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Antidepressiver Effekt erneut belegt

08.12.2003
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Johanniskraut

Antidepressiver Effekt erneut belegt

von Patrick Hollstein, Berlin

Immer wieder werden Zweifel an der Wirksamkeit von Johanniskraut-Extrakten bei der Behandlung von Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen geäußert. Eine Metaanalyse belegte nun erneut den Nutzen der pflanzlichen Therapie und zeigte, dass Johanniskrautextrakt auch die Begleitsymptome Ängstlichkeit und Schlafstörung deutlich bessert.

Die Verunsicherung hinsichtlich der Wirksamkeit von Johanniskraut-Präparaten bei der Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen beruht im Wesentlichen auf zwei großen amerikanische Studien aus den Jahren 2001 und 2002, die für den pflanzlichen Extrakt keinen signifikanten Vorteil gegenüber Placebo nachwiesen. In Fachkreisen wurden jedoch sowohl die Durchführung als auch die Schlussfolgerungen dieser Studien stark kritisiert. Eine Metaanalyse, in der die Daten von drei doppelblinden randomisierten multizentrischen Studien ausgewertet wurden, belegte nun erneut die Wirksamkeit.

Insgesamt erhielten 544 leicht bis mittelschwer depressive Patienten über einen Behandlungszeitraum von sechs Wochen entweder dreimal täglich 300 mg Hypericumextrakt (WS® 5570 und 5572) oder Placebo. Die Veränderung der Symptomatik wurde anhand der Hamilton-Depressions-Skala (HAMD) beurteilt. Dabei wurden die einzelnen Parameter in zwei so genannten Symptomkomplexen zusammengefasst. Die Parameter der ersten Gruppe beschreiben die „Kernsymptome“ der Depression einschließlich somatischer Aspekte.

  • Depressive Stimmung
  • Schuldgefühle
  • Suizidgedanken
  • Arbeit und sonstige Tätigkeiten
  • Depressive Hemmung
  • Gastrointestinale Symptome
  • Körperliche Symptome, allgemein
  • Genitalsymptome
  • Gewichtsverlust

Der zweite Komplex enthält Symptome der depressionsbezogenen Ängstlichkeit.

  • Einschlafstörung
  • Durchschlafstörung
  • Schlafstörung morgens
  • Erregung
  • Angst – psychisch
  • Angst – somatisch
  • Hypochondrie
  • Krankheitseinsicht

In beiden Komplexen besserten sich unter Hypericumextrakt die Symptome deutlich. Die Ergebnisse belegten eine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo. Damit sei erstmals gezeigt worden, dass Hypericumextrakt nicht nur die Kernsymptome der depressiven Störung, sondern auch die begleitende Ängstlichkeit sowie die mit der Depression verbundenen Schlafstörungen klinisch bedeutsam bessern kann, so die Autoren der Studie.

Eine multizentrische Langzeitstudie, deren klinischer Teil in Kürze abgeschlossen sein wird, soll nun Aufschluss über die Wirksamkeit von Hypericumextrakt in der Prävention neuer depressiver Episoden geben.

 

Hohe Akzeptanz In einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2002 schätzten sich 16,5 Prozent der Befragten als leicht belastet durch eine depressive Gemütslage ein. Anhand einer 14 Symptome umfassenden Liste sollten die Befragten den Schweregrad ihrer Symptomatik beurteilen. Weitere 7,5 Prozent fühlten sich mittelgradig belastet. Von der stark belasteten Gruppe, zu der sich 6,5 Prozent der Befragten zählten, war lediglich ein Viertel in ärztlicher Behandlung.

Fast die Hälfte der Befragten lehnte eine Therapie durch den Arzt generell ab. Dabei handelte es sich vor allem um Männer, jüngere Personen und Menschen mit höherer Bildung.

13 Prozent aller Betroffenen gaben an, eine Selbstbehandlung durchzuführen. Besonders Patienten, die bereits früher einen Arzt aufgesucht hatten, machten von dieser Therapieoption Gebrauch. In 57 Prozent der Fälle führte die Selbstmedikation zu einer Besserung der depressiven Symptome. In der am stärksten belasteten Gruppe lag die Erfolgsquote bei 47 Prozent.

Die Akzeptanz für synthetische Antidepressiva war vor allem in der gering belasteten Gruppe niedrig. Selbst von den stark belasteten Patienten konnten sich weniger als 30 Prozent eine Behandlung mit antidepressiv wirksamen Synthetika vorstellen. Demgegenüber bevorzugten fast 45 Prozent der Befragten pflanzliche Arzneimittel.

 

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