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Frischer Balsam für die Seele

07.02.2000
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-PharmazieGovi-VerlagCRH-ANTAGONISTEN

Frischer Balsam für die Seele

von Stephanie Czajka, Berlin

"Viagra für die Seele" betitelte das Magazin der Süddeutschen Zeitung (SZ) einen Text über eine neue Gruppe von Antidepressiva. Ob die neuen CRH-Antagonisten allerdings wirklich der nebenwirkungsfreie Stein der Weisen sind, bleibt nach Meinung von Experten abzuwarten. Am Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München wurde eine klinische Studie mit diesen Antagonisten gestartet.

Die Grundidee ist einfach: bei depressiven Patienten sind teilweise chronisch die Werte von Corticotropin-freisetzendem Hormon (CRH) erhöht. Werden die Rezeptoren für CRH blockiert, bessert sich die Depression. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch eine ganze Menge Fragen. Die erste ist die nach Ursache und Wirkung. "Wir denken schon, mit CRH näher an den Ursachen einer Depression dran zu sein", sagt Dr. Sieglinde Modell vom MPI. Eindeutig geklärt ist aber noch nicht, ob erhöhtes CRH Auslöser oder Begleiterscheinung einer Depression ist.

Die Wissenschaftler haben jedoch beobachtet, dass depressive Patienten mit erhöhten Stresshormon-Spiegeln (CRH und in Folge ACTH und Corticoide) häufiger rückfällig werden. Auch scheint es eine genetische Komponente zu geben. In der "Münchner Vulnerabilitätsstudie" waren Stresshormone bei Angehörigen depressiver Patienten höher als bei Kontrollpersonen. Und Mäuse ohne CRH-Rezeptor sind deutlich weniger ängstlich oder gestresst als ihre normalen Artgenossen. (Stress kann Auslöser, Angst Begleitsymptom einer Depression sein.)

Nicht bekannt ist, warum zuviel CRH produziert wird. Die derzeit favorisierte Erklärung ist, dass die negative Rückkopplung über Corticosteroid-Rezeptoren nicht funktioniert. Die Hormone sinken nach akutem Stress nicht mehr auf ihr normales Niveau ab. Während akuter Stress lebenswichtig ist für schnelle Abwehrreaktionen zum Beispiel gegen Infektionen, macht chronischer Stress krank.

Zwanzig stationäre Patienten hat Professor Florian Holsboer, Direktor des Münchener MPI für Psychiatrie, seit Anfang 1999 in einer offenen klinischen Phase-II-Studie behandelt. Noch ist die Studie nicht abgeschlossen. Die Patienten erhielten 30 Tage lang in Monotherpaie peroral einen nicht-peptidischen CRH-Antagonisten, danach wieder die Standardmedikation. Wichtigste Frage war, ob nur das Symptom Angst oder auch die Depression selbst verbessert wird. "Es sieht so aus, als ob die Depression auch in den nicht angstbezogenen Bereichen positiv beeinflusst wird", sagt Holsboer. Die Wirkung trete im Mittel früher ein als bei den klassischen Antidepressiva. Nebenwirkungen habe er nicht beobachtet, meint Holsboer. Auch der Corticoid-Haushalt gerate nicht durcheinander. Holsboer erklärt dies damit, dass nur die überschiessende CRH-Produktion antagonisiert werde. Unter Normalbedingungen wirke der Antagonist nicht.

Mäuse ohne CRH-Rezeptor sind akut weniger ängstlich oder gestresst. Lässt sich diese Beobachtung auf Menschen unter der Therapie mit einem Antagonisten übertragen? Wäre sogar Missbrauch einer Pille gegen Angst denkbar, fragte die SZ. "Der Soldat vor einem Angriff..., der Bankräuber vor einem Überfall...." Weil nur krankhafte Zustände beeinflusst würden, sieht Holsboer hier keine Gefahr. Fiebersenkende Mittel kühlten Gesunde auch nicht ab. "Mit dem Antagonisten können Sie unter Normalbedingungen nichts ausrichten, weil nichts da ist, was er antagonisieren kann." Bei entsprechender Dosierung blieben immer noch genügend Rezeptoren für die normale Stressantwort frei. Eine Maus ohne Rezeptor sei nicht zu vergleichen mit einem Menschen der einen Antagonisten einnehme. In den klinischen Versuchen hat Holsboer akuten Stress simuliert. Da er die Patienten nicht akutem psychischem Stress aussetzen wollte, injizierte er Ihnen während der Therapie CRH. "Die Stressantwort bleibt unverändert."

Quelle: Holsboer, F., The rationale for corticotropin-releasing hormone receptor (CRH-R) antagonists to treat depression and anxiety. J. Psy. Res. 33 (1999) 181 - 214.Top

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