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Pharmazie 3

18.03.2002  00:00 Uhr

INTERNATIONAL ASPIRIN AWARD

Amitriptylin verbessert die Gedächtnisleistung

von Dorothee und Boris Ferger, Zürich

Vergesslichkeit wird im Alter häufig zum Problem. Eine der möglichen Ursachen ist ein permanent erhöhter Glucocorticoidspiegel, der die Nervenzellen schädigt. Einem internationalen Forscherteam ist es nun gelungen, mit dem Antidepressivum Amitriptylin die Corticosteronwerte alternder Ratten zu normalisieren und ihre Lernfähigkeit zu verbessern.

Die Ratten nahmen acht Monate lang täglich Amitriptylin über das Trinkwasser zu sich. Die Behandlung begann im mittleren Lebensabschnitt. Danach mussten die inzwischen alten Ratten ihr räumliches Erinnerungsvermögen unter Beweis stellen und in einem Bassin schwimmend eine Unterwasser-Plattform wiederfinden. Die mit Amitriptylin behandelten Ratten schnitten dabei deutlich besser ab als ihre unbehandelten Altersgenossen: Ihr Gedächtnis war sogar mit dem junger Kontrolltiere vergleichbar.

Ein nachlassendes Gedächtnis im Alter hat viele Ursachen. Sowohl bei Nagern als auch beim Menschen können beispielsweise Nervenzellen geschädigt werden, wenn der Glucocorticoidspiegel im Blut über längere Zeit erhöht ist. Dabei ist besonders der Hippocampus betroffen, eine Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis verantwortlich ist.

Im Hippocampus selbst nimmt im Alter die Anzahl der Glucocorticoidrezeptoren ab, dadurch funktioniert der negative Rückkopplungsmechanismus im Regelkreis zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde nicht mehr reibungslos. Die Corticosteron-Spiegel bei Ratten und Cortisol-Konzentrationen beim Menschen steigen an. Auch in den Versuchen der schottischen und kanadischen Wissenschaftler waren die Corticosteron-Werte bei den unbehandelten alten Ratten erhöht. Die Behandlung mit Amitriptylin konnte diesen Anstieg deutlich reduzieren.

Antidepressiva erhöhen Rezeptordichte

Antidepressiva wie Amitriptylin erhöhen die Konzentration der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin im Gehirn. Diese Botenstoffe sind entscheidend daran beteiligt, die für die physiologische Kontrolle der Glucocorticoidspiegel wichtigen Glucocorticoid- und Mineralocorticoidrezeptoren zu erhalten. Die Autoren postulieren, dass durch Amitriptylin der im Alter gestörte negative Rückkopplungsmechanismus wieder besser funktioniert und so die Gedächtnisleistung erhalten bleibt. Allerdings: Dauer und Beginn der Amitriptylin-Einnahme sind kritisch. Erhielten die Ratten Amitriptylin nur über zwei statt acht Monate oder wurde mit der Verabreichung erst in hohem Lebensalter begonnen, hatte der Arzneistoff keine Wirkung.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass es wichtig ist, krankhaft erhöhte Glucocorticoidspiegel zu senken, um Gedächtnisprobleme im Alter zu vermindern. Ob allerdings auch eine Langzeitanwendung von Antidepressiva ein therapeutischer Ansatz sein könnte, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Quelle: Yau, J.L.W. et al., Journal of Neuroscience 22 (2002) 1436 - 1442.. Top

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