische Verordnungen - Tramadol, Codein oder Benzodiazepine für Heroinabhängige oder Methadon-substituierte Patienten - im vertrauten Kreis besprechen und ein sinnvolles Vorgehen vereinbaren.

Mit Empathie klappt Beratung besser

Ist eine Abhängigkeit erkannt, stellt sich die schwierige Frage, wie man mit dem Kunden ins Gespräch kommt. Clemens Veltrup, Leitender Psychologe des Therapieverbunds Ostsee, stellte das Konzept des "Motivational Interviewing" (MI) vor, das im Deutschen als "motivationale Intervention" oder "motivationale Beratung" bekannt ist. Dieses "klientenzentrierte, Substanz-unabhängige Vorgehen" eigne sich für die frühe Kurzintervention und könne von Ärzten und Apothekern gleichermaßen eingesetzt werden. Fahrmbacher-Lutz bestätigte, dass MI sich für die Beratung vieler, nicht nur abhängiger Patienten eigne.

Vorrangiges Ziel ist es, die Änderungsbereitschaft des Menschen zu fördern, um eine stabile Veränderung seines Konsumverhaltens zu erreichen. Statt des traditionell eher konfrontativen Umgangs mit Suchtpatienten empfahlen die Erfinder des Konzepts, Miller und Rollnick, einen von Empathie und Wertschätzung getragenen Umgang.

Notwendig ist es, beim Abhängigen eine Diskrepanz zu erzeugen zwischen seinen Wünschen und Hoffnungen, zum Beispiel auf den Erhalt von Arbeitsplatz und Familie, und der Substanz-bezogenen Realität. Der unerwünschte Ausgangszustand wird zum Ansatz für die Motivationsarbeit. Veltrup riet, mit dem Patienten über die persönlichen Vorteile zu sprechen, die eine Verhaltensänderung mit sich bringt. Hier könnten wichtige motivierende Gründe liegen. Widerstand sollte der Berater aufnehmen und nicht zu brechen versuchen, riet der Psychologe. Unbedingt solle der Glaube des Menschen an die eigenen Fähigkeiten, das Problem zu bewältigen, also seine Selbstwirksamkeit, gefördert werden. Dazu kann man selbstmotivierende Aussagen unterstützen und zugleich weitere Hilfe anbieten. Erfolge bei kleinen Änderungsschritten, die der Berater konkret empfehlen kann, stärken das Selbstvertrauen.

Reisebüromodell für die Apotheke

In Anlehnung an eine Empfehlung des National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism nannte Veltrup vier Schritte, wie Ärzte und Apotheker bei der motivationalen Kurzintervention vorgehen können:

  • Erfassung des Konsums,
  • Förderung der Änderungsbereitschaft,
  • Förderung der Änderungskompetenz,
  • kontinuierliche Beobachtung und Begleitung.

Aus der typischen Kaufsituation heraus sei es für den Apotheker schwierig, diese Beratung aufzubauen, räumte Veltrup ein und riet, "vom Tresenkonzept zum Reisebüromodell" zu wechseln. An einem Tisch sitzend, könne der Apotheker den Kunden viel leichter über Krankheiten, Arzneimittel und ihren Einsatz informieren, Alternativen aufzeigen und ihm eine kontinuierliche Begleitung anbieten. Das Hilfsangebot kann früh einsetzen. Dazu Veltrup: "Den riskanten Konsum vermeiden, bedeutet einen unproblematischen Gebrauch zu sichern." Top

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