Pharmazeutische Zeitung online

Penciclovir beschleunigt Heilung

11.07.2005  00:00 Uhr
Herpes labialis

Penciclovir beschleunigt Heilung

von Brigitte M. Gensthaler, München

Gletscherbrand, Fieberbläschen oder Herpes-Lippe: das sind gängige Begriffe für die unschöne und schmerzhafte Herpes-simplex-Infektion an der Lippe. Eine Lokaltherapie fördert die Heilung und lindert Symptome. Zu den rezeptfreien Topika zählt seit Anfang Juli auch das Virustatikum Penciclovir.

Häufigste Ursache des rezidivierenden Herpes labialis ist eine Infektion mit Herpes-simplex-Viren vom Typ 1 (HSV-1). Diese Viren werden meist schon in der Kindheit durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion erworben und persistieren im Ganglion trigeminale. Doch auch HSV-2, der typische Erreger des Herpes genitalis, kann die Lippenbläschen auslösen, berichtete Privatdozentin Dr. Monika Schmid-Wendtner von der Dermatologischen Klinik der Universität Bonn bei einem Pressegespräch der Novartis Consumer Health GmbH in München. Mehr als 90 Prozent der Erwachsenen weltweit sind mit HSV-1 infiziert, während sich HSV-2 bei 10 bis 30 Prozent der Erwachsenen in den Lumbosakralganglien eingenistet hat.

Trotz der hohen Durchseuchungsrate leiden »nur« 20 bis 40 Prozent der Virusträger an Lippenherpes. Sie erleben zwischen zwei und zehn Episoden pro Jahr, die bei immungesunden Menschen nach sieben bis acht, manchmal auch erst nach 15 Tagen von selbst abheilen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Im Alter und in der Postmenopause werden Rezidive meist seltener, sagte die Hautärztin. Man hat beobachtet, dass eine Schwächung des Immunsystems die Reaktivierung des »schlafenden« Virus begünstigt. So fördern starke Sonneneinwirkung, fieberhafte Infekte, Hautreizungen und -verletzungen, Reizungen des Ganglions durch Entzündungen oder zahnärztliche Eingriffe, psychische Faktoren wie Stress sowie hormonelle Umstellungen wie Menstruation oder Schwangerschaft den Ausbruch der Bläschen.

Lokaltherapie von Anfang an

Die Betroffenen kennen die Frühzeichen eines Lippenherpes wie Kribbeln, Brennen, Jucken und Spannungsgefühl an der Lippe meistens sehr gut. In diesem Prodromalstadium sollte die Lokaltherapie begonnen werden. Dafür stehen zahlreiche Topika zum Beispiel mit Aciclovir, Melissenextrakt, Zinksulfat, Heparin oder Kampfer und Thymol zur Verfügung. Möglicherweise fördert schon eine Basiscreme alleine die Heilung der Läsion und die Epithelisierung, sagte der Münchner Dermatologieprofessor Dr. Hans Christian Korting.

Neu in der Palette der Selbstmedikationsarzneimittel ist eine 1-prozentige Penciclovir-Creme (Fenistil® Pencivir bei Lippenherpes). Das Virustatikum ist seit 1996 in topischen Darreichungsformen verfügbar. Seit 1. Juli sind Packungsgrößen bis 2 g mit maximal 20 mg Wirkstoff von der Verschreibungspflicht befreit.

In zwei klinischen Studien mit mehr als 3000 Patienten wurde die Wirksamkeit der Penciclovir-Creme nachgewiesen, berichtete Korting. Gegenüber Placebo heilten die Läsionen schneller ab und die Schmerzen ließen rascher nach. Nach sechs Tagen waren 70 Prozent der Verum-Anwender geheilt, aber nur 59 Prozent der Patienten, die eine Placebocreme auftrugen. Nach acht Tagen lagen die Heilungsraten bei 85 versus 78 Prozent. Auch wenn die Patienten erst im Bläschen-Stadium zu den Cremes griffen, heilten die Läsionen unter Penciclovir signifikant schneller ab. In einer kleinen Studie war die Penciclovir-Zubereitung einer 5-prozentigen Aciclovir-Creme überlegen und wirkte auch, wenn die Therapie erst im Bläschen-Stadium begonnen wurde. Beide Arzneimittel wurden dabei alle zwei Stunden aufgetragen.

Bei Komplikationen zum Arzt

Leidet der Patient an starken Schmerzen und Fieber, ist eine Selbstmedikation nicht angebracht, warnte Schmid-Wendtner. Auch immunsupprimierte Menschen und Atopiker sollten unbedingt zum Arzt gehen. Gleiches gelte bei Verdacht auf eine bakterielle Superinfektion, zum Beispiel bei eitrigen Krusten, sowie bei Beteiligung der Augen (herpetische Keratokonjunktivitis). Tritt der Herpes häufiger als sechs Mal pro Jahr auf, könne der Arzt eine systemische antivirale Prophylaxe erwägen. Dazu wird in der Regel Aciclovir über drei bis sechs Monate verordnet.

Die Dermatologin mahnte zu größter Hygiene während der Herpes-Episode, denn der Patient sei vom ersten Auftreten der Symptome bis zur Bildung der harten Krusten infektiös. Besonders Säuglinge und Schwangere sollten vor Ansteckung geschützt werden, da die Viren bei ihnen schwere Krankheiten auslösen können. Kontaktlinsenträger sollten extrem aufpassen, dass sie nicht die Lippen und anschließend das Auge berühren. Mitunter sei es ratsam, die Kontaktlinsenflüssigkeit nach dem Abheilen des Lippenherpes zu wechseln. Eine neue Zahnbürste sei ebenfalls empfehlenswert. Sunblocker schützen die Lippen vor übermäßiger UV-Belastung und beugen damit dem Gletscherbrand vor. Top

© 2005 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa