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Atomoxetin gegen ADHS

04.04.2005  00:00 Uhr
Neu auf dem Markt

Atomoxetin gegen ADHS

von Elke Wolf, Frankfurt am Main

Mit Atomoxetin ist das erste Nicht-Psychostimulans zur Behandlung von Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf den Markt gekommen. Das somit einzige Medikament für diese Indikation, das nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt, ist für Kinder ab sechs Jahren und Jugendliche im Rahmen eines umfassenden Therapieregimes zugelassen; eine Weiterbehandlung ins Erwachsenenalter ist möglich.

Atomoxetin (Strattera® 10, 18, 25, 40 und 60 mg; Lilly) hemmt selektiv den präsynaptischen Noradrenalin-Transporter und erhöht dadurch die Konzentration von Noradrenalin im synpatischen Spalt. Der Arzneistoff weist nur eine minimale Affinität zu noradrenergen Rezeptoren sowie zu Serotonin- und Dopamin-Rezeptoren und -Transportern auf. Als selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer beeinflusst er indirekt die Dopamin-Aktivität im präfrontalen Cortex, nicht aber im Striatum und Nucleus accumbens, worauf die fehlende Suchtentwicklung zurückgeführt wird. In einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie zum Missbrauchspotenzial zeigte Atomoxetin keine Wirkungen, die auf stimulierende oder euphorisierende Eigenschaften hindeuteten. Der bisherige Arzneistoff erster Wahl, das Psychostimulans Methylphenidat, wirkt, indem es die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin gleichermaßen in die sendende Nervenzelle hemmt.

Atomoxetin wird nach oraler Einnahme rasch und nahezu vollständig resorbiert. Eine gleichzeitige Nahrungsaufnahme beeinflusst die Resorption nur minimal, so dass es mit den Mahlzeiten eingenommen werden kann. Die absolute Bioverfügbarkeit beträgt nach oraler Aufnahme zwischen 63 und 94 Prozent, abhängig von der Stärke des First-pass-Effekts. Maximale Plasmakonzentrationen werden nach einer bis zwei Stunden erreicht.

Atomoxetin darf nicht zusammen mit MAO-Hemmern angewendet werden. Da es primär über das CYP2D6-Isoenzym verstoffwechselt wird, ist bei gleichzeitiger Anwendung von CYP2D6-Inhibitoren wie Fluoxetin oder Paroxetin Vorsicht geboten. Auch bei Beta-2-Agonisten wie Salbutamol, blutdrucksenkenden Mitteln und Antidepressiva sollte Atomoxetin nur vorsichtig eingesetzt werden.

Der Arzneistoff wird einschleichend und körpergewichtsadaptiert dosiert. Meist reicht eine einmal tägliche Einnahme. Bei Bedarf kann die Tagesdosis auch auf zwei Applikationen verteilt werden. Erste Therapieeffekte sind zwar bereits in der ersten Behandlungswoche zu erwarten, die volle Wirkung wird jedoch nach durchschnittlich vier bis sechs Wochen erreicht.

Die akute Wirksamkeit der neuen ADHS-Therapieoption wurde in sechs randomisierten placebokontrollierten doppelblinden Studien an über 4000 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bestätigt. Die Wirkung ist demnach weitgehend unabhängig vom ADHS-Subtyp, Geschlecht, Alter und psychiatrischen Störungen. und mit derjenigen von Methylphenidat vergleichbar. Auch eine signifikante Besserung des Selbstwertgefühls, des Verhaltens und der Familienaktivitäten war zu verzeichnen. Die Studien dauerten aber nur sechs bis neun Wochen.

Die Langzeitwirkung bestätigte sich in einer einjährigen Studie mit über 400 Patienten. Der Anteil der Patienten, die nach einem Jahr einen Rückfall erlitten, betrug 18,7 Prozent für Atomoxetin und 31,4 Prozent für Placebo. Wurde nach einjähriger Atomoxetin-Behandlung sechs weitere Monate mit Verum oder Placebo therapiert, erlitten die Patienten der Verum-Gruppe im Vergleich zu Placebo mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen Rückfall oder ein partielles Wiederauftreten der Symptome (2 Prozent versus 12 Prozent).

Atomoxetin erwies sich als gut verträglich. Häufigste Nebenwirkungen waren Appetitlosigkeit, abdominelle Beschwerden und Kopfschmerzen. Weil die Anwendung von Atomoxetin mit einer erhöhten Inzidenz einer Mydriasis verbunden ist, sollte der Arzneistoff nicht bei Patienten mit Engwinkelglaukom angewendet werden. Top

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