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Fentanyl jetzt auch am Stiel

25.03.2002
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Fentanyl jetzt auch am Stiel

vonBrigitte M. Gensthaler, München

Patienten mit starken Tumorschmerzen brauchen neben einer effektiven analgetischen Dauertherapie auch ein schnell wirksames Mittel, um Durchbruchschmerzen lindern zu können. Neben Tropfen und Sublingualtabletten können sie seit Anfang März zum Lutscher greifen.

Der Lolli besteht aus einer Fentanyl-haltigen Lutschtablette, die mit einem essbaren Klebstoff an einen Kunststoff-Stiel geklebt ist (Actiq® von Elan Pharma, München). Der Wirkstoff ist in Dosen von 200 bis 1600 µg in die Zuckermatrix der Tablette eingearbeitet. Beim Kontakt mit der Mundschleimhaut wird das lipophile Fentanyl sehr rasch transzellulär resorbiert und gelangt in den systemischen Kreislauf. Nach Passage der Blut-Hirn-Schranke kann es im ZNS an seinen Wirkort, die Opioid-Rezeptoren vom Typ µ, binden. Man geht davon aus, dass bei dieser oral-transmukosalen Applikation ein Viertel der Dosis durch die Wangenschleimhaut resorbiert und der Rest mit dem Speichel verschluckt wird. Etwa ein Drittel dieser Menge ist - nach Resorption aus dem Magen-Darm-Trakt - systemisch bioverfügbar, so dass letztlich die Hälfte der applizierten Menge wirksam werden kann.

Das Medikament ist nur zugelassen für Patienten, die mit langwirksamen Schmerzmitteln, zum Beispiel retardiertem Morphin oder transdermalem Fentanyl oder Buprenorphin, gut behandelt sind. Das bedeutet auch, dass der Schmerz die analgetische Decke nicht häufiger als viermal pro Tag durchbricht. Nur für diese Fälle ist Actiq® zugelassen. Wie findet man die richtige Dosis? Treten die Schmerzspitzen auf, schiebt der Patient einen 200-µg-Lutscher in die Backentasche, bewegt ihn im Mund hin und her und lutscht ihn über 15 Minuten. Ziel ist es, möglichst viel Kontakt mit der Mundschleimhaut zu erreichen. Falls nötig, kann er nach 15 Minuten einen zweiten Lolli der gleichen Stärke nehmen. Reicht dies bei der nächsten Schmerzepisode wieder nicht aus, wird die nächst höhere Dosierung probiert. Die Dosistitration ist dann beendet, wenn der Patient die Schmerzspitzen mit einem Lutscher in den Griff bekommt.

  

Tipps für die Patienten Obwohl die Lutschtablette einen Phosphatpuffer enthält, sollte man während und kurz vor der Anwendung keine sauren Getränke wie Zitrusfruchtsaft oder Kaffee trinken. Grapefruitsaft ist ebenfalls mit Vorsicht zu genießen: Der Saft könnte das Fentanyl-abbauende Enzym CYP3A4 hemmen und damit die Wirkung verstärken und verlängern. Wer an trockenem Mund leidet, kann den Mund mit Wasser anfeuchten. Die Lutschtablette nicht zerbeißen und kauen. Bei den ersten Anzeichen einer Überdosierung, zum Beispiel einer Atemdepression, den Lutscher sofort aus dem Mund nehmen.

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