Pharmazeutische Zeitung online

Herceptin weckt große Erwartungen

25.09.2000
Datenschutz bei der PZ
BRUSTKREBS

Herceptin weckt große Erwartungen

von Ulrike Wagner, Frankfurt am Main

Nachdem die Europäische Arzneimittelkommission Ende August Trastuzumab (Herceptin®) in der EU zugelassen hat, strebt der Hersteller Hoffmann-La Roche nun auch die Zulassung für frühere Stadien der Erkrankung an. Das machten Ärzte und Vertreter des Konzerns auf einer Pressekonferenz am 14. September deutlich. Studien hierzu gibt es allerdings noch nicht. Bisher beschränkt sich die Zulassung auf die Second-line-Therapie von Patientinnen mit metastasiertem Mammakarzinom.

Wenn eine Substanz bereits in späten Stadien ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt hat, solle man sie nicht weiter ausschließlich an austherapierten Patientinnen untersuchen, sagte auch Professor Dr. Manfred Kaufmann, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Er plädierte dafür, Trastuzumab möglichst früh im Krankheitsverlauf einzusetzen.

Das Problem: Bisher gibt es nur eine einzige amerikanische Studie, die den Einsatz des Antikörpers in weniger fortgeschrittenen Stadien untersucht. Und hier sei es noch zu früh, Ergebnisse zu präsentieren. Trotzdem sollte bei jeder Brustkrebspatientin der HER2/neu-Status am Primärtumor bestimmt werden, forderte Kaufmann. Wenn dann später Metastasen auftreten, kann der Arzt entscheiden, ob eine Behandlung mit Herceptin sinnvoll ist oder nicht.

Bei Trastuzumab handelt es sich um einen humanisierten monoklonalen Antikörper, der das Oberflächenmolekül HER2/neu erkennt. Dieses Molekül befindet sich bei 25 bis 30 Prozent der Brustkrebspatientinnen in großer Zahl auf der Oberfläche der Tumorzellen. Es sendet permanent Signale in den Zellkern, die die Zelle zur Teilung anregen. Tumorzellen, die HER2/neu in großer Zahl auf ihrer Oberfläche tragen, verhalten sich besonders aggressiv.

Bindet Trastuzumab an HER2/neu, so nimmt die Zelle den Antikörper zusammen mit dem Rezeptor auf. Dort kann er seine fatale Wirkung nicht mehr entfalten. Zudem erkennt das Immunsystem den Antikörper auf der Tumorzelle und tötet diese daraufhin ab. Im Vergleich zur Behandlung mit Zytostatika ist die Herceptin-Behandlung nebenwirkungsarm. Eine solche Therapie ist jedoch ausschließlich bei den Patientinnen sinnvoll, deren Tumorzellen HER2/neu in großer Zahl auf der Oberfläche tragen. Verschiedene Techniken ermöglichen den Pathologen inzwischen, den HER2/neu-Status von Tumorzellen zu bestimmen.

Studien zur adjuvanten Therapie mit dem Antikörper sind noch nicht angelaufen, berichtete auch Professor Dr. Fritz Jänicke, Direktor der Universitäts-Frauenklinik in Hamburg-Eppendorf. Nach den vielversprechenden Ergebnissen der Studien beim metastasierten Mammakarzinom, erwarten die Experten gerade bei Patientinnen mit HER2/neu-postiven Primärtumoren ohne Metastasen Erfolge. Vor allem die Kombination mit den derzeit wirksamsten Medikamenten bei Brustkrebs, den Anthrazyklinen und den Taxanen, sei vielversprechend. Zumal der Antikörper im Gegensatz zu Zytostatika auch ruhende Tumorzellen erreicht.

Jänicke präsentierte in diesem Zusammenhang Daten, nach denen zwei Drittel der disseminierten Tumorzellen im Knochenmark beim Mammakarzinom den HER2/neu-Rezeptor überexprimieren. "Die meisten dieser Zellen teilen sich nicht", so der Gynäkologe, und sind damit für die herkömmliche Chemotherapie nicht erreichbar.

"In der Zytostatika-Therapie haben wir den Zenit erreicht", kommentierte Jänicke. Hier seien keine weiteren Fortschritte zu erwarten, was das Überleben angeht. Einzig die Nebenwirkungen könne man noch reduzieren. Seine Vorstellung von der Zukunft: mit Tumorzellen leben, ohne dass sie größeren Schaden anrichten. Jänicke hält dies mit neuen Medikamenten für möglich. Dazu zählte er nicht nur Herceptin, sondern auch antiangiogenetisch wirksame Substanzen und solche, die die Invasion von Tumorzellen verhindern.

Die Studien zur Anwendung von Trastuzumab als Adjuvans seien dringend nötig. "Wir können das Präparat nicht allen Frauen mit HER2-positivem Tumor geben, ohne dass die Wirksamkeit unter diesen Bedingungen nachgewiesen ist", so Jänicke. Einige dieser Frauen wollen trotzdem nicht auf Metastasen warten. Sie lassen sich das Präparat nun auf eigene Kosten verabreichen. Und die sind nicht zu knapp: Pro Woche kostet die Behandlung etwa 1800 DM.

Die Studien, die in diesem Jahr in Deutschland angelaufen sind, untersuchen die Wirksamkeit von Herceptin in der First-Line-Therapie beim metastasierten Mammakarzinom. Unter anderem soll hier die Kardiotoxizität von Herceptin geprüft werden. In vorherigen Studien war es in Kombination mit Anthrazyklinen zu kardiotoxischen Zwischenfällen gekommen. Allerdings bei verschwindend wenigen der 30 000 Patientinnen, die bisher mit dem Antikörper behandelt worden waren. Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa