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Zwischen Erkenntnis und Entsetzen

18.06.2001
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Biotechnik

Zwischen Erkenntnis und Entsetzen

von Elke Wolf, Berlin

Selten hat es eine Kontroverse gegeben, bei der Urängste, Heilserwartungen, ethische Wertbegriffe und kommerzielle Interessen so ineinander verwoben sind, wie bei der aktuellen Diskussion um die Genforschung. Für die Wissenschaft ist sie der Schlüssel zur Heilung vieler Krankheiten, Ethiker sehen darin eher ein Vergehen an der Schöpfung. Stammzellforschung sowie Nutzung von gen- und biotechnischen Methoden: wirklich ein Jahrmarkt der unbegrenzten Möglichkeiten? Zeit, sich kompetent zu informieren und sich eine Meinung zu bilden, bot das 2. Forum Pharmaceuticum der Gehe Pharmahandel in Kooperation mit Merck und der Pharmazeutischen Zeitung in Berlin.

Aktueller hätte das Thema der Veranstaltung kaum sein können. Derzeit schwappen die Wogen zwischen Erkenntnis und Entsetzen hoch. Diese auf eine gemeinsame Basis zu bringen, war die schwierige Aufgabe von Professor Dr. Jochen Taupitz, Institut für Deutsches und Internationales Medizin- und Gesundheitsrecht an der Universität Mannheim. Den Nationalen Ethikrat einzuberufen, dessen Mitglied er ist, hält er für absolut notwendig. Die Gesellschaft sei an einen Punkt angekommen, an dem sie überlegen muss, welche ethischen Maßstäbe für moralisches Handeln in der Biomedizin gelten sollten. "Die Rechtsordnung muss für sich Klarheit gewinnen, was erlaubt sein soll und wo der Freiheitsraum aufhört." Bevor das Parlament darüber jedoch Entscheidungen treffen kann, muss es sich sackundig machen und den interdisziplinären Meinungsaustausch suchen. Dies sei die Sache des Nationalen Ethikrats. Dieser entmachte weder das Parlament noch sei er eine Obermoralinstanz, die den einzelnen von seinem Gewissen befreit, informierte Taupitz. "Es ist gut, dass jetzt das Gewissen jedes einzelnen Abgeordneten gefragt ist und man dieses nicht hinter Fraktionsdenken verstecken kann."

Entscheidungsgrundlage ist das Embryonenschutzgesetz. Danach ist die Nutzung, Forschung und Vermehrung totipotenter Zellen, also solcher, die das Potential haben, sich zu einem vollständigen Individuum zu entwickeln, verboten. Nur pluripotente Zellen dürfen für die Forschung genutzt werden, also Zellen, aus denen zwar spezielle Gewebetypen, aber kein vollständiges Individuum hervorgehen kann. So einfach diese Regelung klingt, so "viele Bauchschmerzen macht sie Juristen", sensibilisierte Taupitz. Er forderte dazu auf, darüber nachzudenken, ob das Embryonenschutzgesetz nicht nur in einigen Punkten liberalisiert, sondern dezidiert verschärft werden muss. Dafür nannte er zwei markante Beispiele:

Das Embryonenschutzgesetz umfasst nur die Zellen von der Befruchtung bis zur Implantation in den weiblichen Körper. Da Feten diesem nicht unterliegen, dürfen Stammzellen aus einem natürlich abgegangen oder abgetriebenen Feten entnommen werden. Ist das die Legitimation zur Abtreibung? Taupitz: "Der Mutterleib ist für den Embryo der gefährlichste Ort der Welt, hier unterliegt er der Dispostionsgewalt der Frau, in der Petrischale unterliegt er jedoch dem Schutzgesetz." Der zweite Punkt, der nach den Worten Taupitz an der Sinnhaftigkeit des Embryonenschutzgesetzes zweifeln lässt, ist die Erlaubnis der Chimärenbildung zu Forschungszwecken. So dürfen Wissenschaftler zwar nicht einen menschlichen Zellkern in eine menschliche Eizelle implantieren, um ein vollständiges Individuum daraus zu machen. Wenn sie aber den Zellkern in eine tierische Eizelle zu Forschungszwecken implantieren, ist das nach derzeitigem Recht legal.

Taupitz glaubt, dass es ernstzunehmende Gründe für die embryonale Stammzellforschung gibt. - wenn es die Menschenwürde erlaubt. Obwohl bekannt ist, dass ich multipotente Zellen reprogrammieren lassen, hätten adulte, fetale Stammzellen nur begrenzten Nutzen. Zellprogrammierungsvorgänge müssen von Anfang an, also an der embryonalen Stammzelle, studiert werden, um Rückschlüsse auf die Reprogrammierung ziehen zu können. Ergebnisse an der adulten Stammzelle helfen da nur bedingt weiter.

Das therapeutische Klonen biete den derzeit besten experimentellen Ansatz, um Alzheimer oder Parkinson effektiver behandeln zu können. Auch für eine Organogenese, zum Beispiel von Niere oder Herzmuskel, zeige diese Methode zumindest bestreitbare Wege, stimmte Professor Dr. Hans Günter Gassen vom Institut für Biochemie der TU Darmstadt zu. Sowohl in seinem Vortrag als auch in der Podiumsdiskussion machte Gassen klar, dass sich unter Dogmatikern der Gegensatz zwischen dem Menschsein-Status einer Eizelle und der Ermöglichung des therapeutischen Klonens nicht auflösen lässt. Sie akzeptierten nicht, dass zur Menschwerdung auch die Nidation, also die Einnistung in den Uterus gehört. Gassen ist überzeugt, eine befruchtete Eizelle mit Hilfe von Signalproteinen zum Nervengewebe zu steuern, die Menschürde nicht tangiert, solange die Ziele moralisch zu akzeptieren sind. "Wer Prinzipientreue über menschliches Leid stellt, handelt inhuman."

Pluripotente Zellen dürfen importiert werden

Bei der Podiumsdiskussion durfte der Fall Oliver Brüstle, der seit Wochen im Rampenlicht steht, nicht unerwähnt bleiben. Der Bonner Neuropathologe hatte vor eineinhalb Jahren den Antrag gestellt, pluripotente Stammzellen aus Israel importieren zu dürfen. Dies will man ihm bis zum heutigen Tag nicht gewähren. "Darf er, was er will?", fragte Diskussionleiter und PZ-Redakteur Daniel Rücker. Neben Taupitz und Gassen schlug auch Professor Dr. Theo Dingermann vom Biozentrum in Frankfurt am Main die Lanze für Brüstle. Die drei Professoren prangerten die "skandalöse Darstellung" in den Medien an.

Tatsache sei: Brüstle darf diese Zellen, da sie nur pluri- und nicht totipotent sind, importieren - sowohl vom rechtlichen als auch vom ethisch-moralischen Standpunkt gesehen. Da diese pluripotenten Stammzellen im Ausland und nicht hierzulande gewonnen wurden, unterliegt das nicht der hiesigen Gesetzgebung. Diese Regelung hat man im Embryonenschutzgesetz absichtlich geschaffen, um dem Territorialiätsprinzip zu folgen. Taupitz: "Wir dürfen nur strafrechtlich verfolgen, was auch hierzulande geschieht. Wir dürfen uns nicht anmaßen, andere Vorstellungen anderer Länder zu verurteilen. Schließlich geht Brüstle nicht nach Israel und tötet dort Embryonen. Er nutzt lediglich embryonale Zelllinien, die schon seit langem etabliert sind. Das ist moralisch ein großer Unterschied." Der Vowurf, Ministerpräsident Clement würde eine Gesetzeslücke ausnutzen, sei nicht korrekt, stellte Taupitz klar. Allerdings sei es der Sache absolut nicht dienlich, dass sie zum Politikum geworden ist.

Rekombinante Arzneistoffe heute und morgen

Der Diskussionsrunde vorausgegangen waren Vorträge der einzelnen Podiumsteilnehmer. So bot Dingermann einen spannenden und informativen Überblick über in Deutschland zugelassene gentechnisch hergestellte Proteine. Derzeit gibt es deren 60 - mehr als in keinem anderen Staat. Darunter finden sich Hormone, Enzyme, Zytokine, Gerinnungsmodulatoren, Antikörper und rekombinante Antigene.

Alle rekombinanten Wirkstoffe imponierten durch ihren hohen Sicherheitsstandard, sagte der Frankfurter Molekularbiologe. Dies gelte nicht nur für ihre biologische Sicherheit im Vergleich zu Konzentraten aus humanen Quellen, sondern auch für die Kontamination aus dem Produktionsprozess. Verunreinigungen ließen sich nur theoretisch errechnen. "Katastrophen wie die Kontamination von Blutgerinnungs-Faktor-VIII-Präparaten mit HIV oder Hepatitis-Viren oder von Wachtumshormon-Präparaten mit Erregern der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sind bei gentechnisch gewonnenen Präparaten ausgeschlossen", hob Dingermann hervor. Dennoch stellte er den meisten rekombinanten Arzneistoffen keine gute Zukunftsprognose aus. "Zwar kann man mit ihnen gezielter in das Krankheitsgeschehen eingreifen, aber prinzipiell sind sie zu groß, werden von Proteasen schnell abgebaut und müssen parenteral gegeben werden. Rekombinante Wirkstoffe sind zwar gute Arzneistoffe, aber schlechte Arzneimittel." Die Zukunft liegt nach Dingermann in kleineren Molekülen, die Funktionen der Proteine imitieren.

Besonders Onkologen warten händeringend auf neue Arzneistoffe inklusiver neuer Therapieprinzipien. "In der Onkologie sind die Grenzen der klassischen Therapiestrategien wie Operation, Strahlen- und Chemotherapie nahezu erreicht", sagte Dr. Fred Harms von Merck Darmstadt. Auf der Wunschliste stehen beispielsweise Biologicals, deren Wirksprinzipien sich stärker an den Pathomechanismen des Tumors orientieren. Forscher bei Merck setzen auf Angiogenesehemmer, die die Blutversorgung des Tumors blockieren, auf Immunozytokine, die das Immunsystem aktivieren, und auf monoklonale Antikörper, die Krebszellen selektiv erkennen können. Am weitesten vorangeschritten (Phase III) sind Untersuchungen zu Cetuximab, einem Antikörper zur Behandlung von soliden Tumoren, die den EGF-Rezeptor exprimieren, informierte Harms.

Die Aktivierung des epidermalen Wachstumsfaktor(EGF)-Rezeptors ist für Wachstum und Metastasierung der Tumoren nicht unbedeutend. Außerdem schützt die Aktivierung dieses Rezeptors offenbar die Krebszelle vor dem zerstörerischen Werk der Chemo- und Strahlentherapie, wodurch sich die Wirksamkeit dieser Behandlungsformen abschwächt. Cetuximab bindet an den EGF-Rezeptor und verwehrt somit den Wachstumsfaktoren den Zugang. Cetuximabs primäre Indikationen sind Tumoren im Kopf-Hals-Bereich, Dickdarmkrebs und nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom. 60 bis 90 Prozent dieser Tumoren tragen EGF-Rezeptoren.

Klinische Studien haben nach den Worten Harms ergeben, dass Cetuximab vor allem in Kombination mit einer Radio- oder Chemotherapie additive oder gar synergistische Effekte erzielt. Der monoklonale Antikörper scheint besonders mit Doxorubicin zu korrespondieren. Harms: "Aus der Analyse der Daten ergibt sich, dass Cetuximab auch bei Patienten aktiv ist, bei denen von den Standardtherapien nur noch wenig zu erwarten ist." Betrage beispielsweise die Überlebensrate von Patienten mit Tumoren im Kopf-Hals-Bereich nur noch wenige Wochen, habe sich diese durch Cetuximab zum Teil auf über ein Jahr verlängert.

Die Folien und Manuskripte zu den Vorträgen können Sie downloaden. Top

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